Weil es mich gibt... - Kapitel 6

Weil es mich gibt...
6. Kapitel: Nessie vs. Emmett, Klappe die Zweite

Renesmees POV

Als Jake und ich zum Haus zurück kamen, waren alle anderen schon versammelt und warteten auf mich. Emmett grinste spitzbübisch und ich hauchte ihm einen Luftkuss zu, was ihn kurz stutzen ließ – Rose lachte – dann aber doch wieder frech grinste.
„Na kleines Seeungeheuer. Bereit gegen mich zu verlieren?“, stachelte er mich an.
„Ach Emmett, ich frag mich jetzt schon wie du mit deiner schwersten Niederlage umgehen wirst. Es bricht mir das Herz, wenn ich nur daran denke wie schlecht es dir danach gehen wird. Aber keine Angst, dein Seeungeheuer wird dich schon wieder auf die Beine bringen.“ Jake prustete los.
„Meine Tochter“, sagte Edward stolz.
Alice tänzelte auf uns zu. „Also. Emmett“ sie zog ihn auf ihre linke Seite. „Nessie“ Ich stellte mich auf ihre rechte Seite. „Ich habe euch ein paar Aufgaben gestellt und mich dabei von Kindergeburtstagen und den verschiedenen Sportarten der Menschen inspirieren lassen. Was euch genau erwartet werdet ihr erst an den jeweiligen Stationspunkten erfahren. Dies ist unter anderem eine Aufgabe: Im Angesicht mit dem Unbekannten das richtige daraus machen –“
„Sind da auch Denkaufgaben bei?“, fragte Emmett empört.
Alice lächelte. „Natürlich.“
Emmett schaute mich an als würde er sein großes Mundwerk bereuen. Ich lächelte zufrieden.
„Jasper und ich werden euch begleiten, um aufzupassen, dass keiner schummelt.“ Sie knuffte Emmett in die Seite. „Seit ihr bereit?“
„Klar“, sagte ich voller Vorfreude. Emmett schaute wie ein Auto. Siegesgewissheit schlich sich bei mir ein, denn nun fiel mir auf, dass ich die völlig falschen Stärken in den Vordergrund geschoben hatte. Ich konnte gewinnen und ich wollte auch gewinnen.
Jake küsste mich ein letztes Mal.
„Enttäusch uns nicht“, sagte Bella und lächelte mir aufmunternd zu. Ich grinste breit zurück. Emmett fand langsam zu seinem alten Selbst zurück. Als er sich neben mich aufstellte sah ich, wie er seine ganze Kraft rausprotzte.
„Du bist vielleicht das hellere Köpfchen, aber dank meiner Schnelligkeit wirst du trotzdem keine Chance gegen mich haben“, sagte er.
„Ach Emmett, nun warte erst mal ab bevor du dich hinterher noch entschuldigen musst.“ Ich zwinkerte ihm zu.
„Wofür–“, begann er, aber da hatte Alice schon den Startschuss gegeben und ich war losgeprescht. Emmett überholte mich schnell, aber mein neuer Hochmut sagte mir, dass ich mir darüber keine Gedanken machen musste – ich würde ihn noch einholen können.
Die Route war abgesteckt, dennoch hatte ich keine Probleme in der Spur zu bleiben. Als ich zur ersten Aufgabe kam, erblickte ich schon Emmett, der einen Zettel in der Hand hielt. Ich hob einen zweiten vom Boden auf und las, was da stand. „Das, was du am wenigsten erwartest, erwartet dich. Sieh dich um und du meisterst deine Aufgabe mit Bravur.“
Genau das, was Alice ähnlich sah.
„Ciao Emmett, ich warte dann hinter der Ziellinie auf dich“, lachte ich und rannte los. Ich spürte, dass ich immer schneller rannte, so schnell, wie noch nie zuvor. Das gute Gefühl spornte mich immer mehr an.
Auch die zweite Aufgabe war ganz nach dem, was nur Alice einfallen konnte. „Klettere den Baum hoch, schau in westliche Richtung, spring runter und lauf drei Schritte gen Osten.“
Das klettern bereitete mir kurz ein paar Schwierigkeiten, aber da Emmett immer noch nicht da war – er brütete wahrscheinlich immer noch an der ersten Aufgabe – hatte ich mehr Zeit, auch wenn ich mich nicht ganz darauf verlassen wollte. Auf einem Ast sitzend, orientierte ich mich kurz in Richtung Westen und sah auf einem Baum eine große Drei gepinselt. Das musste wohl die dritte Aufgabe sein. Aber stand nicht was von „und dann drei Schritte gen Osten“? Einen Moment verharrte ich unentschlossen, aber dann grinste ich und rannte weiter in die entgegengesetzte Richtung.
Bei dem Baum mit der Zahl Drei angekommen stutzte ich und konnte dann ein lautes Lachen nicht unterdrücken. Wie war Alice denn auf diese Idee gekommen? Von wegen sie hatte sich nur an Kindergeburtstagen und Sport orientiert! Diese Aufgabe bestand aus einem beliebten Geschicklichkeitsspiel. Es war ein „heißer Draht“. Eine Metallgabel, die man durch einen kleinen Parcours führen musste, ohne irgendwo anzustoßen. Hier war Fingerspitzengefühl gefragt. Ich nahm die Gabel und konzentrierte mich. Es klappte direkt beim ersten Anlauf: Ohne irgendwo anzustoßen kam ich durch das Drahtgestell. Ich wollte schon laut losjubeln – Emmett war noch immer nicht in Sicht – aber ich unterdrückte die Freude und konzentrierte mich auf die nächste Aufgabe.
Um Alice’ Aufgaben lösen zu können, zählte Konzentration, das richtige Timing und Körperbeherrschung. In diesen Dingen war ich Emmett, der auf bloße Kraft setzte, weitaus überlegen und ich verstand nun, warum alle anderen so felsenfest an mich glaubten.
„Nun etwas Sportliches. Nimm den Bogen und versuche mit drei Pfeilen genau die Mitte zu treffen. Mindestens einer muss sitzen.“
„Ach Alice“, stöhnte ich grinsend auf. „Das nennst du Sport?“
„Ja, Denksport“, grinste sie. Ich drehte mich überrascht um. Bisher hatte ich ihre Anwesenheit gar nicht gemerkt, so konzentriert war ich.
„Weißt du wo Emmett bleibt?“, fragte ich.
Alice lachte. „Der grübelt immer noch über die erste Aufgabe nach.“
„Und so jemand will dein Bruder sein. Der kennt dich wohl gar nicht.“
„Scheint nicht so“, seufzte sie. „Nun aber genug mit Kaffeeklatsch. Irgendwann versteht auch Emmett was gemeint ist und dann –“ Doch ich ließ ihr keine Zeit den Satz zu beenden und rannte weiter.
Die folgenden Aufgaben brachten mich fast zum lachen, so witzig war der Gedanke, dass Emmett froh sein konnte nicht so weit zu kommen. Sollte er es aber bis hierhin schaffen, dann würde er streiken.
„Nimm das Seil und zeig uns, wie schnell deine Beine die Luft zischen lassen.“
„Schnapp dir die Eier, lege sie jeweils auf einen Löffel und bring sie – getrennt von einander – sie hassen sich wie die Pest und du willst ja keinen Streit provozieren – unversehrt an ihren sicheren Platz zurück.“
„Säckchen hüpf und nimm mich mit.“

Beim Seilchenspringen zählte Alice neben mir laut bis hundert und ohne zu zögern rannte ich weiter, auch wenn meine Beine schmerzten. Dann schnappte ich mir den Löffel, nahm eins der zehn Eier heraus, legte es auf den Löffel und rannte im Zickzack durch den zur Aufgabe gehörenden Mini-Parcours. Links, rechts, links, rechts, einmal im Kreis, eine Leiter hoch, an der anderen Seite wieder runter, links, links, einmal im Dreieck, eine gerade Linie entlang, rechts, links und wieder rechts, ehe das gepolsterte Nest in Sicht kam und ich das erste Ei sicher ablegen konnte. Schnell nahm ich den selben Weg – es gab keinen anderen – zurück, und schnappte mir das nächste Ei.
Beim fünften und achten Lauf fielen mir die Eier runter, aber es gab keinen Grund sich zu ärgern: Kein Emmett weit und breit. Ob er es schon zur zweiten Aufgabe geschafft hatte?
Als ich bei der fünften Aufgabe war, musste ich länger überlegen, was damit gemeint sein konnte. „Säckchen hüpf und nimm mich mit.“ Wie konnte ein Sack hüpfen? Das ging doch gar nicht. Ein paar Minuten grübelte ich, aber erst als ich Emmetts Schrei hinter mir hörte, fiel der Groschen. Ich stieg mit den Füßen in den Sack, zog ihn bis zur Hüfte hoch, hielt ihn an beiden Seiten fest umklammert und hüpfte los. Nur so konnte die Aufgabe gemeint sein und als ich Alice lächeln sah wusste ich, dass ich das Richtige tat. Ich hüpfte und hüpfte den ganzen Weg entlang, aber keine sechste Aufgabe und kein Ziel rückte näher. Als ich mich umdrehte um Alice zu fragen wann die nächste Aufgabe kam, war sie schon verschwunden, also hüpfte ich weiter. Meine Beine wurden immer schwerer und mein Herz drohte mir aus der Brust zu springen. So sehr musste ich mich noch nie anstrengen. Ein kleiner Teil von mir wollte schon den Sack packen und in die Ecke pfeffern, aber der größere Teil meines Gehirns traute Alice zu, dass sie meine Belastungsgrenze testen wollte und ich zwang mich durchzuhalten.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wirklichkeit nur eine viertel Stunde dauerte, gelangte ich endlich an eine hohe Wand.
„Das, was du am meisten begehrst, wartet hier hinter dieser Mauer auf dich. Finde einen Weg, wie du rüberkommst, ohne die Mauer zu erklimmen. Dein Sack ist die Lösung.“
Mein Sack ist die Lösung? Ich starrte auf die lästige Gehhinderung an meinen Füßen, doch einem anderen Teil des Satzes schenkte ich mehr Aufmerksamkeit: „Das, was du am meisten begehrst...“ Das konnte nur der Sieg sein. Mein Sieg! Mein Sieg über Emmett!
Ich schaute weiterhin auf den Sack und dachte nach. Wie konnte man mit einem Sack diese Mauer überwinden? Das war doch unmöglich. Es sei denn darin wäre ein Seil versteckt – was ich aber gespürt hätte – und selbst dann hätte ich immer noch die Mauer erklimmt, was ich ja nicht durfte.
Statt weiter nur dazustehen, schlüpfte ich aus dem Sack und hangelte mich den Baum hoch. Ich musste nur so hoch sein, bis ich über die Mauer gucken konnte. Musste ich vielleicht springen? Konnte ich das? Ich hatte Höhenangst... Schon als kleines Kind war Daddy mit mir in den höchsten Baumkronen gewesen um mir die Angst zu nehmen, aber trotz seiner Anwesenheit und obwohl er mich festhielt hatte ich zu sehr Angst um nach unten zu schauen.
Wollte Alice mich etwa wieder testen? Wenn ja, dann war das ein extrem fieser Test, denn diese Aufgabe richtete sich nur an mich. Emmett würde damit ganz sicher keine Probleme haben. Hatte Alice erwartet, dass ich schneller war als Emmett und deshalb etwas genommen, was mir Angst machte?
„Alice“, brüllte ich. „Du bist ein gemeines Miststück!“
Ihr Silberlachen direkt neben mir brachte mich kurz ins Wanken und ich wäre in die Tiefe gestürzt, wenn sie mich nicht aufgefangen hätte.
„Alice! Das ist nicht dein ernst. Ich muss nicht springen, oder?“ Ich funkelte sie wütend an. Sie jedoch zuckte nur mit den Achseln und ließ sich fallen. „Alice, komm zurück. Das ist nicht fair“, rief ich ihr hinterher. Mit einem Sprung war sie über die Mauer. „Ich hab Höhenangst“, brüllte ich und ein kleines Tränchen kullerte meine Wange hinunter. Bisher war die Aufgabe leicht gewesen, aber nun stand ich kurz davor aufzugeben. Das würde ich niemals schaffen. Ich setzte mich auf einen Ast und schaute hoch, da ich den Anblick nach unten nicht ertragen konnte. Und dann stutzte ich. Über mir, in einem Ast, hing ein weiterer Sack. Vorsichtig, um nicht abzustürzen, streckte ich mich und schnappte mir den Sack. Als ich sah, was darauf abgebildet war, musste ich unwillkürlich lächeln. Es war ein Wolfskopf und im Sack war eine Hundeleine. Unwillkürlich prustete ich los. Alice war wirklich eine Spaßkanone. Und so langsam dämmerte es mir, dass diese Aufgabe sowohl für mich, als auch für Emmett eine Herausforderung war. Wir mussten uns beide überwinden. Ich meine Höhenangst und Emmett sein Misstrauen gegenüber den Wölfen. Ich kletterte vorsichtig runter und war nicht allzu überrascht einem rostbraunen Wolf gegenüber zu stehen.
„Jake“, seufzte ich, ging auf ihn zu und kuschelte mich an seinen Hals. „Uns beiden steht ein Hindernis im Weg. Dahinter ist das Ziel und da würde ich gerne hinkommen. Ich vertraue dir, wenn du bei mir bist habe ich keine Angst.“ Jake drehte seinen Kopf und ich kam der Aufforderung, mich aufzusetzen, sofort nach. Die Finger fest in Jakes Fell vergraben, die Augen weit aufgerissen wappnete ich mich für das, was gleich kommen würde. Jake nahm Anlauf und sprang mit einem Satz über die Mauer. Noch im Flug verwandelte er sich zurück und fing mich auf.
„Nessie, ich bin so stolz auf dich“, sagte er. „Du hast gewonnen!“
„Ich hab gewonnen“, hauchte ich und starrte ihn an. Ich habe gewonnen. Ich habe wirklich und wahrhaftig gewonnen. Die Gewissheit sickerte durch jede Pore meines Körpers und ein breites Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Ich habe gewonnen“, schrie ich und schlang meine Arme ganz fest um Jakes Hals.
„Glückwunsch, Nessie“, hörte ich Emmett rufen. Er stand ein paar Meter von mir entfernt und war schlammverschmiert.
„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Emmett lächelte verlegen. „Na ja... Als ich bei der zweiten Aufgabe drei Schritte in Richtung Osten gegangen bin, bin ich geradewegs in eine Schlammgrube gefallen. Hätte ich mal selbst nachgedacht, dann wäre mir vielleicht aufgefallen, dass Alice es wohl nicht so einfach meinte, wie ich es verstand.“ Er zauste seiner kleinen Schwester, die gerade neben ihn hüpfte, die Haare. Alice amüsierte sich königlich.
„Diese ‚Erfrischung’ hattest du dringend nötig, Emmett. Es soll dir zeigen, dass man nicht von dem selbstverständlichen ausgehen darf und das man mal selbst nachdenken muss, statt sich auf andere zu verlassen, da sonst die Gefahr besteht, dreckig zu werden, oder, mit Kriegsworten gesagt, getötet zu werden.“ Emmett grinste wieder. Ich ging auf ihn zu und umarmte ihn.
„Ich hab dich lieb, Emmett“, sagte ich und er schloss mich ganz fest in seine Arme.
„Du hast fair gewonnen, Nessie. Danke für die Lektion“, er wandte sich an Alice. „Ich werde es in Zukunft beherzigen.“ Alice grinste selbstgefällig.
„Aber das du so lange für die erste Aufgabe gebraucht hast. Tz, tz, Emmett“, zog ich ihn auf.
„Er ist halt nicht der Hellste“, sagte Edward und zog mich zu sich.
„Und er scheint Alice nicht richtig zu kennen“, ergänzte Rose und küsste Emmett auf die Nase.
„Aber dieses Gesicht war es wert“, grinste Jasper und klopfte Emmett auf die Schulter, der seinen traurigen Dackelblick aufsetzte. Alle lachten.

© 2009 by Blutmädchen

zum 7. Kapitel

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Huhu Ihr Lieben Mitschwimmer :)

Wenn Ihr möchtet, dürft Ihr gerne ein paar Wellen ~ äh, Kommentare hinterlassen. Oder auch ein paar Fische *~*
Ich freue mich über alles, was Ihr da lasst ♥
Als Dank habe ich immer ne Packung Celebrations und ne fette Keksdose für Euch bereit stehen. Bedient Euch und kommt ruhig öfter zum rumkrümmeln vorbei ♥

Klickernde Grüße,
Tascha