Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 25. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
25. Kapitel: Verbündete

Sinas POV

„Schatz?“
Roberts Stimme drang durch den Nebel meiner schönsten Träume und umhüllte mich mit einer Zärtlichkeit, die mich unwillkürlich lächeln ließ.
„Wach auf meine Schönheit.“
„Ich bin wach“, nuschelte ich, noch leicht im Tiefschlaf.
Er lachte. „Und warum bekomme ich dann noch keinen Kuss?“
Langsam streckte ich mich, drehte meinen Kopf in die ungefähre Richtung seiner Lippen, fühlte wie seine Hand meine Wange berührte und ließ es zu, dass seine Lippen sanft die meinen streichelten.
„Daran könnte ich mich glatt gewöhnen“, murmelte er an meinem Ohr und streichelte sanft meinen Nacken.
„Ich mich auch“, stöhnte ich leicht und kuschelte mich enger an ihn. Seine Hand streichelte über meine Wange, meinen Hals und meinen Bauch und ich schloss genießerisch die Augen.
„Du hast lange geschlafen und du glühst“, sagte Robert und betastete meine Stirn. Ich fühlte mich tatsächlich ein wenig erhitzt, mir war ein wenig übel, aber das kannte ich in letzter Zeit.
„Hey, ich bin schwanger und nicht krank.“
„Bist du sicher?“ Er küsste meine Stirn.
„Ja“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Ich hatte in letzter Zeit einfach nur viel Stress und meine Gefühle sind verdammt oft mit mir durchgegangen. Offensichtlich habe ich ein bisschen Schlaf benötigt. Mir geht es besser.“ Robert sah mich zweifelnd an und hob eine Augenbraue. „Ehrlich, Dr. Pattinson.“ Ich lachte als er versuchte seine Augenbraue noch höher zu ziehen. „Pass auf, dass sie nicht hängen bleibt“, lachte ich. Er seufzte. „Beschäftigt dich irgendetwas? Du siehst so nachdenklich aus.“
Er bleib stumm und sah mich eine Weile einfach nur an, dann küsste er mich erneut auf die Stirn und stand auf.
„Ich mache dir einen Tee. Hast du Lust auf Obstsalat? Ich lasse uns etwas aufs Zimmer bringen.“ Und schon war er in die Küche verschwunden.
„Das wäre toll“, rief ich ihm noch nach. „Aber mach dir bitte keine Umstände.“
Er blieb eine Weile in der Küche und ging, nachdem er bei der Rezeption ein kleines Schlemmerfrühstück bestellt hatte, ins Badezimmer. Er ging mir nicht aus dem Weg, aber etwas schien ihn zu belasten und er wollte es vor mir verbergen. Soweit kannte ich ihn schon und ich wusste, dass er es nicht böse meinte.
„Rob?“, rief ich in Richtung Badezimmertür und wickelte mir beim Aufstehen die Decke um den Leib. „Was machen wir heute? Ich habe Lust ein wenig rauszugehen.“
In Wirklichkeit hatte ich keine Lust dazu, aber wir brauchten beide ganz dringend eine Ablenkung.
„Klar, Süße“, antwortete er. „Ich hatte noch nicht wirklich viel von meiner Familie. Was meinst du, sollen wir mit meinen Eltern Essen gehen?“
„Und deine Schwestern?“ Es war eine unwillkürliche Frage, die mir Erinnerungen mitbrachte und mein ganzes Inneres durcheinander brachte. Jetzt wusste ich, warum der Schlaf mich in Roberts Armen so schnell übermannt und mich in seinen Schutz gezogen hatte.
Janniks höhnisches Lächeln als er sich nach dem Gespräch mit Robert verabschiedet hatte. Robert hatte es nicht gesehen und ich wusste, dass es nur mir gegolten hatte.
Es klopfte an der Tür. In einer Art Dèjá Vu Gefühl ging ich schleppenden Schrittes auf die Tür zu und streckte meine Hand der Klinke entgegen. Irgendwie traute ich mich nicht sie zu öffnen. Ich war mir fast sicher, dass Jannik dahinter lauerte und mich nur höhnisch angrinsen würde. Es klopfte erneut und in dem Moment trat Robert aus dem Badezimmer. Seine Haare waren zerzauster als vorher.
„Willst du nicht aufmachen?“ Er lächelte. „Das dürfte unser Essen sein.“
Ich trat von der Tür zurück und bedeutete ihm sie selbst zu öffnen. Nachsichtig lächelnd küsste er mich und öffnete dann die Tür.
Es war Elizabeth – Roberts Schwester.
„Hey ihr zwei“, grüßte sie uns, umarmte Rob und schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. „Chris Weitz meinte schon ihr hättet euch zurückgezogen.“
„Hey Lizzy, komm doch rein. Wo sind Mom und Dad?“
Lizzy runzelte die Stirn. Man sah ihr an, dass sie ungern darüber reden wollte. „Sie sitzen mit Vicky und ihrem Macker im Restaurant.“
Macker? Lizzy schien Jannik aus irgendeinem Grund nicht zu mögen. Wahrscheinlich kannte ich ihn doch, da Lizzy ja alles mitbekommen hatte, aber aus irgendeinem Grund war ich doch überrascht. Sie wirkte grimmig.
Robert bemerkte es ebenfalls. „Willkommen im Club, Schwesterherz. Kommt, lasst uns ins Wohnzimmer gehen.“
Ich folgte den beiden und setzte mich neben Robert, Lizzy nahm in dem Sessel platz, dann legte sie los.
„Es ist einfach ungeheuerlich. Mom und Dad waren so froh dich endlich wiederzusehen und jetzt müssen sie Vicky Stützenhilfe geben. Sie sind beide fassungslos und ich habe auch schon mitbekommen, wie sie Vicky versuchten zu einer Trennung zu überreden, aber sie ist unbelehrbar und sagt sie liebt ihn so sehr, dass sie ihm eine neue Chance geben will. Ich kann es einfach nicht begreifen – “
„Lizzy“, unterbrach Robert sie. „Wir können diese Entscheidung nicht für sie treffen.“
„Das weiß ich ja“, seufzte Lizzy. „Aber du solltest im Mittelpunkt stehen. Man, weißt du wie Vicky sich auf dich gefreut hat, wir alle haben uns auf dich gefreut. Und jetzt ist alles im Eimer.“
„Es tut mir leid“, flüsterte ich.
Beide starrten mich erstaunt an. „Was tut dir leid, mein Schatz?“
„Alles“, erwiderte ich mechanisch. Ich fühlte mich verantwortlich. Wäre ich nie nach Vancouver geflogen, hätte ich niemals Robert kennen gelernt, niemals hätte ich gewusst, mit wem Jannik mich betrogen hatte. Ich hätte sicher und geschützt in Deutschland gelebt und hätte der Familie Pattinson eine Tragödie erspart.
„Das ist völliger Unfug“, sagte Elizabeth sanft. „Dich trifft doch keine Schuld daran, dass du mit einem Arschloch zusammen warst. Ich kann dir versichern, dass Robert das komplette Gegenteil von ihm ist.“ Sie lächelte mich aufmunternd an und es war so ein warmer Blick, sie war mir sympathisch und ich vertraute ihr sofort. „Aber unsere Schwester trifft auch keine Schuld“, wandte sie sich direkt an Robert. „Ich kenne sie gut genug um sagen zu können, dass sie niemals auf Jannik eingegangen wäre, wenn er von Anfang an mit offenen Karten gespielt hätte.“
„Da hast du recht“, stimmte Robert zu. „Aber sie hätte jetzt die Chance nutzen können ihre Konsequenzen daraus zu ziehen. Das tut sie auch nicht.“
„Da kann ich sie auch nicht ganz verstehen“, antwortete Elizabeth. „Aber sie scheint ihn wirklich zu lieben und bei ihr ist das lange her.“
Ich versuchte mich einen Moment auszublenden, während sie über die Beweggründe ihrer Schwester redeten. Das ging mich nichts an.
Stattdessen dachte ich einen Moment über Jannik nach. Was plante er? Denn er plante zweifelsfrei etwas und ich wusste, dass es nichts positives werden würde.
Und obwohl ich das wusste, wollte ich doch wissen, wie er nun zu mir stand. Seine Aussage Robert gegenüber hatte mich einfach nur stutzig gemacht und ich musste mich doch fragen, was er im Schilde führte. Wieder tauchte sein höhnisches Lächeln vor meinem inneren Auge auf.
Jetzt konnte ich Lena ganz gut gebrauchen. Ich musste mit ihr reden und zwar auf der Stelle.
„ – sie weiß nicht was sie da tut.“
„Macht es euch etwas aus, wenn ich mal einen Moment telefonieren gehe? Ich brauche gerade meine beste Freundin.“
„Nein, mach nur“, sagte Robert sanft und küsste mich. „Nimm dir ruhig ein wenig Zeit.“
„Danke.“
Ich schnappte mir mein Handy vom Tisch und wählte direkt Lenas Nummer, während ich das Zimmer nebenan ging. Es war lange her, dass wir miteinander geredet hatten – zu allem Überfluss hatten wir uns auch noch gestritten. Wegen Jannik.
Die Erinnerung weckte mich und ich legte direkt wieder auf. Auch wenn ich Lena jetzt ganz dringend brauchte – sie war schließlich meine beste Freundin und wusste mir meist zu helfen – musste ich mit einer Ablehnung rechnen, mit der ich gerade nicht ganz klar kommen würde.
Ich ließ den Kopf hängen und setzte mich niedergeschlagen hin. Es musste ja soweit kommen.
Das Klingeln meines Handys ließ erst gar nicht zu, dass ich mich in diesen düsteren Gedankenstrudel ziehen ließ. Erstaunt starrte ich auf den Namen, den ich da las.
Lena.
Unsicher hob ich ab und meldete mich ganz leise.
„Sina?“ Es tat so gut Lenas Stimme zu hören. Bis jetzt hatte ich nicht gewusst, was es mir bedeuten würde, aber als die ersten Tränen liefen, war ich mir der Verbundenheit zu Lena wieder sicher. „Hey Sweety, weinst du etwa?“ Ich schluchzte. „Oh Gott“, Lena lachte. „So schlimm bin ich also, dass ich dich zum weinen bringe?“
„Nein. Nein, Lena“, brachte ich geradeso heraus. „Es tut mir leid, ich bin einfach nur so verdammt froh, deine Stimme zu hören.“
„Geht mir genauso“, gab sie zu. „Ich habe schon gehört, es ist viel passiert. Erzähl, Sina, warum wolltest du mich erreichen?“
Einen Moment war ich aus dem Konzept gebracht. „Was weißt du und woher?“, hakte ich nach.
„Ich habe die letzten Tage viel von deinem Vater gehört und das du den Dreh ganz schön verzögert hast.“
„Wo steckst du?“, fragte ich.
„Ich bin wieder in Deutschland. Du warst ja verdammt mit deinem Schnuckelchen beschäftigt, wenn du nicht einmal meinen Brief auf deiner Tasche bemerkt hast.“
„Brief?“, fragte ich erstaunt. „Welchen Brief?“
Lena gluckste. „Ich habe dir einen Brief hinterlassen, in dem ich dir geschrieben habe, dass mich die Pflicht ruft und mein Schatz mich vermisst. Und das mir unser Streit sehr leid tut.“
„Mir auch“, sagte ich. „Verzeih mir bitte, Lena.“
„Klar“, kicherte sie. „Und jetzt erzähl. Ich bin neugierig. Wie läuft es mit deinem Star?“
Ich musste unwillkürlich lächeln. „Was hat Paps dir denn so feines erzählt?“
„Och nicht viel“, wich Lena geschickt aus. „Nur, dass er seine Tochter kaum noch wieder erkennt. Wie ist er? Küsst er gut?“
„Lena“, tadelte ich sie. „Mal nicht so neugierig, klar?“
„Och Süße, bitte“, flehte sie weiter.
„Okay, na schön. Ich erzähl es dir ja schon.“
„Fein. Da bin ich ja mal gespannt.“
Ich erzählte Lena alles, wie in alten Zeiten. Angefangen von dem Moment als sie nach unserem Streit gegangen war und Robert kurze Zeit später kam, wie sich ihr Gespräch entwickelt hatte, wie unglaublich zärtlich und offen er gewesen war und sogar, wie sie ihre erste Nacht erlebt hatte.
„Und die Narben?“, fragte Lena erschrocken. „Er hat dich tatsächlich nackt gesehen?“
„Ja. Und stell dir vor, wie er reagiert hat. Er fragte mich tatsächlich wie er etwas nicht akzeptieren könnte, was so bedingungslos zu mir gehören würde. Ist das nicht der Wahnsinn?“
„Kaum zu glauben“, staunte Lena. „Ich darf dir echt gratulieren.“
„Danke.“
Ich erzählte ihr auch von meinem Traum und dem Moment, als Robert mich fand. Lena hatte erschrocken aufgeschrien und mich ausgeschimpft, dass ich so was nie wieder machen sollte. Ich hörte mir fünf Minuten lang ihre Selbstvorwürfe an, dass sie nicht hätte abreisen dürfen, bis ich ihr sagte, dass es mir dank Roberts Hilfe gut ging und ich den Vorfall gut verdaut hatte.
„Freut mich zu hören, aber ein bisschen beleidigt bin ich schon.“
„Wieso?“, fragte ich verwirrt.
„Na weil du ja nun ein neues Trostpflaster gefunden hast. Da brauchst du mich ja gar nicht mehr.“ Sie hörte sich nicht böse an, einfach nur ein wenig beleidigt und selbst das kaufte ich ihr nicht ganz ab.
„Er kann mir aber niemals meine beste Freundin ersetzen, die mir soviel Freude geschenkt und Leid abgenommen hat.“ Ich sagte es mit einem leichten Lächeln, aber sie wusste, dass ich es verdammt erst meinte. „Du bist die Beste, Lena. Unverkäuflich und Unersetzlich.“
„Okay, okay, genug geschleimt Fräulein, und jetzt erzähl weiter.“
Ich erzählte ihr von unserem Ausflug in ein Café und wie die Angst, wir könnten zusammen gesehen werden, sich nicht ganz verdrängen lassen wollte.
„Hey, dass ist doch nur logisch. Er ist ein Star, ein sehr begehrter noch dazu. Was meinst du, was ein Fotograf für ein Foto bekommt, wenn er eines mit euch beiden zusammen an die Presse verkauft.“
„Ich will es gar nicht wissen“, sagte ich sarkastisch. Darüber hatte ich mir lange genug den Kopf zerbrochen und auch wenn ich wusste, worauf ich mich hier einließ, wollte ich nicht, dass es mich so schnell zum handeln zwang. Noch schien die Presse nichts davon erfahren zu haben und ich brauchte keine Gedanken daran zu verschwenden.
„Aber du wirst nicht darum herum kommen, Sina.“ Lenas Stimme wurde eindringlicher. „Du willst ihn wirklich?“
„Ja.“
„Du liebst Robert Pattinson und nimmst ihn so, wie er ist?“
„Ja, du Standesbeamtin“, kicherte ich. „Ich liebe ihn, aber noch weiß die Presse nichts von uns, und dabei bleibt es auch noch.“
„Da kannst du dir niemals sicher sein.“
„Ich weiß ja, aber – “
„Aber du willst darüber aktuell nicht nachdenken?“
„Richtig.“
„Gut. Dann erzähl mir mal was von deinem Ekel Ex. Hat er sich wieder bei dir gemeldet? Das letzte, was ich ja weiß, ist wie er dich einfach so am Telefon abserviert hat, als du ihm von der Schwangerschaft erzählt hast.“
„Jannik ist hier in Vancouver“, ließ ich die Bombe ohne großes Nachdenken platzen.
„Wie bitte?“ Lenas wütender Aufschrei schallte in meinem Ohr wieder. „Er ist bei dir? Ist er dir etwa gefolgt, oder was?“
“Nein, er hat seine neue Freundin begleitet, die zufällig die Schwester von Robert ist.“
Lena blieb still. Wahrscheinlich musste sie erst einmal verdauen, was ich ihr gerade offenbart hatte und ließ ihr einen Moment Zeit.
Als sie endlich wieder mit mir redete, kündigte sie ihren Besuch an. So bald wie möglich wollte sie zusammen mit ihrem Freund nach Vancouver kommen. Sie konnte mir noch so oft sagen, dass sie es tat um mir beizustehen, ich wusste es besser. Sie wollte Jannik persönlich in die Hölle befördern.
„Hör mal Sina, ich werde jetzt auflegen und mit Mark reden. Ich lass dich so jetzt nicht im Stich. Außerdem will ich deinen Neuen auch mal unter die Lupe nehmen.“
„Du bist herzlich eingeladen“, sagte ich, weil ich wusste, dass ich sie davon nicht abbringen könnte.
„Dann mach’s mal gut und halte durch. Ich hab dich lieb.“
„Das schaffe ich schon. Du weißt doch, ich habe Robert“, grinste ich.
„Ja, ja, entschuldige, ich vergaß, du brauchst mich ja nicht mehr.“ Sie lachte ebenfalls.
„Ich hab dich auch lieb, Lena.“ Dann legte ich auf.
Es tat gut mal wieder mit ihr zu reden und irgendwie war ich doch froh, dass sie kommen würde. Lena konnte sagen was sie wollte, ich brauchte sie genauso sehr wie Robert.
Ich ging zurück ins Wohnzimmer und versuchte mir nichts anmerken zu lassen, als ich Roberts Eltern sah. Ich hatte nicht bemerkt, dass sie gekommen waren, aber beide sahen mich freundlich an und reichten mir erneut die Hand.
„Schade, dass wir uns unter so schrecklichen Umständen kennen lernen mussten, Miss Weitz, aber es freut uns sehr“, sagte Mrs. Pattinson strahlend. Ich schaute ihr genau in die Augen. Daher hatte Robert seine Ausstrahlung. Sie war eins zu eins auf ihren Sohn übergegangen.
„Es freut mich auch, Sie kennen zu lernen“, sagte ich höflich. „Aber nennen Sie mich bitte Sina, ich fühle mich sonst so steinalt.
Mrs. Pattinson lächelte. „Aber natürlich, liebe Sina. Dann darfst du mich aber auch ruhig Clare nennen.“ Ich war beeindruckt von ihrer Offenheit. Vielleicht auch einfach, weil ich das von Janniks Eltern nicht kannte.
„Und ich bin Richard“, sagte Mr. Pattinson. „Wir freuen uns, dich in unserer Familie begrüßen zu dürfen.“
Diese Worte rührten mich und einen Moment wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich entschuldigte mich und verschwand für einen Moment ins Bad. Es war mir peinlich, dass gerade jetzt meine Gefühle mit mir durchzugehen schienen, aber die Freundlichkeit von Roberts Eltern hatte mir gezeigt, wie es laufen sollte – wie ich es mir immer gewünscht hatte. Und es verdeutlichte, wie falsch alles mit und um Jannik herum gelaufen war. Doch ich war lange mit ihm zusammen gewesen und es erschien mir immer so, als wäre ich ohne ihn nicht lebensfähig.
Und genau da lag der Unterschied zwischen meinem Ex-Freund und meinem neuen Freund. Von dem einen hatte ich mich zu sehr abhängig gemacht, der andere gab mir alles was ich brauchte mit einer Selbstverständlichkeit, die an Selbstlosigkeit erinnerte und machte es mir leicht dennoch eine eigenständige Person zu sein. Robert zeigte mir meine Stärken, mein Leben und nahm einfach daran teil. Er gehörte zu mir und ich zu ihm. Nicht wie bei Jannik, wo nur ich ihm gehörte.
Gehörte klang dann wieder stark nach „Du bist mein, kein anderer darf dich so schlecht behandeln, wie ich.“
„Sina? Geht’s dir gut?“ Es war eine weibliche Stimme und da ich nicht sehen konnte wer da sprach, wusste ich nicht, ob es Elizabeth oder Clare war.
„Ja“, antwortete ich und entriegelte das Türschloss. Vor mir stand Clare und sah mich an.
„Du siehst aber nicht so aus, als ginge es dir gut, mein Kind. Komm, setz dich mal hin.“ Sie zwängte mich in einen Sessel im Schlafzimmer und setzte sich neben mich. „Weißt du, Sina. Es ist für uns alle gerade keine leichte Situation. Ich kenne dich noch keinen ganzen Tag, ich würde sagen ich kenne dich noch gar nicht, aber ich empfinde sehr stark mit was du zweifelsfrei fühlen musst. Victoria ist meine Tochter und ich war dankbar, dass sie nach langer Zeit endlich mal wieder jemanden gefunden hatte, aber ich weiß auch, dass er nicht der Richtige für sie ist. Und auf der anderen Seite ist Robert, mein Sohn, der eine wunderbare Freundin zu haben scheint. Denn soviel kann ich erkennen. Du scheinst ein vernünftiges Mädchen zu sein und so wie Robert sich nun verhält, dass hat er noch nie getan. Du bist etwas besonderes für ihn und ich kenne meine Sohn und seine Schwachstellen, weiß ungefähr was er sich wünscht. Du musst all dies scheinbar erfüllen können, sonst hätte er sich nicht darauf eingelassen.“
„Ich liebe ihn“, sagte ich schlicht. Es war die einfachste Erklärung.
„Dann lass dir diese Liebe nicht nehmen.“ Clares Stimme wurde etwas eindringlicher und ich erinnerte mich an Elizabeth’ Worte.
„ich habe auch schon mitbekommen, wie sie Vicky versuchten zu einer Trennung zu überreden“
„Du hältst nicht viel von Jannik, oder?“
Sie zuckte die Schultern. „Das muss ich auch nicht. Solange meine Tochter glücklich ist.“
„Aber das ist sie nicht.“
„Nein.“
Wir schwiegen einen Moment. Es war eine merkwürdige Stille. Wir waren Verbündete und das nach so kurzer Zeit. Ich war dankbar für all die Unterstützung, wenngleich sie auch noch verdammt fremd für mich war.
„Hey, hier seit ihr.“ Robert kam um die Ecke. Ich stand auf und umarmte ihn lange.
„Ich liebe dich“, hauchte ich ihm ins Ohr.
„Oh, ich dich auch, Sina.“
Es musste nicht mehr viel gesagt werden. Ich hatte alle Hilfe die ich brauchte und Lena war auch schon fast im Landeanflug. Was wollte ich mehr? Ich brauchte keine Angst zu haben... Wovor auch?
Jannik und ich – das gab es nicht mehr...
...und würde es auch nie wieder geben...

Wir verbrachten fast den ganzen restlichen Tag auf unserem Zimmer. Wir redeten über Roberts Kindheit und auch ein wenig über meine und ich merkte, wie Robert versuchte alles abzuwehren, was den Dreck meiner Vergangenheit darstellen würde. Ich war noch lange nicht bereit mich zu Offenbaren und dank Robert kam ich auch gar nicht in die Verlegenheit irgendeine Lüge erfinden zu müssen.
Wir redeten über meine Schule, über Lena, darüber wie ich mir die Zukunft mit Robert vorstellte und vor allem auch mit dem Kind. Die Stimmung wurde etwas trüber, aber nicht so, dass es an den Fakten etwas änderte.
Ich hatte Verbündete. Und das tat gut.
„Und deine Freundin kommt dich bald besuchen, ja?“, fragte Richard.
„Ja. Sie war bereits hier, ist dann aber abgereist, weil sie Sehsucht nach ihrem Freund hatte. Sie bringt ihn sehr wahrscheinlich mit.“
„Ja, Sehnsucht“, seufzte Clare. „Wie schön war die Zeit, als es uns auch noch so ging. Aber wie das Leben nun mal so ist, man weiß irgendwann wo man steht und der Alltag kehrt ein.“
„Aber Darling“, sagte Richard gedämpft. „Nun versau unserem Sohn doch nicht seine Zukunft. Wenn Sina weiß, was für ein Langweilerleben auf sie zukommt, so wie bei seinen Eltern, gerade bei seinem Vater, von dem er verdammt viel geerbt hat, will sie ihn vielleicht gar nicht mehr.“ Er senkte die Stimme verschwörerisch. „Und wir sind uns doch einig, dass wir noch Enkelkinder wollen, oder?“
Clare lachte. „Aber selbstverständlich.“
„Nun“, sagte Robert. „Ihr könnt von euch gerne sagen, was ihr wollt, aber ich für meinen Teil habe kein langweiliges Leben.“
Es klopfte an der Tür.
„Ich geh schon“, sagte ich und stand mit einem Lächeln auf. „Ich habe so eine Ahnung, dass es mein Vater ist. Der fehlt hier nämlich noch.“
Und so war es auch. Ich strahlte ihn an, einfach weil ich mich freute, dass er Teil des schönen Nachmittags werden wollte, aber als ich ihm genauer ins Gesicht blickte, war mir klar, dass ihm nicht nach lachen zu mute war.
„Sina.“ Sein Ton war scharf. „Wo hast du bloß gesteckt?“
„Ich war hier“, sagte ich unschuldig. „Erst habe ich mit Robert geredet und bin dann eingeschlafen. Seine Familie ist da, komm doch auch rein und gesell dich dazu.“
Er sah mich ungläubig an. „Ist deine Welt jetzt also wieder in Butter?“ Er klang enttäuscht. Ganz offensichtlich fühlte er sich erneut ausgegrenzt. Denn an diesen Blick erinnerte ich mich schmerzlich deutlich.
„Dann werde ich wohl nicht gebraucht.“ Er wollte sich gerade umdrehen, als ich ihm am Arm packte und mich einfach in seine Arme schmiss.
„Daddy, ich hab dich so lieb und es tut mir so leid.“ Ich schluchzte und fing hemmungslos an zu weinen. „Ich wollte dich nie in meinem Leben ausstoßen, du gehörst doch zu mir, aber es hat sich einfach nie anders ergeben. Ich wünsche mir so sehr, dass du den schönen Moment da drinnen nicht kaputt machst und mit reingehst, dich dazusetzt und einfach Roberts Eltern kennen lernst.“
Einen Moment war er sprachlos, dann erwiderte er die Umarmung.
„Spatz, mir tut es leid. Ich will dich nicht noch weiter runterziehen.“
„Dann komm einfach mit rein“, bettelte ich.
Er zögerte nicht mehr länger und ging direkt ins Wohnzimmer, ich folgte ihm auf dem Fuße.
„Clare. Richard. Elizabeth. Darf ich euch meinen Vater Chris Weitz vorstellen. Bei der ersten Begegnung hatten wir ja keine Gelegenheit dazu.“
Richard stand sofort auf und reichte Paps die Hand. „Sehr erfreut, Chris. Sie haben eine hinreißende Tochter und ich mag ihre Filme.“ Er zwinkerte.
„Dankeschön.“
„Ich bin Clare und schließe mich der Meinung meines Mannes nur an. Unser Sohn hat eine gute Wahl getroffen.“
„Dankeschön“, sagte Paps erneut und setzte sich. „Es waren bisher keine guten Umstände, aber ich hoffe doch, dass sich alles so entwickelt, wie unsere Kinder es sich erhoffen.“
Ich verdrehte die Augen. Das war so typisch Paps. Er hatte es einfach drauf genau so zu reagieren, dass er einem das Gefühl gab in einer richtig dämlichen Daily Soap mitzuspielen. Robert grinste mich nur an. Ich lächelte zurück.
Das Gefühl was sich in mir ausbreitete war wie Heimat. Ja, ich war zu Hause. Ich hatte die beiden Menschen um mich herum, die mir am meisten bedeuteten. Und ich hatte Verbündete, mit denen ich mich auf kurz und lang sicherlich noch besser verstehen würde.
Meine Sorge hatte sich, wie ich nun merkte, auch verschoben. Ich dachte nicht an meine Beziehung zu Jannik. Ich dachte an Victoria. Sie tat mir mittlerweile leid und ich hoffte, dass das Ende auch für sie etwas gutes parat haben würde...
Der Nachmittag entwickelte sich zum Abend hin und wir gingen noch runter in die Bar, wo wir auch die anderen Darsteller an einem Tisch vorfanden.
„Na wie passend“, grinste Paps. „Alle sind beisammen, dann kann ich ja auch meine Meldung machen.“ Er grinste.
„Ich ahne das schlimmste“, flüsterte Robert und tauschte einen flüchtigen Blick mit Kristen, die ihn anlächelte. Einen kleinen Moment verspürte ich einen Eifersuchtsstich, aber als Robert mich zu sich hinzog und seinen Arm um meine Taille legte, wusste ich, dass es dazu keinen Grund gab. Kristen lächelte auch mich an und ich wusste, dass ich mit der Zeit eine weitere Verbündete für mich gewinnen konnte – oder sogar eine Freundin?
Paps räusperte sich und alle wandten sich wieder ihm zu.
„Morgen wird weiter gedreht. New Moon muss schließlich fertig werden.“
„Och neeee“, stöhnten alle einstimmig, außer Robert.
„Süße?“, fragte er mich.
„Ja?“
„Darf ich die Kussszenen mit dir üben?“
Ich kicherte. „Aber New Moon enthält doch kaum Kussszenen.“
„Weißt du wie egal mir das ist?“, hauchte er und küsste mich auf die Wange.
„Gut“, lachte ich. „Dann habe ich kein Problem damit dein Übungskaninchen zu sein.“
Kristen lachte laut auf. Sie war scheinbar die einzige, die es mitbekommen hatte...

© 2010 by Blutmädchen

zum 26. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 24. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
24. Kapitel: Gefährliche Wendung?

Sinas POV

Es war ein zähes Warten.
Warten auf andere Gedanken.
Warten auf Ablenkung.
Warten auf Rob.
Ich wollte nicht mehr warten, denn warten war nicht gut. Ich war wieder alleine, wusste nichts mit meinen dominanten Gedanken an Jannik anzufangen, noch weniger wusste ich, wie ich mich überhaupt weiterhin verhalten sollte. Ich liebte Robert, aber was war noch an Gefühlen für Jannik in mir?
Um mir selbst etwas zu beweisen, hatte ich kurzerhand meinen Laptop geschnappt, mich aufs Bett geflatzt und meinen Bilderordner aufgerufen. Spätestens nach den ersten drei glücklichen Fotos hätte ich wissen müssen was ich mir da antat.
Mit jedem Klick starb etwas in mir.
Mit jedem Bild wurde die Vergangenheit unscharf.
Mit jedem Bild verabschiedete ich mich von einer eigentlich glücklichen Zeit, die mir heute nur noch wehtun konnte.
Es war alles gelogen gewesen. Jannik hatte mir versprochen niemals wehtun zu können. Er wollte niemals, dass ich mich seinetwegen verletzte. Und was stimmte davon? Gar nichts. Er hatte alle seine Versprechen gebrochen. Hatte an nur einem einzigen Tag alles weggeworfen. Unser Leben, unsere Liebe... Unsere Vergangenheit. Jetzt schmerzte es einfach nur noch darüber nachzudenken. Trotz Rob.
Ich hatte einen neuen Partner gefunden, hatte ihn verdammt schnell in mein Herz und mein Leben gelassen – was ich eigentlich bereuen sollte. Ich tat es aber nicht. Warum tat ich es nicht? Es gab nichts in mir, was ich verstehen konnte. Jannik war weg, Robert war da. Es hatte ein Austausch stattgefunden, ein Austausch an Gefühlen, Erlebnissen und Empfindungen. Genau deshalb war das mit Rob etwas ganz anderes.
Und es wurde Zeit, dass er endlich kam, sonst würde mein Gedankenkarussell noch am Rad drehen.
All diese Gedanken hatte ich schon einmal durch. Sorgen. Ängste. All das lag eigentlich hinter mir. Was hatte sie wieder hervor gebracht?
Als ich erneut auf das Bild vor mir schaute wusste ich warum. Es war Jannik gewesen. Seine Augen. Durchdringend. Düster. Vielversprechend.
Ein Klopfen an der Tür durchbrach die Stille und ich fiel vor Schreck fast vom Bett. Schnell stand ich auf, klappte den Laptop zu und ging zur Tür.
Roberts Anblick weckte mich schlagartig. Probeweiser sah ich in seine Augen, betrachtete seinen Mund, schaute auf seine Hände... Er war so anders. Nicht durchdringend, sondern freundlich und fair. Nicht düster, sondern eine Lichtquelle voller Energie. Nicht vielversprechend, sondern... Gewinnbringend.
Das, was Janniks Gestik versprochen hatte, musste Robert gar nicht mehr versprechen. Er besaß es bereits und ließ mich in vollem Umfang daran teilhaben. Deshalb war unsere Beziehung auch direkt ins dritte Level gesprungen. Wir brauchten uns nicht großartig kennen lernen um den anderen und dessen Bedürfnisse zu verstehen.
Robert lächelte. „Weißt du wie gut es tut so von dir betrachtet zu werden?“
Ich erschrak ein wenig. „Inwiefern?“, fragte ich leicht verunsichert.
Seine gute Laune Aura strahlte weiter. „Du strahlst einen gewissen Besitzerstolz aus.“
„Besitzerstolz?“ Ich war noch nie der Typ gewesen, der stolz nach außen hin trug, denn das brachte viel zu viele Neider auf den Plan.
„Du bist glücklich mich zu sehen.“
„Aber klar doch.“ Das kam etwas unsicherer raus, als es geplant war. Ich verstand einfach nicht, wo er mich hindirigieren wollte. „Komm doch erst mal rein. Wir müssen ja nicht im Flur darüber reden.“
„Von mir aus kann jeder wissen, dass ich dich glücklich mache“, erwiderte er, trat dennoch aber an mir vorbei. Er bleib stehen und umarmte mich.
Ich war wieder zu Hause. Der Papierkorb auf meiner Festplatte wurde gelöscht. Alle Gedanken, alle Bilder – alles weg.
„Ja“, sagte ich. „Du machst mich glücklich.“
„Auf eine andere Art als Jannik“, sagte Robert. Das war keine Frage. Ich nickte. „Gut“, sagte er in einem Ton als sei er selbst endlich von seinen Worten überzeugt und umarmte mich fester.
Ich versuchte es zu verstehen, aber es klappte nicht. Ich musste nachfragen.
„Rob, was meinst du genau damit? Ich verstehe es nicht.“
„Komm, wir setzen uns erst mal.“ Er führte mich zum Bett, legte sich hin und zog mich in seine Arme. Es fühlte sich so richtig an. „Weißt du“, legte Robert direkt los, „Jannik hat dir die Türen zur Welt geöffnet.“ Aus seinem Mund klang das so komisch. Geradezu Majestätisch. Ich blickte ihn verwirrt an. „Jetzt fragst du dich bestimmt, warum ich so rede, oder?“
„Irgendwie schon. Das hätte ich nämlich nicht von dir erwartet.“
„Sina“, Rob sah mich etwas ungläubig an. „Ihr hattet eine gemeinsame Vergangenheit und das ist okay so. So läuft das im Leben nun mal. Und er hat dir sehr geholfen, weswegen ich ihn respektiere, aber das, was er dir angetan hat ist unverzeihlich und hat meine positive Meinung über ihn ziemlich beschmutzt. Ich wünschte mir für meine Schwester, dass ich mit ihm klarkäme, aber ich kann in ihm einfach nicht den neuen Lebensgefährten von Victoria sehen. Ich sehe in ihm den Grund, warum es dir schlecht geht – “
„Aber er hat mich indirekt auch zu dir geführt“, warf ich ein. Warum tat ich das? In meinem Kopf klang es so, als suche ich nach einer Überzeugungsstrategie beide miteinander verträglich zu machen, obwohl ich wusste, dass es scheitern würde.
„Ja“, stimmte Robert zu. Er schien einen Moment den Faden verloren zu haben. „Was ich sagen will ist einfach, dass ich ihn gerne als Menschen betrachten wollte, aber er ist ein Monster und ich mache mir Sorgen, was er meiner Schwester antun könnte. Denn ich weiß, dass Jannik dich immer noch liebt und das er gemerkt hat, was er mit dir verloren hat.“
„Das kommt verdammt spät“, sagte ich und versuchte stark zu bleiben. Ich hatte Robert, was wollte ich also noch mit Jannik?
Ich trug sein Kind in meinem Bauch...
Scheiße, verdammt. Meine Gedanken waren wieder auf Abwegen. Es würde also doch ein hin und her werden...
„Sina.“ Roberts Stimme war traurig. „Irgendwie habe ich das schlimme Gefühl, dich bald zu verlieren.“
„Wie kommst du darauf? Ich liebe dich!“
“Ja“, gab er zu. „Doch ändert das nichts an der Tatsache, dass Jannik dich jederzeit rumkriegen könnte.“
Empört starrte ich ihn an. Das Gespräch nahm eine gefährliche Wendung.
„Robert, verdammt.“ Ich wurde sauer. „Sagtest du mir nicht vorhin, dass ich stolz darauf sei dich zu besitzen? Und sagtest du nicht, dass du mich glücklich machen würdest? Wie passt das jetzt zu deinem plumpen Gedankenwechsel?“
„Das was ich sagte stimmt ja auch. Das kann jeder merken.“ Sein Blick durchbohrte mich. „Bevor ich gekommen bin hast du an Jannik gedacht. Du hast dich gefragt, warum er immer noch so viel Platz in deinem Kopf hat, du hast dir alte Bilder angesehen – “ Er deutete auf den Laptop. Woher wusste er das? Und warum interpretierte er das so falsch? „Ich mache dich auf eine andere und neue Art glücklich, doch seine Anziehungskraft auf dich ist unverändert. Ich weiß, dass du ihn nicht in dein Leben lassen willst, aber du kannst dich nicht dagegen wehren. Er hat dich verletzt, aber an deinen Gefühlen hat das nicht viel geändert.“
Tränen schossen mir in die Augen. Robert wurde so verdammt unfair.
„Ja, du Arschloch“, schrie ich plötzlich. „Ja, verdammt, er löst noch etwas in mir aus, aber das ändert nichts daran, dass ich dich, und nur DICH liebe! Es tut so weh wenn du nicht da bist und ich an die Vergangenheit denke. Ich denke viel an Jannik, aber der Schmerz, den er mir zugefügt hat ist größer. Aber das kannst du nicht verstehen und ich verlange das auch nicht von dir. Verletze du mich nicht auch noch, in dem du mich in seine Arme treibst. Halt mich einfach nur fest und lass niemals zu, dass er mich wieder bekommt.“
Er umarmte mich erneut und strich mir über die Wange. Meine Tränen kannten kein Halten mehr, Schluchzer schüttelten mich und ich schloss die Augen, versuchte meinen Körper unter Kontrolle zu bringen. Robert hatte mir zu einem Eingeständnis verholfen, was uns beiden helfen würde. Wir wussten beide wo wir dran waren. Mit Sicherheit hatte ich ihm gerade weh getan, aber er wollte es ja wissen. Hatte er mir irgendeine Wahl gelassen?
„Danke, Sina“, sagte er ehrfurchtsvoll. „Ich danke dir so sehr.“
Ich versuchte ihm in die Augen zu blicken, doch sie waren geschlossen. Als er sie wieder öffnete lächelte er.
„Ich habe gewusst, dass du so empfindest, denn so etwas kann sich nicht von heute auf morgen ändern, aber ich verspreche dir bei dir zu sein und dich wenn nötig davon abzuhalten. Du gehörst zu mir. Ich tue dir gut. Was willst du mehr?“
„Jetzt im Moment will ich nur dich. Aber wenn ich alleine bin läuft etwas in mir Amok. Ich weiß dann plötzlich nicht mehr was ich will. Wenn du aber da bist, dann ist alles so klar. Rob, ich brauch dich so sehr.“
„Du wirst mich immer an deiner Seite haben.“
„Danke.“
Lange lagen wir nebeneinander, redeten über unsere Zukunft ohne konkret zu werden. Bis es an der Tür klopfte.
„Ich gehe schon“, sagte ich und stand auf.
Es war, wie nicht anders zu erwarten, Jannik.
„Was willst du?“, fragte ich.
„Ist Robert da?“
„Ja.“
„Darf ich einen Augenblick mit ihm reden?“
„Ich weiß nicht.“
„Ja, darfst du“, sagte Robert direkt hinter mir. Er schob mich ein wenig zur Seite und sah Jannik herausfordernd an. Seine Arme vor der Brust verschränkt, blickte er auf Jannik hinab. „Was willst du?“
„Sina, könntest du uns alleine lassen?“, bat Jannik.
Ich wollte der Bitte gerade nachkommen, als Robert mich an sich zog und demonstrativ sagte: „Ich habe keine Geheimnisse vor meiner Freundin.“
„Gut“, resignierte Jannik. „Du solltest eigentlich nur wissen, dass ich wirkliche Gefühle für deine Schwester habe. Ich habe bereits einem Menschen weh getan, das werde ich kein zweites Mal tun.“ Er schaute mich an und ich merkte, wie sein Blick mich durchbohrte. Er meinte es ernst. Und er wollte Victoria. Er wollte Frieden mit Robert schließen, damit es für seine neue Freundin einfacher war. Ich schien keinen großen Platz mehr bei ihm zu haben. Urplötzlich schien Victoria wieder das Zentrum seines Denkens eingenommen zu haben. Irgendwie wurde ich skeptisch. Dabei sollte es mich doch eigentlich freuen.
Robert schien ähnlich zu denken. „Es kommt mir zwar nicht gerade glaubwürdig vor, aber fürs erste habe ich genug von dir und unseren Streiterein. Solltest du dein eigenes Wort brechen, werde ich dich persönlich daran erinnern. Verstanden?“
„Verstanden“, antwortete Jannik.
Seit wann ließ er sich so schnell unterbuttern? Er wandte sich wieder um zum gehen.
„Schön, dass wir das klären konnten. Ich wünsche euch noch einen schönen Abend.“
„Danke“, erwiderte Rob und drehte sich schon um. Ich sah Jannik noch einen Moment hinterher und dann sah ich es. Sein gehässiges Lächeln. Sein Glauben der Macht. Er wusste es. Er wusste, dass er immer noch Macht über mich besaß und ich wusste, dass er das irgendwann ausspielen würde. Und er führte einen Machtkampf mit Robert aus. Mir wurde bitterkalt, aber ich konnte nicht anders als ihn weiterhin anzusehen. Jannik winkte zum Abschied und ging selbstgefälligen Schrittes von dannen.
„Sina, kommst du?“, hörte ich Robert bereits aus dem Wohnzimmer rufen.
„Ich komme“, antwortete ich und schloss die Tür.

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zum 25. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 23. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
23. Kapitel: Machtspielchen

Robs POV

Der Stuhl, auf den mich meine Mutter vor etwa zehn Minuten mit Mühe verfrachtet hatte – kurz nachdem dieser Widerling von Betrüger Sina zur Tür rausgefolgt war und es vier starke Arme und gutes Zureden meiner Schwester Lizzy gebraucht hatte –, würde mich nicht mehr lange genug halten können.
Ich saß da, mit den Beinen kippelnd, spürte nur am Rande die zusätzliche Hand meiner Mutter auf der Schulter. Sanft und doch widerstandsfähig. Bereit mich jederzeit wieder auf das grüne Stück Stoff zu pressen, wenn mein Drang größer werden würde, Sina hinterher zuhechten. Oder sollte ich sagen dem Betrüger nach?
Alles in mir war angespannt. Furcht, Wut und Hass. Furcht davor, er könne Sina mit seinen faulen Ausreden und Entschuldigungen für sich gewinnen, sie einlullen. Und Wut darüber, dass ich diesem Arschloch nicht meinen ganzen Hass spüren lassen konnte.
Nicht nur wegen der ermahnenden Hand meiner Mutter, und auch nicht wegen der eventuellen Regung einer Rücksicht meiner Schwester Vicky gegenüber, die immerhin mit dem Objekt meines Hasses zusammen war, sondern vielmehr, weil ich Sina nicht verletzen wollte. Sie hatte genug erlebt und durchstehen müssen, besonders mit diesem Betrüger. Ich musste mich nicht auch noch darin einreihen, indem ich ihn anging, denn – dessen war ich mir ganz sicher – hatte sie erst einmal ihren ersten Schock, ihn nach der Trennung wiederzusehen, überwunden, würde sie unfreiwillig Partei für ihn ergreifen und das beste – für mich selbst – war, dass ich mich jetzt schon mal an diesen Gedanken gewöhnte.
Er hatte sie verletzt, aber Sina würde trotzdem nicht die Zeit vergessen, in der sie beide glücklich gewesen waren. Dafür hing sie noch zu sehr daran. Ganz gleich, ob sie sich mir geöffnet und einen neuen Lebensweg eingeschlagen hatte.
Ich konnte sie verstehen – mir würde es wohl genauso gehen, wie jedem anderen Menschen auch.
Chris – dessen Anwesenheit ich beinahe vergessen hätte, so sehr war ich mit meinen eigenen Gefühlen beschäftigt – tigerte im Zimmer auf und ab, hielt sich ebenfalls gerade eben so zurück den beiden zu folgen. Ich bewunderte ihn dafür, dass er sich dennoch so beherrschen konnte. Chris musste mehr miterlebt haben, schaffte es aber, dem Kerl nicht gleich an die Gurgel zu gehen, wie ich es wollte. Hätte man mich gelassen, hätte ich Jannik die Kehle zerfetzt. Was angesichts meines eigentlich freundlichen und friedliebenden Wesens unvorstellbar und doch eine herrlich befriedigende Vorstellung gewesen wäre.
Ich beobachtete ihn, suchte nach einem Satz, den sein Gesicht laut rausbrüllte, aber ich konnte es nicht eindeutig herauslesen. Bei genauerem Hinsehen kristallisierte sich jedoch Panik heraus. Blanke Panik.
An die Vergangenheit denkend, die paar letzten Tage, die die Ewigkeit meines Lebens ausmachten, erinnerte ich mich, dass Chris selbst im Krankenhaus nach Sinas Übergriff an ihrem eigenen Körper, nicht so eine Panik gezeigt hatte.
Auch als er uns zusammensah war sein panischer Blick nicht so gehetzt und unzufrieden wie jetzt.
Wenn ich es richtig deutete, hatte Chris sich wohl an den Gedanken gewöhnt seine Tochter nicht vor mir retten zu können. Wahrscheinlich könnte ihn nur die Zeit selbst überzeugen. Doch jetzt wurden die Karten wieder neu gemischt. Neue Konfrontationen und Komplikationen. Als wenn man beim Monopoly Spiel plötzlich auf dem „Bitte-gehen-Sie-ins-Gefängnis-ziehen-Sie-nicht-über-Los-und-ziehen-Sie-keine-vier-Millionen-Dollar-ein-Feld“ landete und eine Runde aussetzen musste.
Alles schien wieder offen.
Hoffentlich nicht ihre Liebe zu mir, dachte ich verzweifelt, stemmte die Handflächen gegen meine Augen und schirmte so meine zwei Tränchen vor den anderen ab. Bitte lass unsere Verbindung nicht daran zusammenbrechen.
„Rob“, sagte Chris plötzlich. Seine Stimme streifte mich wie ein Kugelhagel aus einer Pistole. „Sie liebt dich.“ Er sah mir mit festem Willen ins Gesicht, als versuchte er mich von dem zu überzeugen, was er gerade gesagt hatte – oder sich selbst, was am ehesten zutreffen würde.
Ich nickte. „Ich hoffe es.“
„Sina hat noch nie eine leichtsinnige Entscheidung getroffen“, giftete Chris, als müsse er seine Tochter in Schutz nehmen. „Sie braucht sehr lange, bis sie sich jemandem öffnen kann und das sie es dir gegenüber geschafft hat, ist ein eindeutiger Beweis ihrer Liebe.“
Er hatte Recht, dass wusste ich, aber wenn ich sie nicht bald wieder zu Gesicht bekäme, und wüsste, dass Jannik immer noch alleine mit ihr war, würde ich noch durchdrehen, mich düsteren Gedanken hingeben und nicht mehr klar denken können.
„Ich muss zu ihr“, sagte ich und erhob mich. Der Druck meiner Mutter ließ ein wenig nach und sie lächelte mich nachsichtig an, als könne sie mich verstehen. Sie sagte nichts. Ihre Lippen formten nur die Worte „Viel Glück.“
Ich sah kurz zu meinen Schwestern rüber. Lizzy hielt Vicky fest in den Armen, die mich nur anschaute, als wenn sie mir sagen wollte, wie leid es ihr täte.
Direkt bekam ich Gewissensbisse, denn wenn Jannik eine Schuld traf, dann auch die Frau, mit der er Sina betrogen hatte. Dass diese Frau ausgerechnet meine eigene Schwester war, machte die Sache ganz sicher nicht leichter. Wie sollte ich mich Vicky gegenüber verhalten? Sie hatte nichts von Sinas Existenz gewusst und sich scheinbar in Jannik verliebt. Eine Romanze, die über einen bloßen Urlaubsflirt hinausging. Ganz eindeutig.
Doch das änderte nichts an dem Geschehenen. Ich war mir sicher, dass Vicky auf ihn verzichtet hätte, hätte sie von Sinas Existenz an seiner Seite gewusst, doch dafür war der Nichtschwimmer schon zu weit in den Ozean rausgeschwommen, um gerettet werden zu können. Vicky würde mit Jannik untergehen. Wenn auch nicht ich den Anker mit dem Betonklotz an ihrem Bein werfen würde, auch nicht Sina, nein, Vicky ganz alleine. Ihre Schuldgefühle würden stärker sein als jeder Fels in der Brandung. Eine zweite Sorge, über die ich dringend nachdenken musste.
Da war der Konflikt wieder: Ich musste Sina zur Seite stehen und gleichzeitig meine Schwester schützen. Wie sollte das funktionieren? Wohl gar nicht. Und wenn ich die Sprache meines Herzens richtig deutete, dann würde ich mich erst hinter Sina stellen, damit sie die Kraft aufbringen konnte meine Schwester von ihren Schuldgefühlen abzubringen.
Jetzt, wo Sina wusste, wer Janniks Geliebte war, würde sie sich entscheiden müssen. War ihre Verbindung zu mir stark genug, dass sie unter dem Aspekt, dass sie meine Schwester anfeinden müsste, es sein lassen könnte? Oder würde alles auseinanderbrechen? Mein inneres Gefühl war sich sicher, dass sich alles klären würde – und zwar positiv für Sina, für Vicky und für mich. Nicht aber für Jannik. Da war das letzte Wort noch lange nicht gesprochen!
Ich biss die Zähen zusammen und verließ das Zimmer. Das Schweigen folgte mir regelrecht, genauso wie jedes einzelne Gesicht. Doch mit jedem Schritt, den ich mich von ihnen entfernte, flatterte Sinas Gesicht wie eine Fahne im Wind vor meinem Gesicht. Stürmisch traurig und vor Sorgen verzehrt. Das Gesicht, was ich zuletzt von ihr gesehen habe.
Mitten im Gang, zwei Stockwerke tiefer, sah ich Jannik alleine stehen. Die Wut in meinem Bauch wurde erneut angestachelt, leitete Befehle an mein Gehirn und meine Arme aus, diesen Bastard tot zuprügeln, aber Sinas Gesicht vor meinen Augen ließ mich innehalten. Ich war sauer und wütend und zu tausend Prozent aggressiv, was nur diese Anblick, der sich jetzt meinen Augen bot – Jannik höchstpersönlich – auslösen konnte.
Ich dachte an Sina, an das erste Mal, als ich ihre narbenübersäten Körper sah, an all ihren Schmerz denken musste und mich nun fragte, wie man – wohlwissentlich, dass ein Mensch zu so etwas fähig war – nur noch mehr Öl ins Feuer gießen konnte. Es war mir ein absolutes Rätsel. Dieser skrupellose Dreckskerl verdiente den Schmerz jedes einzelnen Schnittes, verdammt!
„Wo ist sie?“, fragte ich mit zusammengebissen Zähnen.
Er drehte sich um und sah mir ausdruckslos ins Gesicht. Lieber wäre es gewesen, er hätte ausgesprochen, was seine Augen mir sagten – nämlich, dass er mich dafür hasste, dass ich seinen Platz eingenommen hatte. Doch auch dazu war er zu feige.
„Sie will mich nicht mehr“, sagte er, ebenfalls einen deutlichen Anfall von Wut in der Stimme. „Sie hat ja jetzt dich.“
„Ja, sie hat mich“, erwiderte ich und verschränkte meine Arme. „Was ihr offensichtlich auch gut tut.“
Jannik lachte. „Pah. Glaubst du ich bin blind? Glaubst du das echt?“ Er sah mich herausfordernd an. „Meinst du nicht, ich hätte den Schnitt in ihrem Oberschenkel übersehen? Sie hat nicht aufgehört sich selbst zu verletzen und das wird sie auch nie, weil es für sie einfacher ist alles von sich wegzuschieben und anderen in ihrem Umfeld diese schwere Last aufzuerlegen.“
„Was willst du damit sagen?“
Er grinste höhnisch. „Sie will, dass wir uns schlecht fühlen, Schuldgefühle entwickeln, weil sie sich verletzt. Sie erpresst uns damit. Ginge es nach ihr, dürfte man nur noch ‚Du bist die Beste sagen’ auch wenn man lieber sagen will was für eine dumme Kuh sie ist.“
Dieses breite Grinsen. Widerlich. Abstoßend. Und seine Worte erst. Respektlos und dumm. Mehr als dumm.
Ich wusste, dass er mich provozierte, mich dazu bringen wollte ihm zu sagen, was für einen Schmerz ich selbst dabei empfand, als ich Sinas Schmerz erfasst hatte. Er wollte mich gegen sie aufbringen, aber da war er bei mir an der absolut falschen Adresse. Und wenn er glaubte damit bei Sina Pluspunkte sammeln zu können, war der Idiot doppelt schief gewickelt.
Ich konnte nicht anders als ihm direkt ins Gesicht zu lachen. „Wie dämlich bist du eigentlich?“, höhnte ich. „Du redest über sie als sei sie Dreck – “
„Ist sie das etwa nicht?“, fragte er dreist.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten, versteckte sie aber hinter meinem Rücken.
„Ja“, fuhr er fort. „Sie hat sich doch direkt dem erstbesten an den Hals geworfen. Hast sie bestimmt ordentlich gut durchgefickt, was? Also mich haben die Narben immer eher abgestoßen als angeturnt, aber jedem des seine.“ Er zuckte mit den Schultern.
Langsam ging mir ein Licht auf.
Er war verletzt.
Wie ein räudiger Hund leckte er sich seine verletzten Pfoten und weil er körperlich nicht mehr angreifen konnte, hatte er nur noch die Möglichkeit einen zu beleidigen. Er wollte mich treffen, traf damit aber nur sich selbst, was ihm scheinbar nicht bewusst war.
„Du haust dich nur selbst in die Pfanne“, antwortete ich trocken. „Sei froh, dass ich Sina nicht davon erzählen werde - “
„Um sie zu schützen“, keckerte er.
„Genau“, erwiderte ich tonlos. „Ich habe wenigstens Anstand und Moral. Und jetzt geh mir aus den Augen, bevor ich mich wirklich vergesse und man dich in Einzelteilen nach Deutschland zurückschicken muss.“
„Das würdest du deiner Schwester antun?“, grinste er. „Sie ist doch völlig vernarrt in mich.“
„Was ich ihr noch versuchen werde auszureden, du Arschloch“, zischte ich zurück. „Das letzte, was Vicky braucht, ist jemanden wie dich.“
„Falsch, Süßer. Deine Schwester braucht genau so jemanden wie mich.“
Damit drehte er sich um und verschwand, langsam und zögerlich als erwartete er eine Antwort von mir. Doch ich blieb ruhig – äußerlich. Innerlich war meine Wut zu stark geworden um noch von meinem Körper getragen werden zu können.
Er wollte mich doppelt demütigen und wenn ich ganz ehrlich war, schaffte er es auch.
Sollte er sein Spielchen mal mit mir spielen. Ich würde mitspielen.
Und zwar so, dass weder Sina, noch Victoria etwas davon mitbekamen...

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zum 24. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 22. Kapitel

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22. Kapitel: Das unerwartete Zusammentreffen (2/2)

Sinas POV

Die Szenerie, die sich meine Augen bot als ich den Wohnbereich des Hotelzimmers betrat, stoppte meine Wut so abrupt, dass ich fürchtete mir selbst untreu werden zu müssen – mir und meinem Entschluss endlich den Mund aufzumachen, alle rauszuschmeißen, die nichts damit zu tun hatten.
Nur Jannik und ich – so sollte es sein. Stattdessen platzte das Zimmer aus allen Nähten. Und jede Person trug zusätzlich eine enorme Emotion in sich, die die Atmosphäre fast zum explodieren brachte und einem den Atem raubte.
Ich registrierte die drohende Haltung meines Vaters, Robert dicht neben ihn, wütend auf Jannik starrend, seine Schwester zum Teufel wünschend, so wie seine Körperhaltung deutlich sagte.
Das ist nicht richtig, schoss es mir durch den Kopf. Sollte nicht ich die Wütende sein, die man bremsen musste? War es nicht meine Sache, wie ich mit der plötzlichen Konfrontation mit meinem Ex-Freund umging? Warum nahmen Chris und Robert diesen Teil so extrem für sich selbst ein, und ließen mir kein Stück übrig?
Wütend sein lag mir noch nie. Dafür war ich zu schnell depressiv, down und zurückgezogen. Ich brauchte immer Zeit mich einer Situation zu stellen, das, was ich sagen wollte, in meinem Kopf vorzubereiten, bevor ich die Leute damit konfrontierte.
Heute, jetzt und hier, war alles falsch – und trotz selbstgegebenem Arschtritt, war ich nicht in der Lage das zu beherzigen und vollenden, was meine Gedanken mir zubrüllten.
Ich nahm fast nur Robert wahr, schaute auf seine zu Fäusten geballte Hände, sah seine Adern blau schimmernd stark an seinen Unterarmen hervortreten. Selbst so brachte er mein Blut zum kochen. Wie sehr ich diesen Mann wollte... Und es war der schlechteste Moment jetzt darüber zu sinnieren.
„Sina.“ Die weibliche Stimme zu meiner Linken ließ mich kurz zusammenzucken und ich warf Victoria einen fast schon vernichtenden Blick zu.
Wie konnte sie es wagen mich direkt anzusprechen? Vor Jannik? Vor Robert?
Mein Verlangen, sie für alles verantwortlich zu machen, wurde nur noch von Jannik selbst bestärkt, der sich neben Victoria stellte und ihre Hand nahm, ihr tief in die Augen schaute...
Es brachte meine ganze Welt ins schwanken, ließ mich die Zeit in Vancouver vergessen, die Zeit, in der Lena mich abgelenkt, und ich Robert kennen und lieben gelernt hatte.
Ein Fingerschnippen und es war weg. Ich war die verletzte und gedemütigte Zweitplatzierte, die in die Wüste geschickt worden war.
Unwillkürlich spürte ich das Kribbeln zwischen meinen Augen, was sich in die Nase vorarbeitete und das Empfinden unerträglich werden ließ. Ich blinzelte, einmal, zweimal – und schaffte es trotzdem nicht die Tränen zurückzuhalten, die sich ihren Weg gnadenlos und schnell über meine erhitzen Wangen bahnten – und gleichzeitig all meine Schwächen, jeden einzelnen Schmerz den Umstehenden auf einem Silbertablett zeigten.
„Ich muss hier raus“, presste ich zwischen tränennassen Lippen hervor und schubste Robert weg, der seinen Arm nach mir ausstreckte.
Ich konnte ihn nicht ansehen, ihm sagen, dass ich ihn liebte. Denn ich war mir nicht mehr ganz sicher. Meine Gefühle für Jannik brachen durch die starke Eisschicht, die mir als Schutz gedient hatte.
Der Moment in seiner Wohnung holte mich ein und erinnerte mich daran, dass Weglaufen sinnlos war. Ich hatte mich ihm in dem Moment nicht gestellt und wenn ich es jetzt nicht tat, würde ich nie wieder einem anderen Menschen in die Augen schauen können.
Nicht noch einmal...
„Sina“, hörte ich Jannik nach mir rufen. Abrupt blieb ich stehen, meine Füße wollten weiter, aber mein Verstand fesselte mich an Ort und Stelle. Ich kniff die Augen zusammen und unterdrückte ein Schluchzen, doch es schüttelte meinen ganzen Oberkörper so heftig, dass ich keinen Halt mehr fand. Ich brauchte Schutz, einen sicheren Ort, an dem ich gerade alles vergessen konnte, einen schützenden Hafen, liebe Worte, die mich in Sicherheit zogen und vor den züngelnden Flammen beschützten, die mich in Brand zu stecken drohten.
Jannik packte meine Arme und ich wehrte mich nicht, ließ mich in seine Umarmung ziehen, auch wenn ich wusste, dass es das nur noch schlimmer machte. Ich krallte mich an seinen Oberarmen fest, sog seinen Duft ein, der mir so vertraut war und mich immer beruhigt hatte. Jetzt schien er mich verhöhnen zu wollen.
Du willst mich? Pech gehabt, ich gehöre Dir nicht mehr...
Lange standen wir einfach nur still da. Meine Gedanken kreisten ohne Sinn, aber wie ein Adler über dem Meer, bereit jeden Moment zuzuschlagen, wenn mein Körper genug Kraft gesammelt hatte.
„Sina“, flüsterte Janniks Stimme ganz nah an meinem Ohr.
Ich versuchte meinen Kopf ein wenig zu heben um ihn anschauen zu können, doch es gelang mir nicht. Ich drückte mein Gesicht stärker gegen seine Brust und unterdrückte so den Aufschrei, der meine Kehle hoch wanderte.
„Schrei es ruhig raus“, sagte Jannik sanft. „Lass all deine Wut und deinen Schmerz raus. Dann geht es dir besser.“
Ich war versucht nachzugeben, aber etwas hinderte mich daran. Dieser Moment war zu selbstverständlich und gleichzeitig völlig falsch! Janniks Worte waren immer noch die selben, ich erinnerte mich an den ersten Moment meiner Erinnerung an die Vergangenheit, wo er genau diese Worte in mein Ohr geflüstert hatte. Danach ging es mir wirklich besser und wir hatten uns die ganze Nacht geliebt – zum ersten Mal.
Er war immer noch der selbe, hatte die selbe Macht über mich, wusste, wie er mich beruhigen konnte. Doch ganz schien es nicht zu funktionieren.
Wie sollte es denn auch, wenn er der Grund für Deinen Schmerz ist?!
Ich schüttelte heftig den Kopf und schaffte es mich endlich von ihm zu lösen.
„Nein“, stieß ich hervor und funkelte ihn voller Zorn an, hoffte, dass er meine Angst nicht sah. Angst davor wieder in seinem Bann zu landen.
„Du hast mich so verletzt, Jannik.“ Ich schrie nicht, merkte, dass ich plötzlich ruhiger wurde. Es wurde Zeit sich dem unausweichlichen zu stellen. Die Konfrontation würde mir ganz sicher gut tun und mich stärken. „Es tut so weh“, schluchzte ich. „Wie konntest du mich so dermaßen verletzen?“
Jannik schaute mich geradeheraus an. Ich wusste seine Miene nicht zu deuten. Er schien bereit zu sein mir all meine Fragen zu beantworten, mich trösten zu wollen, aber da war noch mehr. Oder bildete ich mir seinen verletzten Ausdruck nur ein?
„Wärst du an dem Tag nicht aus meiner Wohnung geflohen, hätte ich dir diese Frage wohl mit einem Lächeln beantwortet, egoistisch genug um deinen Schmerz gar nicht zu bemerken. Und wenn ich ehrlich bin habe ich das auch wirklich nicht. Meine Gedanken waren bei den Erlebnissen mit Vicky.“
Vicky. Ich bekam eine Gänsehaut. Vor ekel.
„Ich war schlimmer als ein Elefant in einem Porzellanladen und dämlicher als ein Schimpanse, sehnte mich nach etwas frischem, Neuen. Der Urlaub sollte unserer Beziehung wieder ein wenig Leben einhauchen. Wir haben nur noch aufeinander gehockt, Sina. Wir hätten beide raus gemusst. Ich hatte mich so darauf eingestellt, dass wir Dinge erleben, die uns wieder einander näher bringen, ohne das irgend ein Zwang oder eine lange gemeinsame Zeit dahinter steht. Verstehst du mich?“ Er sah mich eindringlich an. „Mit dir war es nie langweilig, ich will nicht, dass du mich falsch verstehst, aber es hat der gewisse Pepp gefehlt. Die Luft war raus. Ich habe mich leer gefühlt, du hast deine Gedanken weniger mit mir geteilt und es hat sich so angefühlt, als hättest du mich aus deinem Kopf ausgeschlossen. Ich wollte alles mit dir gemeinsam durchstehen, aber ab dem Punkt war das nicht mehr möglich.“
Seine Worte rissen die Fassade wie eine lose Tapete von der Wand. Ich erinnerte mich noch sehr gut. Wir hatten weiterhin das Bett miteinander geteilt, waren intim miteinander, aber es war eher Routine, fast schon eher eine Verpflichtung als pure Liebe und Hingabe. Bis zu unserem letzten Mal. Die Vorfreude auf die Reise hatte uns beiden neuen Schwung gegeben.
Doch dann konnte ich nicht mitkommen. Janniks Miene und seine Worte standen in völligem Gegensatz zueinander. Er war mir nicht böse, einfach nur enttäuscht.
Sollte ich mir im Nachhinein wünschen, ich hätte ihn nicht zu der Reise überredet? Hatte ich ihn alleine losgeschickt, nur damit er in den Armen einer Anderen landete?
Nein! Es war seine eigene Entscheidung!
„Und dann traf ich Victoria“, fügte Jannik hinzu. Er sah mich wieder an und ich bemühte mich seinem Blick standzuhalten. Die Tränen kullerten ununterbrochen weiter, ohne das es mich jedoch störte. Ein Anflug von einem Lächeln, dass eher einer Grimasse gleichkam, zeigte sich in seinem Mundwinkel, verschwand aber schnell wieder.
„Sie war das, was ich mir von dir gewünscht hatte. Frisch, lebendig, bereit mir meinen Kummer zu nehmen. Meinen Kummer, dass du nicht bei mir warst und ich Angst vor der Rückreise bekam. Denn ganz ehrlich, hatte ich davor tierischen Bammel. Was, wenn ich zurückkäme und du hättest dir schon einen anderen gesucht? Ich dachte, du hättest es vielleicht auch gespürt und sehnst dich nach etwas anderem.“ Seine Augen wurden glasig, feucht und ein Tränchen kullerte. „Ich war dumm genug, dir das wirklich zuzutrauen. Ich habe dich nicht verdient, wenn ich nur daran denken konnte, dass du, bei allem, was du erlebt hast, wirklich einen anderen Mann küssen und lieben könntest.“
Einem inneren Instinkt folgend, streckte ich meine Hand aus und fing seine Träne auf. Seine Miene wurde urplötzlich finster, so dass ich fast zurückgestolpert wäre.
„Scheinbar geht es ja doch“, sagte er mit düsterer Stimme. „Oder was ist zwischen dir und diesem Pattinson?“
So schnell seine Traurigkeit verschwunden war und durch Wut ersetzt wurde, so schnell folgten meine Emotionen ihm.
„Du hast mich tierisch verletzt“, sagte ich mit belegter Stimme. „Aber als ich in Vancouver war, war das alles nur noch nebensächlich – “
„Ja, wegen Pattinson, stimmt’s? Gib dir keine Mühe mich in Watte zu packen“, fuhr er mir dazwischen. Wie ein Schwert, dass mich kurz erstarren und innehalten ließ.
Wie konnte er es wagen? Das alles war seine Schuld und ich hatte lang genug mit mir gerungen, mich schuldig gefühlt, etwas für Robert an Gefühlen aufzubauen, bis Lena mich wachgerüttelt und daran erinnert hatte, wie skrupellos Jannik mit mir umgegangen war. Warum hatte ich also auf Robert verzichten sollen, wo ich doch sowieso schon wusste, dass die Beziehung mit Jannik nie wieder zu retten war.
Und jetzt stand er vor und tat so, als hätte nur ich Fehler gemacht, was mich Fuchsteufels wild machte.
„Du hast nicht das Recht dich zu beschweren“, zischte ich. „Du hast deine Vicky–“ Ich spuckte ihren Namen aus, als wäre er Gift. „Du hast dich für diesen Weg entschieden, Jannik, nicht ich, aber soll ich dir was sagen? Ich bin dir dankbar dafür, zumindest jetzt, denn sonst hätte ich nie gemerkt, dass die Beziehung mit dir nicht so einzigartig und toll war, wie ich es bisher immer dachte. Robert hat dich bei weitem übertroffen.“
Ich wollte ihn verletzten, leiden sehen. Er sollte wissen, wie es sich anfühlte.
Und warum machten sich dann direkt schon wieder Schuldgefühle in mir breit?
Die Stimmung drohte erneut zu kippen – wieder ins Traurige. Und mir dummer Kuh lag beinahe schon eine Entschuldigung auf den Lippen.
Schließlich hatte ich diesen Menschen einmal sehr geliebt und es war auch noch nicht vorbei. Solche starken Gefühle konnte man nicht einfach auslöschen. Aber man konnte sie Stück für Stück abdecken, vergessen – und genau das wollte ich tun. Mit Robert! Den ich liebte...
„Jannik, ob es dir passt oder nicht, es ist vorbei. Ich habe mich gerade kurz gehen lassen und mir unsere gemeinsame Zeit zurück gewünscht, aber es würde nie wieder so sein wie zuvor – “
„Aber genau das will ich, Sina“, unterbrach er mich, ein Flehen in seiner kaum zitternder Stimme, und doch vernahm ich das holpern laut und deutlich wie einen Herzschlag. „Du, ich und unser – “ Seine Stimme sackte weg und sein Blick glitt zu meinem Bauch. „Du, ich und unser Baby, Sina.“ Seine blauen Augen bohrten sich wie hypnotisierend in meine und meine Knie wurden weich.
Hastig ging ich ein paar Schritte rückwärts, versuchte eine Schlucht zwischen uns zu ziehen – vergeblich.
Wie vom Löwen verfolgt machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte ohne ein weiteres Wort einfach den Flur entlang. Ich wollte nur weg von ihm...
Jannik rief mir noch hinterher, machte aber keine Anstalten mir zu folgen – was auch gut so war.
Ich musste jetzt ganz dringend für mich alleine sein. Mir über einiges klar werden.
Warum hatte dieser Mistkerl immer noch so eine Macht über mich?

© 2010 by Blutmädchen

zum 23. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 21. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
21. Kapitel: Verlassen und Vergessen (2/3)

Sinas POV

„Paps! Warte.“ Meine Aufforderung prallte im wahrsten Sinne des Wortes gegen eine Wand. Meine ausgestreckte Hand, die in meiner Fantasie nach seinem Arm griff und ihn zum Rückzug zwang, griff ins Leere. Und es fühlte sich an, als würde auch mein Blick ins Leere blicken. Meine Augen tränten, ich konnte alles was vorher da gewesen war, nicht mehr erkennen. Der Strudel der Vergangenheit saugte mich ein. Ich hörte die Stimme meines Vaters und wusste, dass sie nicht nur in meinen Ohren schallte, sondern auch in meinem Kopf, als bloße Erinnerung an eine Zeit, in der er wie ein Löwe vor mir gestanden hatte und alles in Flucht zu schlagen versuchte, was mir zu nahe kam...

Leer.
Alles war leer.
Der Rahmen, obwohl eine Glasscheibe darin verankert war.
Ihre Handfläche, obwohl ein Kugelschreiber zwischen den schlanken Fingern steckte.
Der Park, in dem es von Leuten nur so wimmelte.
Die Gesichter der Menschen, die eigentlich lächelten und Spaß hatten.

Nein, Sina, sie haben definitiv keinen Spaß! Schau dir ihr Lächeln doch genau an!
Besucher und Patienten. Angehörige derer, die ihr Leben nicht mehr leben konnte. Die vom Schicksal in die Knie gezwungen worden waren. Menschen, deren Leben durch ein Erlebnis, einer falschen Abbiegung des Lebensweges, der feste Boden unter den Füßen fehlte und denen man neuen Mut und neue Hoffnung versprach.
Oder anders formuliert: Kranke, die eine Gefahr für sich selbst und Andere darstellten, die Drogen nahmen, Alkoholabhängig waren, Verbrecher jeglicher Art, oder lebende Tote.
Genau wie Sina. Sie lebte, und war doch tot. Innerlich zerfetzt, vergewaltigt. Nicht mehr in der Lage irgendetwas zu denken, irgendetwas zu tun. Kein Leben, was sie leben konnte.
Sina lebte in einem öffentlichen Grab. So nannten es andere Mitpatienten, wenn sie tuschelten, sich ihre Lebensgeschichten erzählten. Es war ein allgemeiner Begriff, den jeder kannte, sich aber keiner traute laut auszusprechen.
Sina war schon lange in dieser psychiatrischen Klinik. Gefangen. Entsorgt. Sie wusste nicht, welches Gefühl manchmal mehr an die Oberfläche drängte. Denn Gefühle hatte sie nach wie vor. Nur anders gelagert und weniger emotional. An ihren neuen Status des „Missbrauchs-Opfers von Zimmer 111“ hatte sie sich mittlerweile gewöhnt. Es mit eigenen Ohren aus dem Schwesternzimmer gehört zu haben, hatte Sina zum ersten Mal nach sechzehn Wochen Abwesenheit und Gleichgültigkeit nachdenklich gemacht. Endlich hatte sie weinen, sich in allen Details an diese schreckliche Nacht erinnern können. Ihr Verstand hatte sie lange genug geschützt und die Erinnerung vermieden.
Doch seit diesem Tag war nichts mehr so wie vorher. Sina kannte ihren neuen Status in der Gesellschaft und fühlte sich damit absolut nicht wohl. Sie vermied jeglichen Blickkontakt, ob zu Pflegern oder zu Verwandten. Ihre Angst, man könne aus ihren Augen lesen, wie in einem Bilderbuch, war einfach zu groß. Sie schämte sich.
„Sina, Liebes.“ Die sanfte, in Sinas Ohren
zu sanfte Stimme ihres Vaters lenkte sie einen Moment von den spielenden Kindern im Park ab. Aber nicht lange genug um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. „Spatz, magst du nicht auch eine Weile an die frische Luft? Es ist herrlich draußen.“ Chris’ sanftmütiges Gesicht versperrte ihr die Aussicht nach draußen und wie automatisch lehnte sie sich zur Seite um weiter das bunte und scheinheilig fröhliche Treiben beobachten zu können. Sina beneidete diese Kinder und ganz besonders ihre Eltern. Auch wenn sie nicht wusste, was diese Kinder erlebt hatten, bewunderte sie sie. Einfach weil sie hüpfen, spielen und toben, aus sich rausgehen konnten. Auch die nach außen getragene Lockerheit der Mütter und Väter berührte etwas in ihr. Gute Miene zum bösen Spiel in einer zerbrochenen Welt, dessen Risse immer zu sehen sein würden. Chris’ Emotionen waren da offener, gingen tiefer und er machte sich keine große Mühe seine Traurigkeit zu verstecken.
Sina dagegen fühlte sich wie ein Fremdkörper. Nicht fähig zu sprechen, unkonzentriert und immer am Malen. Ein Blatt Papier und ein Stift reichte aus um sie vollkommen zu entfesseln. Doch das was die malte, war furchteinflößend und spiegelte Sinas Seele so perfekt wieder, dass man ihr das malen verbot. Warum wusste sie nicht, aber sie sagte ja auch nie, dass ihr dieser Weg der Verarbeitung gut tat. Und wenn sie sich nicht mitteilte, konnte man ihr auch nicht helfen.
Aber wollte Sina sich helfen lassen?
Sie fühlte sich nicht gut, aber die Einzelgespräche mit den verschiedensten Therapeuten hatten sie mehr runtergezogen, als das sie geholfen hatten.
Ihr Blick fokussierte eine Mutter, die sich zu ihrem kleinen Kind runterbeugte, ihm ein Taschentuch an die Nase hielt und lachte.

Führsorge.
„Spatz?“
Sina blickte leicht in Chris’ Richtung, ohne ihn anzusehen und schüttelte nur den Kopf. Es gab bei ihr nur zwei Arten der Kommunikation. Kopfschütteln oder Nicken. Beides war aussagekräftig genug.
Chris verstand. „Okay, Spatz, dann bleiben wir gemeinsam hier drinnen und sehen den anderen Menschen ein wenig zu.“
Er setzte sich neben sie und legte seine Hand auf ihre Sitzlehne. Das tat er immer, in der Hoffnung, dass sie doch von sich selbst den Körperkontakt suchte, aber das tat sie nie. Wozu? Es war überflüssig. Und kostete verdammt viel Anstrengung. Überwindung, die sie nicht besaß, auch wenn ihr Vater keine Schuld an dem trug, was ihr passiert war.
Er hatte sie nicht abgeholt und Sina hatte sich einfach alleine auf den Nachhauseweg gemacht. So wie es jeder andere auch getan hätte. Das man ihr buchstäblich das Leben aussaugen könnte, hatte keiner wissen können.
Sina wusste noch, wie ihr Vater immer wieder die Worte „Es ist meine Schuld“, gemurmelt hatte, schluchzend und weinend an ihrem Bett sitzend. Schon da hatte sie durch ihr Kopfschütteln klar gemacht, dass sie ihm keine Schuld gab. Er versteckte es gut, aber Sina wusste, dass er sich nach wie vor dafür verantwortlich fühlte.
Geradezu skeptisch blickte Sina auf Chris’ Hand. Sie erinnerte sich daran, wie er ihr immer vor dem Zubettgehen Kasperletheater vorgespielt hatte. Wie seine Hände sie fest umarmten, wenn er den ganzen Tag weg war. Es wäre so leicht dieses Gefühl wieder zu spüren. Etwas vertrautes und wohltuendes.
Doch das war einmal.
Niemals wieder würde sie sich nach der Berührung eines anderen Mannes verzehren.
Niemals mehr wollte sie einem Mann auch nur in die Augen schauen.
Niemals mehr, so lange dieses Bild der grünen Augen nicht verschwunden war und das würde, bei aller Therapie und Medikamente, mit denen man sie voll pumpte, niemals geschehen.
Niemals!
Mit einem Schwung, den sie seit Ewigkeiten nicht mehr verspürt hatte, schwang sich Sina aus ihrem Sessel und lief in ihr Zimmer, Chris immer hinter ihr, schweigend, abwartend was seine Tochter jetzt wieder machen würde. An ihr Schweigen hatte er sich nur mit Mühe gewöhnen können, meist übernahm er ihren Text mit, zumindest den, den er sich in dem Moment erhoffte. Erst als sie ihre Jacke überzog, die Sandalen gegen Turnschuhe tauschte und einen Schal um den Hals schlang, fragte er: „Möchtest du doch nach draußen gehen? Dann brauchst du aber doch keinen Schal, Spätzchen. So kalt ist es draußen nicht mehr.“
Dass wusste Sina eigentlich selbst, aber ihr Automatismus schien immer noch im kältesten Winter festzustecken. Außerdem würde der Schal, der ihr halbes Gesicht verdeckte, ebenfalls vor aufdringlichen und mitleidigen Blicken schützen.
„Na gut“, seufzte Chris. „Lass uns gehen.“
Ohne auf ihn zu warten, ging Sina den langen Flur der Station entlang. Ihre Zimmergenossin Sandra lümmelte sich in einem Sessel und ließ sich von einem anderen Mitpatienten, den sie Sina mal als Nicolas vorgestellt hatte, massieren und verwöhnen. Dieser Anblick ekelte sie an. Hatte Sandra nicht auch etwas genauso schreckliches erlebt, wie Sina? Definitiv! Und dann hatte sie den Mut und die Kraft sich wieder an einen Mann zu lehnen? Zwei Schwestern, die in Sinas Augen die größten Drachen der Station waren, lächelten amüsiert und freuten sich wie Honigkuchenpferde über den Fortschritt ihres Schützlings. Doch was hatten die dazu beigetragen, fragte sich Sina. Die dumme Therapie konnte unmöglich dafür verantwortlich sein.
In ihrem Schweigen hatten Sina und Sandra sich gut verstanden, aber das schien jetzt Schnee von gestern zu sein. Weggeworfen.

Verlassen...
Vergessen...
Warum ihr ausgerechnet diese zwei Wörter durch den Kopf schossen, war ihr selbst nicht klar, aber sie hatten eine Bedeutung...
„Spatz?“ Chris’ Stimme holte sie aus ihren Gedanken. Sie hatte gar nicht bemerkt wie sie stehen geblieben war und zu den beiden scheinbar frisch Verliebten hinüberblickte. Sie raffte sich zusammen und schritt noch kräftigeren Schrittes auf die Tür zu, die sie über einen langen Flur zu einem Fahrstuhl und von da aus in die Freiheit brachte.
Freiheit... Was ein Gedanke... Und doch entsprach er der Wahrheit. Was komisch und verwirrend war. Sina hielt einen Moment lang inne und blickte auf ihre Schuhe.
Diese Schuhe würden sie überall hintragen, wo sie gerade hinwollte. Weit weg und doch nicht weit genug.

Freiheit. Freiheit. Freiheit.
Sie war zum Greifen nahe. Zog sie an, wie ein Magnet. Woher kam dieses Gefühl? Spannungsgeladen und kräftig?
„Einfach raus hier“, murmelte sie plötzlich vor sich hin. Sina erschrak. Ihre eigenen Worte – gesprochene Worte, die ihr wahrhaftig über die Lippen gekommen waren! – ließen sie zu Tode erschrecken. War das ihre Stimme? Traurig, aber hoffnungsvoll?
Was war auf einmal los, dass sich die Welt drehte und ihr eine Tür zu einem neuen Level öffnete? War sie wirklich in irgend so einem verrückten Computerspiel, in dem sie ihre Seele retten musste?
Sina wurde schnell klar, dass sie irgendetwas tun wollte – tun musste. In ihr drängte ein Tatendrang etwas neues zu erkunden, raus zu gehen, das Wetter zu genießen, die Stimmen der Menschen zu hören, einfach alles aufzusaugen, was ihr ein Gefühl von etwas Neuem und Gutem gab.
Und es war so plötzlich gekommen. Hatte es etwas mit Sandra und Nicolas zu tun? Aber der Anblick hatte sie doch angeekelt? Oder war Sinas Unterbewusstsein schneller gewesen und hatte eine wichtige Entscheidung alleine getroffen, ohne auf die Gefühle und Emotionen Rücksicht zu nehmen? Wollte ihr Unterbewusstsein, dass sie sich genauso öffnete, wie ihre Zimmergenossin? Sandra war belohnt worden, so wie es aussah. Sie fühlte sich gut, wenn man ihr Lächeln richtig deutete – und daran hatte Sina nun keinen Zweifel mehr.
„Paps“, sagte sie und traute sich ihren Blick ein wenig zu heben. An seinen ausgestreckten Armen erkannte sie seine eigene Furcht, die Furcht vor dem Unbekannten.
Das erste Mal nach sechzehn Wochen, das sie mit ihrem Vater sprach, ihm zeigte, dass doch noch ein Stückchen Leben in ihr drin war.
Und es gab etwas, dass sie ihm unbedingt sagen wollte.
„Ich gebe dir keine Schuld an dem was mir passiert ist.“
„Sina – “, seine Stimme brach, er rümpfte die Nase. „Sina, ich... Gott, ich bin so froh, dass du endlich mit mir redest, Spatz.“ Er streckte seine Arme aus, doch dafür war Sina noch nicht bereit. Das wäre zu viel für den Moment, aber sie ahnte jetzt schon, dass sich auch das bald ändern würde. Sie stellte sich jetzt schon vor, wie es war ihre Arme um seinen Hals zu schlingen und sich einfach wie seine Tochter, die Schutz, Liebe und Geborgenheit suchte, an ihn zu klammern, alles aufzusaugen, was er ihr geben konnte, mehr zu verlangen und sich dabei nicht schlecht zu fühlen.
Doch noch nicht jetzt. Aber bald.
Sie wollte es ihm gerne mit Worten sagen, sie wollte nicht, dass er dachte, sie würde ihn ablehnen, aber diese Worte fanden den Weg nicht über ihre Zunge hinweg.
„Ich möchte allein sein“, sagte sie und hob noch ein Stück den Kopf, ohne ihn anzusehen, und ihm trotzdem einen Blick in ihre Augen zu gewähren. Er musste das Glitzern sehen können, was sie versuchte zu unterdrücken.
Sein leises Lächeln ließ eine noch nie erlebte Gänsehaut über ihren Körper gleiten. „Ist gut, Spatz. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Du hast allen Freiraum der Welt. Die Hauptsache ist, dass du dich wohl fühlst.“ Er brach ab und seufzte. „Besser gesagt, dass du endlich wieder weißt, wie es sich anfühlt sich wohl fühlen zu
dürfen.“ Er schien einen Moment lang nach ihrer Hand greifen zu wollen, besann sich dann aber eines besseren. „Ich warte hier auf dich. Geh einfach eine Runde spazieren und mache, wonach dir die Lust steht. Halte deine Füße in den Teich, streichle ein paar Enten, egal was du machst, fühl dich wohl und genieß es.“
Sina nickte kurz und drehte sich in Richtung Ententeich. Ein paar Kinder spielten dort Seilchenspringen und lachten. Einen kurzen Augenblick bildete Sina sich ein, ihre Mundwinkel hätten sich erhoben, aber es war wohl genau nur das: Einbildung.
Sina fühlte Dinge, die sie noch nie wahrgenommen hatte. Kies, Gras, Sand und alles fühlte sich anders an. Sie spürte den Wind, das sanfte Streicheln an ihren Wangen.
Am liebsten wäre sie jetzt auf einen Baum geklettert. Sie wollte noch mehr Wind um sich herum. Sie sehnte sich danach, wie er ihr Haar zauste.

„...egal was du machst, fühl dich wohl und genieß es.“
Die Worte ihres Vaters erinnerten sie daran, dass ihr die Welt offen stand. Sie wollte auf einen Baum klettern, also würde sie es auch tun.
Freiheit!
Eine Hand auf dem Baumstamm, ein paar Finger um einen Ast geklammert, zog sie sich langsam, aber mit einer noch nie verspürten Kraft hoch und setzte sich auf einen breiten einlandenden Ast.
Ihr Vater hatte Recht behalten. Sie tat etwas, was sie wollte und spürte ein leichtes Gefühl von Wohlfühlsein. Einen Moment lang schloss sie die Augen, wartete auf die Geräusche der Natur, auch wenn sie nicht genau wusste, was was war und wo es her kam. Sina konzentrierte sich auf den Wind, der ihr Haar streichelte. Es war gar nicht kälter als unten, und auch nicht windiger. Oder empfand sie es nicht so, weil sie einen Teil ihrer Angst auf dem Boden zurückgelassen hatte und in vollen Zügen etwas Neues genoss?
Eigentlich war es nichts neues, aber Sina fühlte sich wie ein Kind in der ersten Schulklasse. Manches musste sie neu lernen und entdecken. Alles würde sich anders anfühlen.
„Hallo junges Fräulein.“ Sinas Augen öffneten sich automatisch und richteten sich auf einen jungen Mann, sportlich gekleidet in dunkelblauer Jeans und einem weißen enganliegenden Shirt, der vor dem Baum stand und lächelnd zu ihr hinaufblickte. Seine leuchtend blauen Augen war das nächste, was sie wahrnahm. Wie versteinert blickte sie in dieses blaue Wunder, wollte nie wieder wegsehen – als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt. Die Augen schienen sie retten zu wollen, sie aufzufangen.
„Passen Sie auf, Sie – “ Die entsetzte Stimme des Mannes endete in einem kleinen Aufschrei. Doch es war nicht sein Schrei, sondern ihr eigener.
Sina fiel, der Wind brauste in ihren Ohren, der Boden kam ihr immer näher, und sie sah nur die blauen Augen. Selbst in Erwartung eines schmerzhaften Aufpralls konnte sie ihren Blick nicht von seinem lösen.
Doch der Schmerz blieb aus. Stattdessen spürte sie etwas starkes, mächtiges, dass sie trug.
„Da hast du ja wahnsinniges Glück gehabt, dass ich gerade vorbeigekommen bin“, lächelte der Mann und entblößte perfekte, makellos weiße Zähne. Sein Lächeln war das Schönste, was sie je gesehen hatte, obwohl, eher das zweitschönste! Ihre braunen Augen nahmen seine Blauen immer noch in Beschlag – er schaute nicht weg, was gut war. Sina wollte nie wieder etwas anderes sehen. „Warum bist du überhaupt auf den Baum geklettert?“, fragte er mit leicht hochgezogenen Augenbrauen und stellte sie wieder auf ihre eigenen Füße. Ihr Halt war schwach, er hielt sie nach wie vor umklammert, an sich gedrückt, damit sie stehen konnte.
Erst jetzt bemerkte sie es nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch mit ihrem Verstand.

Ein Mann umarmte sie!
Sie hatte einem Mann in die Augen geschaut!
Blaue Augen...
„Freiheit“, sagte sie, mit klangvoller Stimme. Jetzt wusste sie wieder, wie sich Freiheit und Wohlfühlsein anfühlte. Und da war noch etwas...
„Wow“, lächelte der Mann. „Ich glaube, ich habe es noch nie so direkt gesagt, aber bei dir kann ich einfach nicht anders.“ Er sah sie fast schon fragend an, ob er fortfahren durfte. Sina nickte. „Du hast das wunderschönste Lächeln, das ich je gesehen habe. Und das ist mein vollkommener Ernst, nicht einfach nur so daher gesagt.“
Sinas Atem stockte. Er sah sie lächeln... Ja, dass musste ihr verzehrter Gesichtsausdruck sein, den sie spürte. Das sanfte Dehnen ihrer Lippen. Schade, dass sie gerade keinen Spiegel zur Hand hatte. Was hätte sie nicht alles dafür gegeben zu wissen, was er gerade sah.
„Ich bin Jannik“, stellte er sich vor. „Jannik Berg. Und wie heißt du wunderschönes Mädchen?“
„Sina“, antwortete sie wie automatisch. „Sina Weitz.“
„Sina“, schmunzelte er. „Ein wunderschöner Name. Freut mich dich kennen zu lernen, Sina.“
Er schien es wirklich so zu meinen, denn sein Lächeln wurde noch breiter.
Einladend. Verzückt. Entspannt.
„Was treibt dich hierher, Sina?“, fragte er.
„Freiheit“, sagte sie schlicht. Ein einfaches Wort, was nicht nur für sie einfach nur ein Wort zu sein schien. Er schaute in den Himmel und der Ausdruck in seinen Augen wurde milder.
„Freiheit“, wiederholte er. „Ein Lebensgefühl. Das Schönste überhaupt.“ Er nahm ihre Hand und zog sie ein wenig mit sich. „Komm. Ich zeige dir etwas. Dann weißt du was Freiheit wirklich bedeutet.“
Ihre Füße trugen sie bereitwillig mit und sie konnte nicht anders als auf ihre ineinanderverschlungenen Finger zu schauen. Sie konnte es nicht glauben, was sie gerade erlebte. Es war zu surreal,
zu normal um es glauben zu können. Besonders nicht jetzt, nicht nach alldem, was Sina erlebt hatte.
Welches Schloss in ihr hatte sich geöffnet?
Wieso hatten ihre Augen so intensiv in die Seine schauen können?
Lag es daran, dass sie höher war und runter hatte gucken müssen?
War es einfach nur reiner Zufall? Nichts weiter?
Doch an Zufall konnte sie gerade nicht glauben.
Hier war etwas anderes am Werk. Die selbe Macht, die sie bei ihrem Schritt nach Draußen gespürt hatte.
Und es war eine positive Macht.
Sie ließ sich von Jannik einfach mitziehen... Scheinbar in ein neues Erlebnis.
Ihr Körper war um eine Emotion reicher: Das Bedürfnis überhaupt etwas zu fühlen. Etwas positives. Und das, so stark wie es nur möglich war...


Ich landete schneller wieder in der Gegenwart, als ich wollte, aber mein innerer Schutzmechanismus wusste, wie es weitergegangen war und hatte mich vorher aus dem Erinnerungsstrudel rausgezogen. Keine Ahnung, ob es besser war, denn ich konnte mich auch so noch lebhaft gut an alles erinnern.
Jannik und ich waren nicht weit gekommen, als plötzlich Chris vor uns stand.
Erschrocken.
Auf der Hut.
Auf die Gefahr lauernd.
Und dann irritiert, als er unsere Hände sah, voller Panik, dass man mir etwas antun könnte und dann – das schlimmste Erlebnis überhaupt – eine Wut, die mich zu zerfetzen schien. Seine Augen erwachten in einem Anflug von Zorn und der irre Glanz hatte mir Angst gemacht.
Anfangs glaubte ich, dass er wütend auf mich gewesen war, aber das hatte er abgestritten. Ich glaubte es ihm nicht.
Er schien fast schon beleidigt gewesen zu sein, dass es ein wildfremder Mann eher geschafft hatte mich komplett aus meiner Trance zu lösen, als er selbst – als mein Fleisch und Blut. Was ich ihm noch nicht einmal übelgenommen hätte – wenn er dazu gestanden hätte. Doch das tat er bis heute nicht.
Lange hatten wir uns angeschaut, bis er über Jannik hergefallen war, ihn als Mistkerl beschimpft hatte, der die Pfoten von mir lassen sollte.
Ob er nicht wüsste, was ich durchgemacht hatte und ob es ihm so egal sei. Ob er auch einer dieser miesen Drecksschweine wäre, die nur an ihren eigenen Schwanz dachten.
Ich hatte Chris’ Worte so laut im Ohr...
Worte der Vergangenheit, die ich jetzt lautstark aus dem Wohnzimmer des Hotelzimmers vernahm.
Es wiederholte sich...
Damals hatte ich einfach zugesehen, es geschehen lassen.
Jetzt wollte ich nicht einfach tatenlos danebenstehen. Ich wollte handeln, Jannik irgendwie beschützen, was totaler Blödsinn war, aber ich fühlte mich fast schon dazu verpflichtet.
Was er mir angetan hatte war eine Sache zwischen ihm und mir, wo sich mein Vater rauszuhalten hatte! Genau wie alle anderen Anwesenden.
Es wurde Zeit, dass ich es sagte!

© 2010 by Blutmädchen

zum 22. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 20. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
20. Kapitel: Das unerwartete Zusammentreffen (1/2)

Sinas POV

Ginge es nach mir, dann würde sich vieles von ganz alleine lösen, ohne das ich mir stundenlang den Kopf darüber zerbrechen müsste. Doch meist ging es nicht nach mir und wenn der Stein erst einmal rollte, konnte nur Obelix ihn aufhalten. In meinem Umfeld gab es aber nicht einmal einen Asterix, also brauchte ich auf Obelix erst gar nicht hoffen. Zumindest nicht von den äußerlichen Kräften. Die inneren Kräfte hatte Robert – und ich bediente mich fleißig daran.
Manchmal stellte ich mir die Frage, ob es mein Schicksal war jetzt genau hier in Vancouver sein zu müssen um glücklich werden zu können. Und ich glaubte absolut nicht an das Schicksal! Lena hatte sich viel Häme von mir anhören müssen, nur weil sie mir immer wieder sagte, dass Jannik nicht der einzige Mann in meinem Leben bleiben würde und dass diese Beziehung nicht meine letzte wäre. Wahrscheinlich würde Lena dasselbe auch über Robert sagen und ausnahmsweise würde ich sie dafür nicht auslachen. Wir waren beste Freundinnen, aber was Liebe und Beziehung anging, waren wir sehr unterschiedlicher Meinung. Lena stand auf Vielfalt, neue Herausforderungen und Abwechslung. War ich, weil ich das Vertraute vorzog, deshalb ein Langweiler? Ein Liebesmuffel, wie Lena mich gerne nannte? Bisher hatte ich mich auch noch an Jannik geklammert, wenn Lena ihn längst vor die Tür gesetzt hätte. Meist Kleinigkeiten, die sie nicht tolerierte. Kleinkarierte Lena die sie war.
Ich hoffte wirklich auf ein Wunder, denn das bevorstehende Gespräch mit meinem Vater machte mir Angst. Wenn er wüsste, wo Robert und ich heute waren, dann würde er mich garantiert einen Kopf kürzer machen. Mit Sicherheit würde ich mir einen zehn Seiten langen Vortrag zum Thema „Liebe mit einem Promi in der Öffentlichkeit“ anhören müssen, auch wenn Paps sich dann eingestehen müsste, dass Robert und ich ein Paar waren und das würde garantiert nicht passieren. Nicht nur, weil er es sich niemals eingestehen würde, sondern auch weil er von mir nichts wusste, zumindest nichts Offizielles. Meine Blicke und Gesten sagten wohl viel zu viel und Paps wissende Blicke verfolgten mich auch jetzt noch auf Schritt und Tritt.
„Wo bleibt Chris denn?“ Zusammenzuckend drehte ich meinen Kopf blitzschnell in Roberts Richtung.
„Autsch“, schrie ich auf und rieb meinen Nacken. „Das hat geknackt.“
„Soll ich dich massieren?“ Sein Atem kitzelte mein Ohr und ich lächelte unwillkürlich.
„Du würdest garantiert das kaputt machen, was noch heile ist.“
Grinsend zwickte er mich ins Ohr. „Sag das noch mal und ich beiße dir das Ohr ganz ab.“
„Vorsicht, Mr. Pattinson“, warnte ich ihn. „Sonst macht mein Vater Hackfleisch aus dir.“
„Oh, oh, jetzt habe ich aber Angst, Frau Weitz.“
Lachend riss ich die Augen auf. „Frau? Nicht Miss?“
„Ist Frau nicht die deutsche Bezeichnung?“, konterte er.
„Doch, aber woher - ?“
Robert winkte ab. „Ich glaub ich hör es klopfen.“
Ich lauschte, hörte aber nichts. „Hm, keine Ahnung.“
„Ich schau mal nach.“ Robert stand auf, zog sich die Hose hoch und das T-Shirt glatt und ging zur Tür. Es konnte nur Paps sein. Am liebsten hätte ich mir ein Kissen vors Gesicht gehalten. Ein lautes Lachen ertönte plötzlich. Erstaunt blickte ich in Richtung Tür. Scheinbar war es doch nicht mein Vater. Neugierig stand ich auf und ging ebenfalls zur Tür. Doch noch ehe ich Roberts Rücken erblickte, vernahm ich einen deutlichen Stimmungsumschwung, dem ein lautes Brüllen folgte.
„Was ist hier – ?“ Weiter kam ich nicht. Eine blonde Frau, die ich eindeutig als Roberts Schwester Elizabeth erkannte – Robert hatte mir ein Foto auf seinem Handy gezeigt – hielt ihn am Arm zurück, während ein Mann auf ihn einredete, eine andere blonde Frau, die nur Roberts Mutter sein konnte mit schockiertem Blick hilflos daneben stand und versuchte irgendetwas zu sagen, was in Roberts Brüllen jedoch lautlos unterging, und eine andere junge, dunkelhaarige Frau, die sich schützend an einen jungen Mann lehnte, den ich als meinen Ex-Freund erkannte… Was? Nein… Moment! Das konnte nicht sein! Jannik?! Sie lehnte sich eindeutig an ihn!
Unter ungläubigem Staunen versuchte ich mir einen Überblick zu verschaffen. Roberts Oberkörper, an den sich seine Schwester Elizabeth klammerte, war stark nach vorne gebeugt – eindeutig in Janniks Richtung.
„Rob, beruhige dich mein Sohn, was ist bloß in dich gefahren?“ Also war der große, gutaussehende Mann Roberts Vater. Dann musste die Frau neben Jannik – ich konnte es immer noch nicht glauben – Roberts andere Schwester sein. Victoria hieß sie doch, oder? Ja, er hatte sie Vicky genannt. Und Robert sprach von einem Freund seiner Schwester, den er bald kennen zu lernen hoffte.
Das musste ein Irrtum sein! Wahrscheinlich träumte ich das gerade! Sehr wahrscheinlich lag ich noch auf der Couch und Robert bemühte sich mich wach zu bekommen, weil mein Vater endlich eingetroffen war. Daher hörte ich ihn brüllen. Garantiert!
„Du Dreckskerl! Lässt Sina einfach sitzen! Schwanger, man!“ Ich horchte auf. Suchte nach einer weiteren Erklärung, dass ich träumen musste, dass es keine andere Alternative gab.
Sina, verdammt, stutzte ich mich selbst in Gedanken zurecht. Diese Situation ist real und dein Freund attackiert deinen Ex-Freund. Geh endlich dazwischen, wenn du nicht willst, dass das hier eskaliert.
„Robert“, rief ich und zog an seinem Arm, stellte mich vor ihm und nahm sein Gesicht in meine Hände. „Sieh mich an“, forderte ich ihn auf, aber sein wilder Blick lag immer noch auf Jannik. Es hatte etwas animalisches, was mich unweigerlich an Edward erinnerte, der gegenüber Jacob sein Territorium absteckte. „Rob“, rief ich erneut laut. Vergeblich. Ich nahm all meine Kraft zusammen, stellte mich auf die Zehenspitzen um ihm genau in die Augen blicken zu können und drückte meine Stirn fest an seine. „Robert, jetzt hör mir bitte zu.“ Endlich blickten seine Augen in meine, sofort wurde meine Stimme weicher, ob beabsichtigt oder nicht – wer wollte das jetzt schon wissen? „Ich liebe dich“, sagte ich klar und deutlich. Irgendeine innere Stimme flüsterte mir, dass er das jetzt unbedingt hören musste – ganz gleich, ob es noch zehn andere Ohren gab, die es ebenfalls mitbekamen. „Du sorgst dich um mein Baby und glaubst du es hilft mir, wenn du so rumbrüllst? Erspar uns allen diesen Stress.“ Ich sah ihn liebevoll an. „Bitte“, fügte ich hinzu und küsste ihn.
Sofort schlang er seine Arme um mich und zog mich eng an sich. Das Wort besitzergreifend schoss mir unweigerlich durch den Kopf. Als hätte Robert meine Gedanken gehört, blickte er auf und warf Jannik einen scharfen Blick zu.
„Das muss nun nicht jeder mitbekommen“, hörte ich eine weibliche Stimme sagen und kurz darauf hörte ich die Tür ins Schloss schnappen. „Lasst uns ins Wohnzimmer gehen.“ Ich drehte meinen Kopf und erkannte Roberts Mutter, die gesprochen hatte. Sie lächelte leicht gequält. Robert, immer noch an mich gepresst, ging – mich im Schlepptau – als letzter ins Wohnzimmer, machte keine Anstalten sich hinzusetzen, hielt mich einfach nur im Arm und sah seine Schwester und Jannik abwechselnd durchdringend an, sagte aber dankenswerterweise nichts.
Ich war geschockt, aber mein Verstand ließ mich nicht im Stich. „Mit so einem Besucheransturm hätten wir jetzt gar nicht gerechnet. Wir haben eigentlich meinen Vater erwartet.“
Mrs. Pattinson lächelte mich an. „Wir wollten unseren Sohn überraschen – “
„Das ist euch gelungen“, giftete Robert und ließ Jannik nicht aus den Augen, der, wie ich nun zum ersten Mal registrierte, ebenfalls keine Anstalten machte freundlich zu sein. „Was macht dieser Typ hier?“ Robert zeigte mit seinem Zeigefinger auf Jannik.
Die dunkelhaarige Frau neben Jannik mischte sich ein. Sie stand auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Dieser Typ“, sagte sie wütend. „Ist mein Freund Jannik.“
Robert lachte gehässig auf. „Na da hast du ja einen richtig tollen Fang gemacht, Vicky.“ Er spuckte ihren Namen gerade zu aus. „Ich dachte du hättest Geschmack.“
„Rob – “, zischte Mrs. Pattinson.
„Halt dich da raus, Mom“, sagte Victoria und gab ihr ein Handzeichen. „Mein Bruder ist gerade nur etwas übergeschnappt. Der kriegt sich schon wieder ein. Und dann wird er sich schön entschuldigen, nicht wahr Brüderchen?“ Sie funkelte ihn an.
„Ich mich entschuldigen?“ Robert lachte hart auf. „Du leidest an Wahnsinnserscheinungen, wenn du das wirklich glaubst.“
Victoria ballte die Fäuste. „Was hat Jannik dir getan?“
„Er hat Sina sitzen gelassen“, fauchte er. „Sie ist schwanger, verdammt! Man betrügt seine schwangere Freundin nicht!“
„Ich wusste nicht, dass Sina schwanger ist“, schaltete sich Jannik ein. Ich warf ihm einen schnellen Blick zu. Es war mir unangenehm so über die Situation nachzudenken. Er war nicht das Opfer, aber Robert hatte auch nicht ganz unrecht.
„Halt dich da raus“, brüllten Robert und Victoria aus einem Munde und brachten Jannik zum schweigen, der sich wieder in seinen Sessel zurückfallen ließ.
Mir war nach Heulen zumute. Viel zu viele Gedanken schossen durch meinen Kopf und ich war überfordert mit den ganzen Informationen auf einmal.
1. Jannik war bei mir. Ich sah ihn zum ersten Mal seit meiner Flucht aus seiner Wohnung.
2. Ich sah die Frau, mit der er mich betrogen hatte. Die der Grund war, dass mein langjähriger Begleiter mich plötzlich und ohne Skrupel verlassen hatte.
3. Diese Frau war noch dazu die Schwester meines neuen Freundes.
Das war einfach zu viel. Ein schlechtes Drehbuch mit noch schlechterer Umsetzung der Schauspieler. So hatte ich mir dieses erste Aufeinandertreffen mit Jannik ganz sicher nicht vorgestellt! Das war doch echt Ironie des Schicksals… Wobei wir wieder bei einem Punkt wären, an den ich unmöglich glauben konnte. Sollte es wirklich so sein?
Und was wusste Victoria? Oft hatte ich mich unterbewusst gefragt, was die Amerikanerin, für die ich sie anfangs hielt, über mich wusste, und ob sie überhaupt wusste, dass es mich gab. Hatte Jannik bei ihr mit offenen Karten gespielt und es war ihr egal? Wenn ja, wie sollte ich damit umgehen? Gerade auch jetzt, wo ich wusste, dass diese Frau Roberts Schwester war. Und hatte ich überhaupt einen Grund sauer zu sein? Schließlich hatte ich mich auch schnell getröstet. Würde Jannik mir das zum Vorwurf machen? Rechte dazu besaß er zwar nicht, aber bei den Blicken, die er mir zuwarf, war es nur eine Frage der Zeit, bis er es mir an den Kopf warf.
„Rob“, sagte Victoria, nun mit etwas ruhigerer Stimme. „Lass uns das wie zwei erwachsene Menschen klären. Setz dich hin und sag, was dich stört.“
Ich konnte nicht anders und warf ihr einen bewundernden Blick zu. Von Wut zu Sanft hatte sie schnell den Hebel umlegen können – so was bewunderte ich immer bei anderen Menschen. Robert sah mich kurz an und schien zu demselben Ergebnis zu kommen. Steif setzte er sich auf den Sessel und winkte mich zu sich. Fast schon widerwillig ging ich zu ihm rüber und setzte mich auf die Sessellehne. Er legte seine Hand auf meinen Oberschenkel.
Victoria setzte sich neben Jannik. Sie blickte auf, holte tief Luft und sagte: „Jetzt erzähl mir was los ist.“
Auch Robert holte tief Luft. Die anderen im Raum nahmen Platz und sagten kein Wort. Mr. Pattinson wachte wie ein Luchs, bereit sich wieder zwischen seine Kinder zu werfen. Mrs. Pattinson kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Elizabeth hingegen war ruhig, warf ihr langes blondes Haar zurück und schlug die Beine übereinander.
„Dein Freund und meine Freundin waren vor kurzem noch ein Paar.“ Ich war froh, dass Roberts Stimme nun auch etwas an aggressivität verloren hatte, wusste aber nicht, ob er es nur spielte – Talent genug war schließlich da. Bei seinen Worten allerdings bekam ich eine Gänsehaut. Robert und Jannik in einem Raum und ich dazwischen – dieses Szenario war mein wahr gewordener Albtraum!
Victoria starrte ihren Bruder überrascht an. Oder war es eher ein entsetzter Blick? „Wie bitte?“, flüsterte sie und schaute zu Jannik, der demütig den Blick senkte. Besser hätte er sich nicht verraten können. „Stimmt das, Jannik?“
Ich gestattete mir ihrer Stimme genauer zuzuhören, wie sie mit ihrem britischen Akzent seinen Namen aussprach.
Jannik nickte nur.
„Und warum weiß ich davon nichts?“
„Ich konnte doch nicht wissen, dass Sina und dein Bruder – “
„Lass Robert da raus“, keifte Victoria. „Du hast mir gesagt, du wärest Single. Du hast mich angelogen!“ Ihre Stimme brach und schnell wischte sie mit ihrem Pulloverärmel über ihre Augen, blinzelte hektisch. „Scheiße!“ Sie stand auf und lehnte sich an die Wand. Jannik streckte seine Hand nach ihr aus, aber sie wehrte ihn ab. „Bitte, lass mich.“
„Aber Engel – “
Ich spürte, wie meine Wangen glühten. Engel – so hatte Jannik mich nie genannt… Was hatte Victoria, was ich nicht hatte? Ich konnte mich gegen diese automatische Frage nicht wehren.
„Jannik, hör auf“, sagte Victoria leise. Elizabeth ging zu ihr und legte ihr wortlos einen Arm um die Schulter.
Im selben Moment klingelte es. Das musste Paps sein… Scheiße!
Wie würde er auf Jannik reagieren? Genauso wie Robert? Nicht noch einmal, bitte!
„Das wird Paps sein“, sagte ich, fast lautlos. „Ich mach schon.“ Robert wollte gerade zur Tür gehen, doch ich wollte ihm erst gar nicht die Möglichkeit geben meinen Vater auf seine Seite zu ziehen. Ich musste meinen Vater sachte vorwarnen. Wie er dann reagierte lag nicht in meiner Macht.
Ich ließ mir so viel Zeit wie es nur ging, überlegte, was ich meinem Vater sagen könnte. Augen zu und durch!
„Hallo Paps“, begrüßte ich ihn und ließ ihn ein. Er beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf die Wange.
„Hallo Spatz. Ist alles in Ordnung? Du siehst gar nicht gut aus.“
Ich versuchte mich erst gar nicht rauszureden. „Kein Wunder“, seufzte ich. „Ich habe gerade die Überraschung meines Lebens erlebt und kann es immer noch nicht ganz realisieren.“
Chris grinste. „Hat Rob dir etwa einen Heiratseintrag gemacht?“ Er lachte über seinen eigenen Witz, brach aber sofort ab, als er merkte, dass ich das gar nicht witzig fand. Seine Pupillen vergrößerten sich. „Im Ernst jetzt?“
„Nein“, erwiderte ich gereizt. „Schlimmer.“
„Das Kind ist doch nicht von Jannik, sondern von Robert?“ Sein Scherz kam wieder nicht an. Ich ließ es unkommentiert. „Gut“, murmelte er. „Dann sag du es mir.“
„Jannik ist hier.“
„Was?“ Chris’ Pupillen wurden, falls das überhaupt möglich war, noch größer, dann schrumpften sie ich sich zusammen. „Das ist nicht dein ernst?“
„Doch“, antwortete ich widerstrebend. „Und er ist nicht alleine gekommen. Seine neue Freundin inklusive Familie ist dabei.“
„Bitte?“, brüllte Chris jetzt. Ich schüttelte energisch den Kopf.
„Paps, bitte – “
Es war zu spät. Chris stampfte bereits wie ein wütender Stier Richtung Wohnzimmer.
„Paps“, rief ich hinterher und knurrte. „Paps, bitte! Sie ist Roberts Schwester!“
Ich sah nur noch seine Jacke hinter ihm aufgebauscht um die Ecke verschwinden…

© 2010 by Blutmädchen

zum 21. Kapitel