Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 9. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
9. Kapitel: Die Hand auf meinem Bauch

Sinas POV

„Wovor hast du Angst?“, fragte Rob provozierend. Er wollte mich aus der Reserve locken und ich war bei weitem kein Mensch, der sich so was gefallen ließ. Zornfunkelnd starrte ich ihn an. Fast nackt presste ich die dünne Satinbettdecke eng an meine Brust. Ich wollte fliehen. Jeder meiner Instinkte brüllte mich an vor seinen Augen zu fliehen, ehe sie mein Geheimnis erfahren würden. Ich hatte Angst und zitterte, aber ich würde Rob niemals sagen, wovor ich Angst hatte.
In den letzten gefühlsintensiven Minuten hatte die Dunkelheit mich beschützt. Sie hatte mich vor seinem Blick gerettet. Seinem sehr wahrscheinlich ekelerregenden Blick, wenn er all die Narben sah, die meinen ganzen Körper zierten.
Wirklich meiner Nacktheit bewusst war ich mir erst, als seine Hand zärtlich über meine Hand glitt und meinen Arm Hochwandern wollte. Bisher war es mir nicht einmal passiert einen auch nur ansatzweise nackten Arm zu haben, aber seit dem wunderschönen Erlebnis mit Robert hatte mein Verstand die Koffer gepackt und mich kurzfristig verlassen. Ich war viel zu erregt, viel zu gefangen in seinen wunderschönen Augen, seinem sanften Mund, der sich auf meinen drückte und seinem Körper, der meinem so nah war, wie ich noch nie einen Körper gespürt hatte. Robert war nicht drängend gewesen, einfach nur zart und feinfühlig. Niemals zuvor hatte ich mich so schnell von der Hitze zwischen meinen Beinen lenken lassen.
„Sag es mir. Wovor hast du Angst?“, wiederholte Robert seine Frage. In seinem Blick lag eine Herausforderung, die mich fast zum weinen brachte. Er machte mir Angst, aber nicht, weil er meine Angst erkannt hatte, sondern weil ich spürte, dass er mich aus meinem Nest ziehen und mir mein Geheimnis entlocken würde. Einfach so. Ich wollte es nicht, aber ich war wie ferngesteuert. Und resigniert. So ein Gefühl hatte ich lange nicht mehr gespürt. Und die Erinnerung an das letzte Mal raubte mir den Atem. Ich keuchte und schluchzte, als ich mich an den Moment erinnerte, als Jannik mir sagte was während seiner USA Reise passiert war. In mir war Angst, Hass und die Narben der Vergangenheit pochten an jeder Stelle meines Körpers. Jetzt fühlte ich die selbe Verzweiflung. Und sie entfesselte langsam meine Zunge.
„Mach das Licht an“, sagte ich langsam und leise. Ich spürte Robert neben mir, wie er nach der Nachttischlampe tastete und als das Licht anging, zwang ich mich einfach ruhig liegen zu bleiben, meine Arme über der Decke zu lassen und tief ein und auszuatmen. Ich wartete darauf, dass Robert losschreien und davonlaufen würde, doch ich hörte nichts. Keinen Atemzug, kein Geschrei – nicht einmal einen Seufzer.
Wenn er doch wenigstens etwas sagen würde. Irgendetwas. Bitte...
„Warum hast du dir das angetan?“, fragte er.
Woher wusste er, dass ich mir das ganze selbst zugefügt hatte?
Ich versuchte diese Frage zu analysieren. Wie hatte er sie gesprochen? War seine Stimme am Ende eingebrochen? Lag Verachtung in seinem Ton? War er entsetzt?
In meinen Ohren klang es zu selbstverständlich. Er hätte mich genauso gut fragen können, ob ich nicht lieber O-Saft statt Kaffee haben wollte. Er war weder entsetzt noch abgestoßen – einfach nur sachlich. Und eine Spur traurig, wenn ich die Betonung des „Warum“ auf die Goldwaage legte. Eindeutig war es so, als würde er resignieren.
„Sag mir bitte was deine geplagte Seele ertragen musste“, flehte er und nahm meine Hand. Ich zuckte zurück. „Ich möchte dich so gerne verstehen, Sina“, sagte er und er sagte es in einem so ernsten Ton, dass ich eine Gänsehaut bekam. Sanft strich sein Finger über eine Narbe an meinem Handgelenk und betrachtete sie. „Was muss ein Mensch erleben, um sich selbst solchen Schmerz zuzufügen“, sinnierte er.
Ich war unfähig zu antworten. Selbst meine Hand konnte ich ihm nicht entreißen. Seine sanften Berührungen waren wohltuend, dass spürte ich deutlich, aber genau vor der Reaktion meines Körpers hatte ich Angst gehabt. Ich wollte nicht so empfinden, als wären meine Narben tolerierbar. Jannik hatte mich verstanden, aber er war auch oft der Grund für weitere Schnitte gewesen. Manchmal fragte ich mich, ob ich ihm die Erlaubnis mich zu berühren, nicht zu leichtfertig gegeben hatte. Jannik hatte alle meine Schwächen gekannt und wusste letztendlich mich genau damit fertig machen zu können. Ich hatte mir das selbst zwar nie eingestanden, aber nie wieder wollte ich mit so einer Selbstverständlichkeit berührt werden. Allein schon deswegen, damit man nicht jede einzelne Narbe in eine Schwäche verwandeln konnte. Schwäche bedeutete Angst und Angst war einer der Auslöser, die mich zur Klinge greifen ließen.
Mit Robert waren die Empfindungen aber von ganz anderer Bedeutung. Diese seltsame Erkenntnis hatte ich bereits gehabt, als er mich geküsst hatte. Leicht, unbeschwerlich und er ließ mich ganz eindeutig an diesen Emotionen teil haben. Er gab mir ein Stück seiner Kraft und seines Vertrauens. Dieser Kuss hatte etwas seltsam vertrauliches. Robert hatte mir seine Schwäche gezeigt: Auch er hatte Angst – wenn aus ganz anderen Gründen, die mir noch nicht verständlich waren.
„Jede dieser Narben hat seine Geschichte, nicht wahr?“, fragte er und mir wurde klar, dass ich auf seine erste Frage noch nicht geantwortet hatte. Ich nickte stumm, immer noch unfähig ein vernünftiges Wort hervorzupressen. Robert streichelte meinen Arm hinauf und strich jede Narbe nach. Es mussten über zweihundert Schnitte sein. Nach dem erreichen der Hundert hatte ich nicht mehr gezählt. Eigentlich wollte ich es auch nie genau wissen, aber Lena hatte mich dazu gebracht, mich an all den Schmerz zu erinnern, der bereits hinter mir lag, wenn ich mir neuen zufügen wollte und meist funktionierte es auch. All diese alten Schmerzen gebündelt zu betrachten ließ mich innerlich verkrampfen und wenn ich es schaffte mir selbst Angst vor weiteren Narben zu machen, war ich innerlich zwar immer mehr abgestumpft, aber äußerlich nicht in der Lage neuen Schmerz zu empfinden. Meist hatte ich mit der Kraft aller Anderen zusammen genug zu tun um dennoch einen klaren Kopf zu behalten.
„Wie fühlt sich das an?“, fragte Rob und deutete auf seine Finger, die meine Haut liebkosten. „Ist es unangenehm? Wenn du möchtest höre ich sofort auf.“
Doch ich wollte nicht, das er aufhörte. Es war ein seltsam komisches Gefühl. Faszinierend und atemraubend. Wieder fragte ich mich, warum ich ihn eigentlich gewähren ließ. Meine Angst, bevor das Licht anging, hing nicht mal mehr in der Luft. Mut hatte sie abgelöst!
Langsam öffnete ich den Mund. „Es fühlt sich gut an“, gestand ich und sah auf seine Finger. Aus den Augenwinkel sah ich, wie er mich anlächelte. Seine Hand glitt nun über meinen ganzen Arm und als ich seine andere Hand unter meinem Kinn spürte gab ich mich endgültig geschlagen.
Seine schutzvolle Einladung von Trost und Geborgenheit war genau das, was ich jetzt brauchte um aus diesem Teil meiner Vergangenheit zu flüchten. Robert musste die ganze Wahrheit erfahren, damit ich mich ohne jeden Zweifel in diesen starken Arme fallen und mich endgültig wieder von der goldenen Seite des Lebens erfüllen lassen konnte. Seine Wärme durchflutete seit seiner ruhigen Anerkennung meiner Narben meinen ganzen Körper und das Herz schlug mir buchstäblich bis zum Hals.
„Noch nie habe ich mich so normal gefühlt“, flüsterte ich. „Jannik hat mir zwar versichert, wie wenig ihn meine Narben stören, aber er konnte mir nicht das geben, was du mir in der kurzen Zeit gegeben hast.“
„Und was gebe ich dir?“
„Wärme“, sagte ich. „Du wärmst mich innerlich. Mit deinem Blick, deinen Berührungen und deiner stillen Anteilnahme an meinem vergangenen Schmerz. Tut mir leid, wenn ich kitschig klinge – “ Ich lachte auf. „Aber es fühlt sich an, als würdest du um Erlaubnis bitten einen Teil meiner Schmerzen auf dich zu nehmen, damit ich ein besseres Lebensgefühl bekomme. Als würdest du es aufsaugen und mich von diesem Gift reinigen.“ Ich lächelte ihn an und seine Antwort raubte mir den Atem. Dieses unwiderstehliche Lächeln war der Stoff, aus dem Märchen gemacht wurden.
„Es ist schön, dass du so empfinden kannst“, erwiderte er. „Das zeigt mir wie sehr du mir vertraust. Und es klingt auch nicht kitschig.“ Er zwinkerte. „Wenn ich könnte würde ich all deinen Schmerz aufsaugen.“
„Weißt du wie besonders du bist?“, hauchte ich und sah meine Hand über seine Wange streicheln. Mein Körper schien sich selbstständig gemacht zu haben, aber das machte nichts, denn wenn ich bei klarem Verstand gewesen wäre, hätte ich auch freiwillig meine Hand an seine Wange gelegt.
Robert schmiegte seinen Kopf in meine Handfläche und gab mir einen sanften Kuss hinein.
„Magst du mir erzählen, was dich dazu bewegt hat?“
Ich zögerte. Diesen wunderbaren Augenblick wollte ich nicht mit dem Dreck meiner Vergangenheit besudeln. Er war zu wertvoll um ihn blutig zu reden. Außerdem war jeder Schmerz noch so real in jeder Zelle meines Körpers, dass ich mich nicht daran erinnern wollte, oder anders gesagt: Ich hatte Angst einfach wieder die Klinge zu brauchen. Wie schnell und einfach mein Gehirn diesen Befehl des Greifens und Schneidens an meine Hand weiterleiten konnte wusste ich nur zu genau. Und trotz Roberts schützender Anwesenheit wollte ich meine Grenzen gar nicht erst austesten. Ich wusste ganz genau, dass er die Möglichkeit haben würde, mich aus diesem Sumpf zu ziehen, aber es war eindeutig zu früh um auch nur daran zu denken. Schließlich wollte ich sein in mich gebrachtes Vertrauen nicht gleich auf eine harte Probe stellen.
„Es wäre mir lieber, wenn du mich nicht darum bitten würdest“, sagte ich schließlich.
Er nickte. „Okay.“ Als er meinen besorgten Gesichtsausdruck sah zog er mich etwas näher an sich. Automatisch legte ich meinen Kopf an seine Brust. „Mach dir keine Gedanken was ich von dir denken könnte. Diese Narben gehören zu deinem Leben, sie sind ein Teil deines Ichs, sie haben dich geprägt und sicherlich auch stark gemacht. Mich könnte nie etwas abstoßen, was so bedingungslos zu dir gehört.“
Als er seine Hand auf meinen Bauch legte, wusste ich, dass er auch mein Baby meinte...
Wie konnte das sein?
Das reichte aus, um mich endgültig vor Freude zum weinen zu bringen. Robert streichelte mich beruhigend, als würde er wissen, was in mir vorging. Sein Trost war so unendlich, dass ich ihn gierig in mir aufnahm und nach mehr lechzte. Ich brauchte seine Lippen auf meinen...

© 2010 by Blutmädchen

zum 10. Kapitel

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