Last night... I dreamt of you - 1. Kapitel

Last night... I dreamt of you
1. Kapitel: Just a dream? Or reality?

Chelseas POV

Ich kämpfte gegen das Wachwerden an. Kämpfte wie ein Zebra, dass erst vor einem Löwen wegrannte, dann aber doch geschnappt wurde. Ich wollte einfach nicht aufwachen. Wollte an dem Traum festhalten, der etwas mit mir anstellte, was bisher niemals zuvor vorgekommen war.
Schluss jetzt mit dem Wach-werden-oder-nicht-Quatsch! Ich klammerte mich dennoch geradezu verzweifelt an den warmen muskulösen Männerkörper. Schnupperte und atmete den Geruch von Schweiß und Stärke ein. Ich konnte es nicht genau benennen, aber es mussten diese beiden Dinge sein, die so einen würzigen und köstlichen Geruch erzeugen konnten.
Wenn mich irgendetwas von diesen starken Muskeln wegziehen wollte, dann musste es schon ein Tornado sein!
Von irgendwo weit her schrie eine mir unbekannte Stimme meinen Namen. Erst leise, dann etwas lauter.
„Chelsea. Cheeeelseeeea. Aufwachen!“
Ich klammerte mich weiter an den Mann, doch der Sog in die Realität war stärker.
Warte mal. War das nicht die Realität?
Nein, definitiv nicht... Leider nicht.
Wann hatte ich je in meinem Leben Sex gehabt? Noch nie... Und wäre dies kein Traum, dann würde ich nicht gegen das Aufwachen ankämpfen – was am stärksten für einen Traum sprach. Und dann die Stimme, die meinen Namen rief. Die Stimme kam immer näher.
„Chelsea, Schwesterherz, wach auf. Frühstück steht schon auf dem Küchentisch und wartet auf dich.“
Jetzt endlich erkannte ich die Stimme. Und ich verfluchte sie. Verfluchte meinen Zwillings- und eigentlich bisher auch Lieblingsbruder.
Die warme, weiche Haut löste sich unter meinen Händen auf und der starke Griff um meine Taille verschwand.
Ich öffnete mit einem Blinzeln die Augen und erblickte die azurblauen liebevollen Augen meines Bruders. Christian. Dieser Affe.
Sofort drehte ich mich weg.
„Na sieh mal einer an, dass ich das noch erleben darf“, kicherte Christian und riss mir mit einem Ruck die Bettdecke weg. Die Wärme verschwand ruckartig und ich war sofort hellwach. „Meine Schwester ist ein Morgenmuffel.“
„Christian“, schrie ich und sprang auf. „Was fällt dir ein mich so hinterhältig wach zu machen?!“
Er schaute mich nur grinsend an. „Ja, ja, Sis“, trällerte er. „Wie gesagt, das Frühstück wartet auf dich.“ Damit drehte er sich um und wollte gerade zur Tür raus gehen, als ich mich auf ihn stürzte.
„Du dämlicher Mistsack“, fluchte ich. „Du hast mich aus dem schönsten Traum meines Lebens geholt!“ Ich prügelte auf ihn ein, meine Fäuste schlugen auf seine harten muskulösen Schultern. Ich verstand meine Wut nicht und als er mich anblickte – erstaunt und geschockt – ließ ich von ihm ab, schnappte mir meine Klamotten, die ich einen Tag zuvor auf dem Stuhl bereit gelegt hatte, und rauschte an Christian vorbei ins Badezimmer.
„Hey, Chelly“, rief er mir nach. „Was ist los?“ Besorgnis mischte sich in seine Stimme. Ich ignorierte ihn und schloss mich im Bad ein.
Verdammt, was war das bloß?
Wegen eines albernen Traums hatte ich meinen Bruder angegriffen. Meinen Zwillings- und Lieblingsbruder!!!
Ich musste verrückt sein. Eindeutig.
Hatte ich vor dem Schlafen gehen etwas eingenommen? Ecstasy? Warnvorstellungspillen? Sicher konnte ich mir nicht mehr sein.
Mit dem Augenaufschlag schien irgendetwas mit mir passiert zu sein. Eine mächtige unerfüllte Sehsucht hatte mich gepackt und mich mit Wut gefüttert. Christian hatte es zuerst am eigenen Leib spüren müssen.
Eine heiße Dusche und es sollte mir besser gehen, dachte ich und zog mich aus. Das kalte Wasser um meine Zehen fühlte sich gut an und gab mir eine Augenblick Lebendigkeit zurück. Ich musste verrückt sein. Dieser unglaublich realistische Traum musste mein Gehirnzweige falsch miteinander verknüpft haben. Da, wo eigentlich die Realität war, war nun die finstere Fiktion. Der Mann in meinem Traum war real und mein armes – definitiv unschuldiges – Fleisch und Blut, mit dem ich mir den ersten Atemzug meines Lebens geteilt hatte, war die erbarmungslose Fantasie.
Völlig verdrehte Weltansicht.
Als das Wasser wärmer wurde hob ich den Kopf und ließ den immer mehr dampfenden Strahl direkt in mein Gesicht plätschern – in der Hoffnung, dass die Hitze meine Gedanken abtötete, einfach weil sie es nicht mehr aushielten. Es wäre zu schön gewesen. Stattdessen hatte ich das Gefühl ganz fies zu verbrennen.
Mit einem lauten Aufschrei sprang ich von dem nun kochend heißen Wasser weg und drehte kalt ganz weit auf. Mein Gesicht brannte. Doch die folgende eisige Kälte war auch nicht das, was mir helfen konnte. Statt psychische Gedankenauslöschung hatte ich nun physische Schmerzen. Und was für welche...
Ich trocknete mir vorsichtig das Gesicht ab und keuchte auf vor Schmerz. Ein Blick in den Spiegel und ich wusste, dass ich wie ein gekochter Hummer aussehen musste. Doch zum Glück überfiel mich diese Realität nicht auch noch. Sie schien zu dem Ergebnis gekommen zu sein mich heute schon genug gequält zu haben. Dennoch wischte ich den Dampf vom Spiegel.
„Oh mein Gott“, entfuhr es mir unwillkürlich. „Und so soll ich in die Schule gehen?“
Meine Mitschüler, die mich sowieso nicht mochten, würden nur auf die nächste Gelegenheit warten auf mich eindreschen zu können. Und diese Chance wollte ich ihnen auf keinen Fall geben. Ich war leider nicht so unscheinbar wie mein Aussehen. Bei aller Liebe: Ich war keine Schönheit. Mein Gesicht war, wie alle anderen immer sagten ‚ganz hübsch’, aber der Rest? Der Spiegel log nicht. Meine blonden schulterlangen Haare konnte ich nicht einmal richtig zu einem Pferdeschwanz binden, ohne dass sie sich kräuselten und – ohne übertreiben zu wollen – scheiße aussahen. Scheiße konnte man nun mal nicht anders beschreiben als scheiße. Man sollte schließlich nichts beschönigen. Sollte jemand das jemals bei mir versuchen, müsste er erst neue Wörter erfinden – die andere dann wiederum eh nicht verstehen würden. Also: Wozu erst die Mühe?
Meine Augen waren das einzige an mir, was mir gefiel: Sie waren von einer karibisch-blauen Meeresfarbe und groß. Wer mich nicht kannte sagte ich hätte ‚große, intelligente Augen’. Hatten die eine Ahnung...
Meine Unzulänglichkeiten betrachtend, war ich froh, dass der Spiegel nur mein Gesicht zeigte. Der Rest meines Körpers war genauso minderwertig. Meine Brüste waren größer als sie sein sollten, mein Bauch faltig und mit einer Speckrolle dekoriert. Ich hatte Schwangerschaftsstreifen, obwohl ich noch nie ein Kind ausgetragen hatte. Außerdem: Wie sollte das gehen, ohne jemals Sex gehabt zu haben?
Keiner hatte mich bisher gewollt und die, die es taten waren armselige Ratten. Drogenjunkies, alkoholabhängige Penner und alte Säcke.
Bis auf einer. An den erinnerte ich mich mit einer Lebhaftigkeit, die direkt ein Schmerzsignal vom Kopf zum Herzen schickte und es bluten ließ.
Der eine, der mir genommen worden war...
Vor einem Jahr – genau genommen jährte sich dieser traurige Tag in drei Tagen zum ersten Mal – hatte ich einen Mann kennen gelernt, der nicht nur für mich mehr war. Er war lustig und unvoreingenommen, hatte mich einfach angesprochen und so aufrichtig angelächelt, dass ich nicht mal mehr meinen eigenen Namen stottern konnte. Es war mir unvorstellbar so ein Glück spüren zu dürfen also glaubte ich ihm nicht. An dem Tag, als er mir endlich klar machte woran ich bei ihm war, war er auf tragische Weise umgekommen – noch bevor sich unsere Lippen treffen durften.
Ich erinnerte mich mit funkelnder Klarheit zurück: Wir waren an einem Imbissstand, aßen Fish and Chips und tranken dazu Champagner aus Plastikbechern. Er hatte mich mit dieser Flasche unter dem Arm zu Hause abgeholt und mich gebeten mir beweisen zu dürfen, dass ihn mein leichtes Übergewicht nicht störte. Ich hatte mich gefragt, wie er das schaffen wollte, bis wir bei der Imbissbude ankamen und ich nur ungläubig gucken konnte. Er hatte sanft gelächelt und uns etwas bestellt. Dann hatte er mit den Worten „Auf eine neue Zukunft für Chelsea und Thomas“ die Champagnerflasche geöffnet und in Plastikbecher eingeschenkt, die er von der Imbissfrau bekommen hatte.
Als keine fünf Minuten später eine Bande halbstarker Jungendlicher kam, uns sah und dämliche Kommentare von sich gab, hatte Thomas sich vor mich gestellt, die Jugendlichen in ihre Schranken gewiesen, die schließlich auch verschwanden, dann aber mit doppelter Angriffskraft in Form von Baseballschlägern wiederkamen.
Ich hatte Angst gehabt, aber Thomas war nicht bereit sich davon einschüchtern zu lassen. Die Imbissfrau hatte die Polizei verständigt, aber noch ehe diese eintraf, lag Thomas schon in einer großen Blutlache und als ich mich neben ihn kniete, verzweifelt nach Hilfe schreiend, hatte er etwas zu mir gesagt, was ich nicht gewollt hatte: „Siehst du. Ich liebe dich wirklich.“
Dieser Satz verfolgte mich heute noch und ich hatte Monate gebraucht um mit dem erlebten klar zu kommen, war in Therapie und hatte meinen eh kleinen Freundeskreis auf eine einzige Person schrumpfen lassen. Diese Erfahrung hatte mich verändert und Veränderungen waren nicht gut, damit konnten die wenigsten umgehen.
Meine einzige mir erhalten gebliebende Freundin, Sandy, hatte einen maßgeblichen Anteil daran, dass es mich noch gab.
Ein harter Schlag an die Badezimmertür holte mich zurück an den Ort wo ich stand, auf die blauen Fliesen, zurück in den Wasserdampf, der mich wieder an mein verbrühtes Gesicht erinnerte.
Nur mit Mühe schob ich die Erinnerung an Thomas fort, merkte aber, dass es nicht so arg schmerzte. Um richtig um ihn trauern zu können, hatten wir zu wenig Zeit miteinander verbracht. Meine Psychologin meinte, ich trauere eher um die Möglichkeit doch endlich etwas über Liebe lernen zu können. Denn genau das konnte ich nach Thomas’ Tod nicht mehr. Und ich hatte es danach auch nicht mehr versucht.
„Chelsea“, donnerte Christian erneut an die Tür. Ich wickelte mich in das größte Badetuch ein und öffnete die Tür, trat aber sofort zurück für den Fall, dass mein Bruder einfach das Bad stürmte.
„Chelly“, sagte Christian erleichtert. „Man ich dachte schon es sei irgend ein Ungeheuer aus dem Abfluss gekrochen, so hast du geschrien.“ Dann sah er mir ins Gesicht. „Oh“, machte er nur. „Deshalb also. Du bist echt ein Schussel. Kannst du nicht aufpassen? Man merkt doch eigentlich ob das Wasser heiß oder kochend heiß ist.“
„Siehst du doch, dass man das nicht merkt“, gab ich nur barsch als Antwort. Er sollte sich mit seinen dämlichen Das-ist-so-typisch-Chelsea-Antworten am besten direkt wieder verpissen und mich in Ruhe lassen.
„Mensch, Schwesterherz. Was ist nur los?“ Azurblaue Augen sahen mich traurig an.
Mein gütiger, selbstloser und aufopferungsvoller Bruder. Ich liebte ihn und so gerne ich es ihm erklärte hätte – ich konnte es nicht. Deshalb schüttelte ich nur den Kopf und drängte mich an ihm vorbei.
„Chelsea. Bleib stehen“, rief er mir mit etwas mehr Nachdruck hinterher und packte mich schließlich am Oberarm. „Ich will jetzt eine Antwort“, forderte er.
„Und die kann ich dir nicht geben.“
„Warum nicht?“
„Weil ich es selbst nicht weiß.“ Ich brach zusammen. Hätte Christian mich nicht aufgefangen, wäre ich auf dem harten Boden gelandet. Vielleicht doch mal keine schlechte Abwechslung die Erschütterungen körperlich zu fühlen.
„Oh Christian“, stöhnte ich und ließ mich an seine Brust sinken. Ich weinte.
Bloß, warum?
„Ich fühle mich so komisch“, gestand ich. „Ich hatte einen ganz merkwürdigen Traum.“
„Erzähl mir davon“, verlangte er, doch ich schüttelte sofort energisch den Kopf. „Warum nicht?“
„Zu peinlich“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Christian lachte. „Ach so ist das. Meine Schwester hatte einen erotischen Traum.“
„Nein“, wehrte ich mich, aber harmlos.
„Doch hattest du“, sagte er. Jetzt lachte er nicht mehr. „Du warst schon immer schlecht wenn es ums Abstreiten ging.“ Seine Stimme wurde einfühlsamer. „Dieser Traum behangt dir nicht, oder?“
Ich schüttelte nur den Kopf. Auch ohne Worte wusste er was ich dachte, fühlte... Er wusste alles. Wir waren nicht umsonst Zwillinge.
„Okay, Chelly“, sagte er sanft. „Zieh dich jetzt an. Ich hole ein wenig Salbe, damit sie während des Frühstücks einwirken kann und dann fahre ich dich zur Schule. Einverstanden?“
Nein. „Ja. Ist gut“, erwiderte ich automatisch.
Eine viertel Stunde später saß ich mit brennendem Gesicht am Frühstückstisch und schaufelte lustlos Cornflakes in mich hinein. Das tat ich auch nur um mir den öden Dialog mit Christian zu ersparen.
Wir hingen beide unseren Gedanken nach, dabei beobachtete er mich. Ich versuchte mich an den Mann in meinem Traum zu erinnern. Sein Gesicht war nur einmal deutlich zu sehen gewesen als er mir ‚Ich liebe dich, Chelly’ zugeflüstert hatte. Dieser Mann kannte meinen Namen und irgendwoher, aus den Untiefen meines Bewusstseins, wusste ich auch seinen.
Edward.
Edward. Wie altmodisch. Sein Körper, der sich hart an meinen drängte, war schweißüberströmt und kräftig. Seine Muskeln ausgeprägt und angespannt. Sein Rücken durchgebogen und sein harter Schwanz in mich hineinstoßend. Seine harte Brust, die auf meiner ruhte, seine schlanken Finger, die meinen Hals streichelten und seine Lippen, die mich anlächelten.
Ich stockte. Was war das? Seine Eckzähne... Oh mein Gott...
Erschrocken ließ ich den Löffel fallen. Die Erinnerung an den Traum war so real, so greifbar. Es schien mir als wäre es gar kein Traum – vielmehr eine Erinnerung.
Aber woran? Ich kannte diesen Mann mit den goldenen Augen und den bronzefarbenen Haaren nicht. Hatte ihn niemals zuvor gesehen oder von ihm geträumt. Dennoch wusste ich innerlich, dass ich ihn kannte.
„Chelsea?“ Christians Stimme holte mich erneut zurück. „Bist du fertig? Wir sollten los?“
„Ja“, sagte ich. „Ok.“
Als ich aufstand schaltete etwas in mir auf Autopilot. Meine Füße setzten sich ohne Anstrengung immer voreinander, meine Hände griffen nach meiner Schultasche und schoben den Stuhl wieder zurück an den Tisch.
Ich folgte meinem Bruder nach draußen, er hielt mir bereits die Autotür offen und ich stieg ein. Als er endlich los fuhr, versuchte ich nicht daran zu denken was mir wieder für ein Horrortag in der Schule bevorstand. Da Christian in einer anderen Klasse war hatte er heute frei – der Glückspilz.
Ich musste mir zu meinen üblichen Mobbingattacken nun bestimmt auch noch diverse Hummerwitze anhören.
„Ok“, räusperte er sich als er vor der Schule anhielt. „Da wären wir. Lass dich nicht ärgern und bring den Tag einfach hinter dich.“
Christian wusste wie es wirklich war, deshalb war es sinnlos ihm die Wahrheit entgegen zu spucken. Ich musste auch mal ohne meinen Bruder – der sich wie eine Mauer vor mir aufbaute – klarkommen.
Als ich mich von ihm verabschiedete sah ich auch schon Sandy, meine einzige und beste Freundin, auf mich zugerannt kommen.
„Chelsa, Chelsea, Chelsea“, schrie sie und umarmte mich stürmisch. „Oh mein Gott, was hast du mit deinem Gesicht gemacht?“
„Geduscht“, sagte ich genervt und sah sie an. „Was bist du so aufgeregt?“
Das lenkte sie direkt ab. „Chelsea, du glaubst es nicht. Wir haben einen neuen Mathelehrer. Ich habe ihn schon gesehen, du glaubst nicht von welcher Schülertraube er umringt war. Man der Typ sieht einfach geil aus! Warte ab bis du ihn siehst, du wirst es bestimmt genauso sehen. Wir haben ihn direkt in den ersten zwei Stunden. Gott, ich glaube ich fange an Mathe zu lieben.“
„Du spinnst doch“, gab ich trocken zurück. Dann liefen wir zu unserem Klassenzimmer. Es war unleugbar, dass etwas mit den Schülern passierte. Alle waren so aufgeregt wie Sandy und während die Mädchen tuschelten und übers ganze Gesicht strahlten, guckten die Jungs nur grimmig drein. Justin Hetchner, das größte Ekelpaket meiner Klasse und der Freund von der größten Schönheitsfanatikern meiner Klasse, Renata Dubberthin, versuchte verzweifelt ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wahrscheinlich hätte er es auch dann nicht geschafft, wenn er sich vor ihren Augen erhängt oder sich eine Pistole in die Mundhöhle geschoben hätte.
„Gott, Mr. Cullen ist so heiß. Und wir haben ihn jetzt“, quietsche Renata und ihre Freundinnen stimmten in das freudige Gekicher mit ein.
Oh mein Gott. Das würde die Hölle auf Erden werden, dachte ich noch, als sich die Flammen der Hölle mit dem Auftauchen dieses Mr. Cullen direkt in dem Schulflur sichtbar machten.
Ich bekam keine Luft mehr. Und in dem Moment sah auch er mich.
Sein Blick fixierte mich, seine goldenen Augen – sie waren tatsächlich golden – durchbohrten mich, gaben mir das Gefühl, dass er sich gerade auf dem Spielplatz meiner Gedanken austobte, alles was ich dachte und fühlte absorbierte und in sich aufzog. Auch meinen Traum. Verdammt. Hölle, Arsch und Zwirn.
Ich kannte ihn...
Er war der Mann aus meinem Traum von letzter Nacht.

Wieder fühlte ich die Berührungen, badete in dem Glanz seines goldenen Lichtes... Urplötzlich riss die Verbindung ab und hinterließ nur ein dumpfes Pochen in meiner Brust. Mein Herz wollte sich gar nicht mehr beruhigen.
„Ich wusste du würdest genauso reagieren“, kicherte Sandy neben mir.
Mr. Cullen wandte sich der Klassentür zu, schloss sie auf und lief als erster hinein. Wir anderen stolperten hinterher und ich setzte mich so unauffällig wie möglich auf meinen Platz. Ich spürte seinen Blick, doch als ich in seine Richtung schaute sah er direkt weg.
Ich hörte dem Getuschel der Mitschüler gar nicht mehr zu, konzentrierte mich nur auf Mr. Cullen.
Konnte das wahr sein? Ich hatte den ersten erotischen Traum meines Lebens, der so unkompliziert und meilenweit von dem entfernt war was ich mir immer vorgestellt hatte, und dann sah der Mann meines Traumes auch noch meinem neuen Mathelehrer ähnlich, den ich zuvor nie gesehen hatte – ganz sicher nicht. Und er schien es irgendwie zu wissen. Als hätte er mir die Bilder aus dem Kopf geklaut. Ein verstörender Gedanke.
„Guten Morgen liebe Schüler“, begrüßte uns Mr. Cullen und ich richtete sofort all meine Sinne auf seine Stimme. Konnte es möglich sein, dass dies die selbe Stimme war, die ‚Ich liebe dich, Chelly’ gesagt hatte?
„Ich möchte mich zu erst einmal bei ihnen vorstellen. Mein Name ist Cullen und ich bin ab heute euer neuer Mathelehrer.“
„Haben Sie eine Freundin?“, kam es sofort von Renata. Justin neben ihr grunzte mürrisch und sah seine Freundin an als hätte er endlich gemerkt, dass er seinen Frust auf sie fixieren sollte statt dem unschuldigen Lehrer die Schuld zu geben.
Mr. Cullen grinste. „Nein, habe ich nicht. Und ich hoffe Sie werden mir in Zukunft mit der selben Aufmerksamkeit und Wissbegierigkeit Fragen zu Mathe stellen wie jetzt zu meinem Privatleben.“ Er zwinkerte und wirkte dabei elegant, aber auch bestimmt.
So was machte er nicht zum ersten Mal mit und er wusste über seine Wirkung auf Frauen nur allzu gut bescheid, dachte ich.
Sein Blick heftete sich sofort wieder auf mich und erneut fühlte ich diese komische Leere, diesen Nachhall in meinen Gedanken. Als hätte er mir erneut was weggenommen.
Mitwissen.
Ich machte große Augen. Konnte das seine Stimme gewesen sein? Einen Moment glaubte ich Verwunderung auf seinem Gesicht gesehen zu haben. Es verschwand aber genauso wieder.
Chelsea.
Gott, dass war seine Stimme. In meinem Kopf.
Nein, verdammt! Das war Einbildung!!! Mein Verstand spielte mir einen üblen Streich und ich war nicht bereit mich so einfach zum Spielball machen zu lassen.
Ich sah Mr. Cullen durchdringend an. Ein wenig energisch, wenn ich genauer drüber nachdachte, aber das war mir egal. Ich wollte Antworten, jetzt sofort. Auch wenn ich die Fragen noch nicht einmal kannte.
Ich musste ganz dringend hier raus.
„Mr. Cullen?“, unterbrach ich ihn als er gerade fortfahren wollte. „Dürfte ich bitte eben auf die Toilette gehen?“
„Aber selbstverständlich Miss Tanner“, erwiderte er. Und diesmal war es nicht nur ich, die ihn merkwürdig anschaute. Die ganze Klasse musterte ihn.
Woher kannte er meinen Nachnamen? Das war erst recht nicht möglich.
Doch was war momentan überhaupt möglich? Ich hatte im Traum Sex mit meinem Mathelehrer gehabt, den ich erst jetzt kennen gelernt hatte.
Vielleicht träumte ich ja immer noch, hatte meinen neuen Lehrer schon kennen gelernt und aus dieser Schwärmerei war ein Traum geworden. So musste es sein.
Doch die Schritte die ich nun ging waren real. Ich träumte nicht und das gab mir zu denken. Es gab gerade keine sterbliche Erklärung für das was hier passierte. Mein Verstand drehte durch, nein, falsch, war schon durchgedreht und nun musste ich mich zügeln und eine Maske zur Schau tragen, damit keiner merkte was in meinem Kopf kaputt gegangen war. Noch mehr kaputt gegangen war. Denn das ich verrückt war – davon gingen die meisten eh schon aus.
Die Köpfe meiner Klassenkameraden und ihre Sprachlosigkeit verfolgten mich zur Toilette und ich stützte mich sofort mit beiden Händen auf dem Waschbecken ab.
Der Tag entsprang im wahrsten Sinne des Wortes der Verwirrung. Das Wort musste noch einmal neu interpretiert werden um genau zu sein.
Mein Kopf tickte nicht richtig. Ich war krank im Kopf. Verrückt. Abgedreht. Durchgeknallt.
Die Eckzähne...
Unwillkürlich schüttelte ich den Kopf, dachte an eine Erinnerung aus dem Traum. Dem Mann waren eindeutig spitze, lange Eckzähne gewachsen – was mich umso mehr an meinem Verstand zweifeln ließ.
Das war alles nicht richtig.
Vampir. Und du kennst ihn.
Jetzt sprach auch noch mein Unterbewusstsein mit mir.
Gott, ich musste hier raus.
Hals über Kopf stürzte ich aus dem Toilettenraum und rannte einer kleinen Frau in die Arme. Als sie sich entschuldigte und ich in ihre goldenen Augen sah, blitzte Erkennen auf – nicht nur bei ihr.
Alice.
Scheiße. Ich brauchte eine Auszeit!

© 2010 by Blutmädchen

zum 2. Kapitel

1 Kommentar:

  1. heißer start für ein kapitel. ich muss sagen es war von der 1. bis zur letzten minute spannend und auch wenn ich ahne worauf das hinaus läuftd enke ich nicht das es sooo einfach wird :D freu mich auf das 2.chap

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Huhu Ihr Lieben Mitschwimmer :)

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Tascha