~Mein toter Freund ~ - Kapitel 1

Diese Geschichte sollte nie erzählt werden und doch sehe ich jetzt den richtigen Moment um sie mit jedem zu teilen, der sie liest.
Es ist wirklich passiert. Alles entspricht dem, wie ich es erlebt habe. Diese Geschichte wird vielleicht maximal fünf Kapitel umfassen - was viel wäre... Das Ende - soviel sei jetzt schon verraten - wird aber ein glückliches sein, ein anderes als ich es erlebt habe. Soabld diese Erzählung von der Realität abweicht werde ich noch einmal darauf hinweisen.
Und nun zum ersten Teil...


1. Kapitel

Bisher war es kein besonderer Tag gewesen. Samstag. Ein Tag an dem ich nie wusste was ich tun sollte. Wo andere Abends feiern gingen blieb ich zu Hause und schaute meine Lieblingscrimeserie in Doppelfolge und las anschließend in einem Buch.
So würde es auch heute wieder sein.
Mein Freund und ich lagen ausgestreckt und aneinander gekuschelt auf dem Bett. Es machte uns nichts aus bis Mittags einfach nur rumzuliegen und gar nichts zu tun. Auch wenn es unsere Wohnung bitter nötig hätte.
Na ja. Meine Wohnung. Er war nur Gast. Aber ein langfristiger. Seit meinem Einzug war ich keine Nacht alleine gewesen und wie sagte man so schön? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und somit gehörte Daniel schon zur Einrichtung.
In unserer Beziehung krachte es häufig, weswegen er den größten Teil seines Tages mittlerweile bei seinem Kumpel verbrachte statt mich zu unterstützen.
Mein Innerstes war in letzter Zeit hochsensibel, und doch hatte ich keine Ahnung woher das kam. Meine Therapie hatte eine Pause eingelegt, weil ich dachte mittlerweile stark genug zu sein, doch scheinbar war das ein schwerwiegender Irrtum. Doch mein Stolz hielt mich davon ab meinen Therapeuten zu kontaktieren und um die Wiederaufnahme der Sitzungen zu bitten. Ich kam mir vor wie der letzte Schwächling. Und ein Feigling noch dazu.
In den letzten zwei Wochen hatte ich mich wieder häufiger geritzt. Meine Lösungen um Spannungen, Schmerz und Probleme aus meinem Körper zu verbannen – sie regelrecht auszubluten. Als ich meinem Therapeuten sagte es ginge mir besser war das ja auch nicht gelogen, denn mein Hang zur Klinge zu greifen wurde durch andere Mittel ersetzt ohne das ich mich bewusst dafür entschieden hatte. Ich war wirklich der Meinung davon losgekommen zu sein und sagte mir all meine Probleme seien ganz alltägliche, mit denen sich jeder rumzuplagen habe. Ausbildung, Berufsschule, kein großer Freundeskreis, eine komplizierte Beziehung. Soweit hatte ich recht. Aber was war mit meinen Träumen? Der Fall meiner Mutter. Der Schrei. Das Blut. Und dann ein anderer Traum, der sich schnell mit dem meiner Mutter verschmolzen hatte. Im einen Moment lag noch meine Mutter in diesem Krankenhausbett, an Schläuchen angeschlossen, die sie am Leben hielten, mit einer blutverkrusteten Nase. Einen Augenaufschlag später lag dort ein großer, kräftiger Mann mit kurzen Haaren, geschlossenen Augen und zerkratztem Gesicht.
Meine große Liebe. Edward.
Ich erinnerte mich mit deutlichem Schmerz an den Anruf seiner Mutter.
„Edward hatte einen Autounfall. Er liegt im Koma.“
Ich war naiv wenn ich dachte es seien alltägliche Probleme. Kein normaler 17-jähriger Teenager musste sich damit konfrontieren, dass die Mutter vor elf Jahren in ihrem Beisein einen Suizidversuch unternahm und dann hinterher von Sekten sprach, die sie dazu gezwungen hatten sich umzubringen, sonst würde ihrer Tochter was passieren. Was hatte ich damals schon verstehen können als sie mir sagte „Ich habe es für dich getan“ ?
Und welcher Teenager musste sich damit abfinden einfach nur tatenlos zusehen zu können wie ihre große Liebe mit dem Leben rang, während neues Leben in ihr entstand?
In Erinnerung an den Moment im Krankenhaus an Edwards Bett legte ich meine Hand reflexartig auf meinen Bauch, wie zu der Zeit viele Male zuvor.
Unser Baby war seinem Vater sechzehn Tage später in den Himmel gefolgt.
„Hast du wieder Bauchschmerzen?“, fragte eine dunkle Stimme direkt neben mir und holte mich in die Realität zurück.
Ich saß neben meinem Freund und blickte ihn verständnislos an. Daniel war so ganz anders als Edward. Er hatte langes, welliges Haar was in dunklen Strähnen sein Gesicht umrahmte. Und braune Augen, die mich jetzt mit einer Wärme bedachten, dass mir eisig kalt wurde.
Nach Edwards Tod  hatte ich mich in eine Scheinwelt begeben und kurze Zeit später meinen Schmerz mit einem Mann abgedeckt, der mich mit seiner Arroganz ganz gehalten hat. Domenik war komplett anders als alle Männer die ich zuvor kennen gelernt hatte. Er war liebenwürdig, aber verdammt selbstverliebt und half mir dabei meinen Fokus so auf ihn zu legen, dass ich weniger an Edward denken musste.
Dann kam Darius. Und veränderte meine Welt erneut. Doch diesmal war es eine wollige Wärme, die tief aus seinem Herzen kam. Später erkannte ich, dass er mich darin ertränkt hatte.
Als Daniel in mein Leben trat war es sowohl unverhofft als auch berauschend. Er war wie eine verbotene Frucht. Seine dunkle, tiefe Stimme sandte Beben durch meinen Körper und ließ mich vergessen was er vielleicht wirklich für ein Typ war. Er hatte Ecken und Kanten und doch brauchte ich genau diese Art von rauer Wildheit.
Wenn ich ihn jetzt angucke fühlt es sich an als würde ich ihn hintergehen. Daniel wusste nichts von meinem letzten Träumen, die von meinem verstorbenen Freund handelten. Er war immer noch mein Freund. Ich hatte einen toten und einen lebendigen Freund. Nie einen toten Ex-Freund, denn das wäre falsch gewesen. Uns konnte wirklich nur Gottes Wille trennen.
„Hey, ist alles okay?“, fragte Daniel und zog mich wieder mit seiner Gewalt in die Realität meiner Wohnung zurück.
Ich hatte mich nicht bewegt, nur einen Punkt fixiert, was ich an der Taubheit meiner Finger merkte, die ich zum wärmen unter meinen Oberschenkel geschoben hatte.
„Ja, alles okay“, erwiderte ich. Es war als hätte er eine Münze in eine Parkuhr geworfen, die sprechen konnte. In diesem Fall war es die automatische Seelenparkuhr, die nur Antworten lieferte, die keinen beunruhigten.
Daniel sah mich skeptisch an. Wahrscheinlich hatte er diesen Satz einfach zu oft gehört während ich nur da saß und meine Blicke Löcher in die Wände brannten.
„Na wenn du meinst“, sagte er und drehte sich um.
Ich fühlte mich mies. Auch wenn ich eine Auszeit genommen und eigentlich ihm vor den Kopf gestoßen hatte, so fühlte ich mich verletzt und das war nicht fair. Ich hielt wohlweislich den Mund und wartete einfach darauf, dass er mich wieder ansprach. Was Erfahrungsgemäß nie lange dauerte.
Und in diesem Moment passierte es.
Ich hörte seine Stimme...
Der Wirbel in meinem Inneren wurde zu einem Torpedo und förderte alle Erinnerungen, die noch erfrischend klar waren – klaren als ich geahnt hatte – zu Tage.
Edwards Atem, wie er meinen Nacken streifte, wenn er mir zärtliche Liebeserklärungen ins Ohr hauchte.
Edwards Lippen, wie sie Worte formulierten, die so rein und schön waren, schöner als jeder Picasso.
Eine ruckartige Bewegung ließ meine Augen auf die Mattscheibe heften und alles in mir spannte sich an. Meine Lippen öffneten sich leicht, so als könne ich einen Schrei nicht unterdrücken. Meine Augen waren entsetzlich weit aufgerissen.
Er war es wirklich.
Mein Teddybär. Meine große Liebe. Mein Edward.
Ich schmeckte die Tränen eher als das ich sie spürte. Das Salz auf meinen Lippen rann in meinen offenen Mund, aber es störte mich nicht. Zu sehr war ich damit beschäftigt zu verstehen was dieses bewegte Bild was ich sah in mir anstellte.
Seine Bewegung war immer noch die selbe. Seine Handgestik so vertraut. Seine Augen klar und blau, Augen in denen ich mich damals schon verloren hatte.
„Edward“, sagte ich unwillkürlich. Und dann verstand auch mein Freund. Ich wusste, dass er Edwards Bilder auf meinem PC entdeckt hatte. Erkannte er ihn auch?
„Ist er das?“, fragte er mich und schaute mich an. Ich fühlte wie ich unter seinem Blick verbrannte.
Meine Mundwinkel mussten verzerrt sein, ausgetrocknet, denn ich bekam nicht genug Speichel zusammen um das „Ja“ zu bilden.
„Komm mal her, Schatz.“ Und dann zog er mich an sich. Ein Wirbel zwischen Flucht, Angst, Sehnsucht und Hilflosigkeit umschloss mich, ich wusste nicht welchem Gefühl ich zuerst nachgeben wollte. Aber würden sie nicht auch so wunderbar miteinander kombinieren? Ich spürte die Antwort in mir.
Die Tränen rannen an meiner Wange hinab und die Schluchzer, die folgten, drückten mich näher an Daniel. Sein Griff wurde fester, doch jetzt wehrte ich mich. Es war verdammt nochmal nicht richtig! Ich wollte mehr von Edward sehen, die wertvollen Sekunden seinen Anblick, seine Stimme, einfach alles aufsaugen. So lange hatte ich Angst ihn irgendwann zu verlieren. Nicht so, wie er mir bereits genommen wurde, sondern die Erinnerung an ihn. Doch ein Blick auf den Fernsehbildschirm nahm mir die Furcht. Er war noch genau die Person, die ich geliebt hatte und auch immer noch liebte. Niemals würde mein Körper die Erinnerung loslassen.
Irgendwie war es leicht – zu leicht – sich vorzustellen seine Hände zu spüren, die mich sanft trösteten.
Daniel sagte nichts. Ich sagte nichts. Ich hing meinen Gedanken nach, während ich Edward sah. Er ließ mich und ich lag immer noch in seinen Armen.
Die Sendung war viel zu schnell vorbei und mir wurde bewusst, dass es einem glücklichen Zufall zu verdanken war, dass ich wenigstens die Hälfte sehen konnte.
Glaubte ich an Zufall? Irgendwie nicht. Glaubte ich an Schicksal? Und warum dachte ich ausgerechnet jetzt darüber nach?
Doch das war zuviel zum nachdenken. Stattdessen glitten meine Gedanken an die bisherigen Ausschnitte aus seinem Darstellerleben – wie er es nannte, da er nur Komparsenrollen hatte. Von dieser Sendung hatte ich nichts gewusst. Wahrscheinlich traf es mich deshalb so hart. Ich war darauf nicht vorbereitet gewesen.
Aber wie sollte man auch auf etwas vorbereitet sein? Edward war nun fast fünf Jahre tot.

---Vorkommende Namen wurden bis auf den Anfangsbuchstaben verändert---

(ursprünglich habe ich diese Geschichte im März begonnen zu verfassen, doch bisher ist es nur dieses Kapitel)

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