Weil es mich gibt... - Kapitel 2

Weil es mich gibt...
2. Kapitel: Ihr könnt mich nicht verstehen, ich versteh mich ja selbst nicht genau

Renesmees POV

Langsam schlenderte ich über den weichen Sandstrand. Die Party war ein Albtraum gewesen, aber ich hatte ja nichts anderes erwartet. Ich liebte mein Leben und jeder liebte mich, aber doch verstand keiner, welchen Kummer ich mit mir rumschleppte – gerade an meinen Geburtstagen. Meine Mom hatte immer gesagt, dass sie sowieso ein Vampir werden wollte, um für immer mit Dad zusammensein zu können, aber das hatte mich nicht überzeugt. Selbst Dad wollte damals, dass ich getötet wurde. Mein eigener Vater wollte meinen Tod, damit ich nicht dazu kam, meine Mutter zu töten. Die Liebe meiner Mutter zu mir hatte schließlich auch meinen Vater überzeugt. Nur sie allein hatte von Anfang an an mich geglaubt und um mich gekämpft. Ich verdiente es nicht. Es war meine Schuld, dass sie fast gestorben war. Dad konnte ihr kaum genügend Gift injizieren, es war alles sehr knapp.
Auch Jakes damalige Gedanken schleppte ich mit mir rum und ich wusste ganz genau, dass Jake mich getötet hätte, wenn es diese dämliche Prägung nicht gegeben hätte.
Allein das ich auf ihn geprägt wurde, hatte nicht nur sein Leben, sondern auch meines verändert. Ich konnte bewusst darüber nachdenken, dass Jake mich damals gar nicht wollte.
Als ich älter wurde und immer mehr verstand, was diese Prägung für Gefühle mit sich brachte, hatte ich mit aller Macht versucht es von dem Standpunkt einer „Nicht-Geprägten“ zu sehen, und schaffte es. Ich liebte Jake und daran gab es absolut kein Rütteln, aber fremdgesteuert zu sein war ein fieses Gefühl. Wer hätte so was schon gerne gewollt? Noch schlimmer war die gedankliche Idee, nur als Ersatz zu funktionieren, da Bella zu Edward gehörte und Jake, hätte es mich – einen Teil von Bella – nicht gegeben, sonst mit „leeren Händen“ dagestanden hätte. Es war grausam und gemein so darüber zu denken, nicht nur gegenüber Jake, sondern auch gegenüber Daddy und auch mir selbst. Wäre Edward nicht mein Vater – hätte ich ihn dann dafür gehasst, dass er Bella bekommen hatte und Jake einen Ersatz brauchte? Wohl kaum, beruhigte ich mich selbst, denn wenn Edward nicht mein Vater wäre, würde es mich schließlich auch nicht geben.
All diese Gedanken führten also lediglich nur dazu, dass ich mich selbst unnötig quälte und an Dinge dachte, die absolut unnötig waren. Nur leider war ich ein Mensch, der gerne nachdachte. Emmett meinte mal, ich sei erst dann befriedigt, wenn ich mir über alles unwichtige auf der Welt stundenlang den Kopf zerbrochen hätte. Das konnte ich nicht ganz abstreiten, aber ich dachte doch nie bewusst darüber nach, es kam von ganz alleine.
Langsam ließ ich mich zu Boden gleiten und stütze meinen Kopf in den Handflächen ab.
Ein Teil meines Ichs hasste sich selbst. Es war unvermeidlich.
Ich blickte zum Himmel und ließ die Gedanken schweifen. Was sollte ich bloß mit mir anstellen? Mit jedem Jahr, das verging, plagte mich die Frage, warum ich zu diesem Leben verdammt sein sollte. Ich brauchte Antworten. Aber nicht solche, wie ich sie immer von meinen Eltern hörte. Welche Mutter oder welcher Vater war schließlich nicht stolz auf sein Kind?
Bloß, wo sollte ich nach Antworten suchen? Gab es einen Menschen, der mir den Sinn meiner Existenz erklären konnte? Gab es einen Ort für Halbvampire, die unglücklich waren und nach einem anderen Leben suchten? Hatte ich die Chance irgendwann mal froh über die Entscheidung meiner Mutter zu sein? Die Ewigkeit konnte schließlich lang sein...
Ich legte mich auf den Rücken, streckte die Arme von mir und schloss die Augen, doch die Fragen schossen mir weiterhin unerbittlich durch den Kopf.
„Hier bist du ja, Nessie“, hörte ich die vertraute Stimme meiner Mutter sagen. Ich fuhr hoch und sah meine Mutter fast schon grimmig an. Nie hatte man ein paar ruhige Minuten.
„Dein Vater hat mir erzählt, was in dir vorgeht“, sagte sie. Ich antwortete nicht. Das war ja wieder so typisch. Dad belauschte mich und Mom spielte die Psychologin. Dabei war es eigentlich Daddy, den ich am meisten brauchte. Moms Gedanken kannte ich und konnte sie verstehen, aber Dads Gedanken waren für mich immer ein unbekanntes Land gewesen. Er hatte immer erklärt, dass er wahnsinnig stolz auf mich sei und es nicht bereut hätte mich zu bekommen. In solchen Momenten konnte ich meine Ironie auch nicht zurückhalten, denn ich wusste, dass ihm Moms Leben und ihre Liebe am wichtigsten war und da sie sich entschlossen hatte mich zwischen sie zu schieben, musste sich Dad wohl oder übel damit abfinden. Er tat es aus Liebe zu meiner Mutter, aber war es auch Liebe zu mir? Ich wusste es nicht. Seine Augen, wenn er mich ansah, strahlten und er alberte gerne mit mir rum, er war ein liebevoller Vater, aber war es nicht doch nur, weil er mich lieben musste? Ich würde an diesen Gedanken irgendwann noch zu Grunde gehen.
„Nessie, sprich mit mir. Belastet es dich immer noch?“
Ich schaute meine Mutter weiterhin unvermittelt an und sagte nichts.
„Okay, du brauchst nichts sagen, hör mir einfach nur zu, okay, Renesmee? Als ich deinen Vater heiratete, wusste ich schon, dass ich die Ewigkeit mit ihm verbringen wollte. Es war mir vorher schon klar. Genau aus diesem Grund habe ich ihn auch erst geheiratet. Das war seine Bedingung. Ich wollte ein Vampir werden, weil ich wusste, dass das unsere einzige Möglichkeit war für immer miteinander zusammen zu sein – er wollte, dass ich seine Frau werde. Ich liebte ihn so sehr, da konnte mein altes Leben einfach nicht mithalten.“ Bella machte eine kurze Pause. Ich schaute sie nunmehr neugierig an. Das hatte sie mir nie zuvor erzählt.
„Dann, in den Flitterwochen, schliefen wir miteinander. Es war das schönste Gefühl, was ich je in meinem menschlichen Leben gefühlt hatte. Wir wussten vorher nicht ob wir miteinander schlafen konnten. Er war schließlich ein Vampir und ich, im Vergleich zu ihm, nur ein zerbrechlicher Mensch. Doch es klappte und in diesem Moment gab es nichts schöneres für mich“, sie strahlte mich an.
„Aus dieser einzigartigen Verbindung bist du entstanden, Renesmee. Ich war nur ein schwacher Mensch und ich spürte die Schmerzen, denn du warst viel stärker als ich, aber keine einzige Sekunde habe ich daran gedacht, dich deswegen zu hassen. Du bist die Verbindung zwischen etwas, was ein sehr starkes Band hatte und du hast dieses Band tausendfach verstärkt. Du bist meine Tochter, genau wie du Daddys kleines Mädchen bist und daran wird sich nie was ändern. Wir lieben dich. Du hast der Ewigkeit einen Sinn gegeben.“
Bella setzte sich neben mich und legte mir einen Arm um die Schulter. „Und jetzt, kleine Nessie, komm mit zu den anderen. Wenn du möchtest, kannst du ja noch mal mit Daddy reden, okay?“ Ich nickte schwach.
„Mommy?“
„Ja, Schatz?“
Ich zögerte, wusste nicht, ob ich meine Gefühle in Worte fassen konnte. All meine Ängste vor der Erinnerung und Sehnsüchte an ein besseres Leben konnte man nicht auf Anhieb erklären.
„Ich hab dich lieb“, sagte ich schließlich und behielt das, was ich wirklich sagen wollte, für mich. Bella nahm mich fest in den Arm.
„Ich hab dich auch lieb, Nessie. Du bist das wertvollste in meinem Leben.“
Bella stand auf und zog mich hoch.
Langsam gingen wir zurück zum Haus. Ich spürte, dass sie mich beobachtete, aber ich war wieder so tief in Gedanken versunken, dass es mich nicht störte.
Ich wusste, dass ich vor meinem Vater keine Geheimnisse haben konnte und doch wünschte ich mir gerade nicht an das zu denken, woran ich vorhin gedacht hatte. In seiner Nähe hatte ich mich bisher gut unter Kontrolle gehabt, aber jetzt wusste ich, dass es schwerer war, weil es mich pausenlos beschäftigte. Es fühlte sich an, als seien die Worte in meine Schädeldecke eingebrannt worden. Ich konnte ihnen nicht entkommen. Dabei war es unfair, wenn auch berechtigt, das zu denken, aber ich wollte Dad nicht wehtun – und das tat ich, wenn ich so daran dachte wie eben gerade.
„Da sind ja meine süßen Ladys“, sagte Edward, schaute mich sanft an und nahm mich in den Arm. Ich wusste ganz genau, dass er meine Gedanken gehört hatte – tat er jetzt etwa so, als hätte er nichts gehört?
Ohne zu zögern legte ich ihm meine Hand an die Wange. Tut mir leid Daddy, dass ich oft so einen Mist denke. Er lächelte mich an.
„Schon in Ordnung. Ich verstehe dich“, sagte er.
Mir blieb fast der Mund offen stehen. Hatte ich vielleicht doch recht? Warum ignorierst du meine Gedanken?
„Erstens ignoriere ich deine Gedanken nicht und zweitens weiß ich, dass du es nicht böse meinst. Ich werde dir bei Gelegenheit alles erklären“, sagte er und drückte mich fester. Am liebsten hätte ich ihn mit all den Fragen bestürmt, die mir durch den Kopf schossen, aber ich wusste, dass jetzt nicht der passende Augenblick war. Wenn es Zeit war, dann würde er das Gespräch suchen, so war es bisher immer gewesen. Daddy war ein herzensguter Mensch, der sich auch gut ausdrücken konnte, aber hin und wieder doch selbst nachdenken musste, ob und wie er manche Themen richtig ansprechen konnte. Das schätzte ich sehr an ihm, denn es zeigte mir, dass er sich mit meinen Sorgen ernsthaft auseinandersetze und einen Weg suchte, um mich von meiner Qual zu befreien.
Bella stellte sich zwischen uns und legte Dad und mir jeweils einen Arm um die Schulter. Ich umfasste ihre Taille und spürte Daddys Finger, wie sie sich mit meinen verschränkten.
„Es tut gut, euch beide zu haben“, sagte ich und für diesen Moment war ich wirklich dankbar. Keine Frage: Ich hatte die weltbesten Eltern der Welt und wenn ich geduldig blieb – was mir sehr schwer fiel – würde ich bestimmt auch bald Antworten auf die vielen Fragen bekommen.

© 2009 by Blutmädchen

zum 3. Kapitel

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