[Rezension] "Die Mitternachtsbibliothek" von Matt Haig

 

Autor: Matt Haig
Originaltitel: The Midnight Library
Genre: Science-Fiction, Fantasy
Verlag: Droemer
Format: eBook
Seiten: 320 
ISBN: 978-3-426-30825-7
Erschienen: 04/2023
Preis: 9,99 €
Leseprobe




Klappentext
Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gefüllt mit all den Leben, die du hättest führen können. Alles, was du jemals bereut hast, könntest du ungeschehen machen. Genau dort findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort zwischen Raum und Zeit, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, hat sie plötzlich die Möglichkeit, all das zu ändern, was sie aus der Bahn geworfen hat. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist?

"Die Mitternachtsbibliothek" von Matt Haig war ein Buchgeschenk, eines, das bereits auf meiner Wunschliste stand, da ich so begeistert von der Leseprobe war und das Buch ein Versprechen auf ein tieferes Verständnis davon bot, wie sich viele Kleinigkeiten zu einem großen Ganzen entwickeln können, das sich auf das eigene Leben auswirkt. Der Autor bringt das schwierige Thema Suizid auf eine philosophische Art zum Ausdruck und regt dadurch zum nachdenken an. Zu Beginn ist es fantasievoll und man begleitet nicht nur die seelische Tiefe der Hauptprotagonistin, die verständlich und eindrücklich beschrieben wird, sondern landet auch in einer wundervoll gestalteten Parallelwelt, in der alles möglich zu sein scheint und sehr viele verschiedene Abenteuer warten. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto philosophischer und wissenschaftlicher wird die Geschichte und zerrte sehr an meiner Fähigkeit weiter zu lesen, da es immer mehr darum ging eine reale Lösung zu präsentieren. Der fantasievolle Teil des Buches und die Vorstellungskraft, die sich in meinem Kopf breit machte und so gerne in der Mitternachtsbibliothek bleiben wollte, wurden sehr stark ausgehebelt. Am Ende herrschte doch eine gewisse, innere Zufriedenheit, da Noras Reise zu sich selbst so beeindruckend war...

Ein Buch mit diesem Titel und dieser Aufmachung, diesem Versprechen an den Leser, das es mehr gibt, als das, was man selbst jeden Tag erlebt und viele Perspektiven durch verschiedene Ansichten entstehen können, musste mich natürlich faszinieren. Es ist leicht sich in die Hauptprotagonistin Nora Seed hinein zu fühlen, deren Leben Stück für Stück zerfällt und die nicht mehr daran glaubt, dass ihr Leben noch etwas Gutes für sie bereit hält. Sie hält sich für eine Zumutung für ihre Mitmenschen, jemanden, der nur falsche Entscheidungen trifft und damit ihre Familie unglücklich macht. Die Ereignisse, die sich aufstauen und schließlich zu ihrer Entscheidung führen ihr eigenes Leben zu beenden, mögen für einen normal denkenden und fühlenden Menschen mit mentaler Stabilität fast schon lächerlich erscheinen, doch der Autor - dessen Vita man entnehmen kann, dass er selbst mit Depressionen zu kämpfen hat und daran dachte sein eigenes Leben zu beenden - hat diesem Thema ein Gewand der Verständlichkeit verpasst und seine Figur auf eine Reise geschickt, die man als Leser sehr leicht nachempfinden kann. Matt Haig erschafft tiefe Emotionen, wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist über Quantenmechanik und Paralleluniversen zu schwadronieren... 

So fühlte sich ihr jetziges Leben wahrscheinlich an. Eine einzige große Galopprennbahn. Aber sie hatte keine Ahnung, ob sie in diesem Gleichnis das Pferd war oder der Jockey.

Die fünfunddreißigjährige Nora Seed lebt durch die Mitternachtsbibliothek viele verschiedene Leben, indem sie sich ihren Reuegefühlen stellt und klitzekleine Entscheidungen sie mal zu sehr erfolgreichen, mal zu sehr interessanten und auch zu einsamen Leben führen. Es gibt keinen Beruf, den sie nicht ausgeübt, keine Familienstruktur, die sie nicht ausprobiert und keinen Traum, den sie ausgelassen hat. Und doch entdeckt sie viele Ähnlichkeiten zu ihrem realen Leben, in der ihre Mutter tot ist, ihre Hochzeit abgesagt wurde, sie dem Leistungsdruck ihres Vaters nicht standhalten konnte und mit ihrem Bruder gebrochen hat, als sie wegen Panikattacken aus der Band ausgestiegen ist. Nora ist depressiv und steht sich selbst im Wege, doch als Leser sieht man die Feinheiten, wenn sie in ein anderes Leben schlüpft und feststellt, dass sie zu einer Person nun mehr Kontakt hat, während eine andere völlig verschwunden ist. Kein Leben ist perfekt und wenn man denkt, man kann eine Kante ausbügeln, hat sich irgendwo schon ein neuer Knick breit gemacht. 

"Die Mitternachtsbibliothek" war, was den philosophischen Teil betrifft, wirklich nervenaufreibend, aber Nora zu begleiten und all diese möglichen Leben zu erleben, war spannend und hat zum Nachdenken angeregt. Das Ende dieser Geschichte hat mich dann endlich auch emotional gepackt und so extrem mitfiebern lassen, dass ich mir ein paar Tränen nicht verkneifen konnte. 


Nora ist eine Protagonistin, in die man sich als Leser leicht hineindenken kann. Ihr zerrüttetes Verhältnis zu ihrem Bruder setzt ihr zu, der ihr die Schuld daran gibt, dass durch ihren Ausstieg sein Traum einer eigenen Band geplatzt ist. Ihre Panikattacken und Lampenfieber kann er nicht begreifen. Der Druck ihres Vaters, der sie hart auf eine erfolgreiche Karriere als Schwimmerin vorbereitet, ist zu groß. Ihr fehlt der Sinn ihrer Existenz, dabei will sie doch einfach nur etwas bewirken. 

Als ihr einziger Klavierschüler aufhört, ihr Nachbar nicht mehr auf ihre Medikamentenlieferung angewiesen ist, sie ihren Job verliert, weil ihr Chef ihr sagt, sie verdiene etwas Besseres, und ihre Katze stirbt, beschließt Nora, dass es Zeit ist die Welt zu verlassen und die Geschichte voller Existenzfragen beginnt. 

Nora lebt viele unterschiedliche Leben und eines ist abenteuerlicher als das andere. Auf der Suche nach "dem perfekten Leben" durchlebt sie einen Lernprozess, der sie mit vielen ihrer Entscheidungen konfrontiert und ihr verdeutlicht, was ihr im Leben fehlt und worauf es wirklich ankommt. Ganz egal welches ihrer möglichen Leben sie gerade lebt, der Fokus liegt viel auf den persönlichen Bindungen und was diese familiären und freundschaftlichen Gefühle in ihr auslösen. Sie hat die Chance zu wachsen, ihr Leben aus völlig neuen Perspektiven zu sehen und zu erkennen, was das Leben wirklich wert ist. Ihr eigener Abschluss in Philosophie in ihrem ursprünglichen Leben spielt eine sehr große Rolle in ihren Gedanken. 

Matt Haigs Schreibstil ist manchmal sehr fesselnd und mitreißend, während er in anderen Situationen fast einschläfernd wirkt. 



Lieblingszitat:
"Nachdem Per gestorben war, habe ich es nicht mehr in Oslo ausgehalten. So viele Menschen, aber er war nicht mehr darunter, verstehst du? Da gab es dieses Café, in das wir immer gegangen sind, in der Nähe der Uni. Wir sind dort immer zusammengesessen, schweigend. Glücklich schweigend. Haben Zeitung gelesen, Kaffee getrunken. Nach seinem Tod war es schwer, solche Plätze zu meiden. Denn wir waren ja überall in der Stadt. Seine Seele suchte mich in jeder Straße heim. Immer wieder habe ich der Erinnerung gesagt, ›verpiss dich‹, aber sie dachte gar nicht daran. Trauer ist etwas Schreckliches. Wenn ich noch länger geblieben wäre, hätte ich irgendwann die ganze Menschheit gehasst. Und deshalb war es meine Rettung, als in Spitzbergen eine Forschungsstelle frei wurde. Ich wollte irgendwo sein, wo er nie gewesen ist. Ich wollte irgendwo sein, wo mich sein Geist nicht mehr verfolgte. Aber die Wahrheit ist, es funktioniert nur halb. Orte sind Orte, Erinnerungen sind Erinnerungen, und das Leben ist nun mal das beschissene Leben."

Der Autor:
Matt Haig, Jahrgang 1975, ist ein britischer Autor. Seine eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen sind auch stets ein zentrales Thema in seinen Büchern. Zuletzt sind von ihm das Sachbuch "The Comfort Book" sowie die Romane "Ich und die Menschen" und der Bestseller "Die Mitternachtsbibliothek" erschienen. Im August 2024 erscheint sein neuer Roman "Die Unmöglichkeit des Lebens". Matt Haig lebt mit seiner Familie in Brighton.
 
Quellen:
Foto © Droemer
Inhalt & Zitate © Matt Haig
Klappentext © Droemer

1 Kommentar:

  1. Schönen guten Morgen!

    Ich hab das Buch auch gelesen und ich fand die Idee dahinter wirklich toll! Es zeigt, dass egal wie wir uns entscheiden eben dennoch etwas auf uns zukommt, das nicht passt oder das wir gerne ändern würden. Und egal wie wir uns den Kopf über unsere Entscheidungen brechen - wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber dafür das, was wir jetzt tun. Unseren Weg lenken wir mit den Entscheidungen in der Gegenwart.
    Ich hatte nur das Gefühl, zwischendurch, dass es etwas zu "einfach" dargestellt wird. Denn wenn man in einer Depression hängt ist es eben nicht leicht, alles hinter sich zu lassen und nach vorne zu sehen.
    Aber die Denkanstöße sind wichtig, um überhaupt wieder herauszufinden...

    Liebste Grüße, Aleshanee

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