Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 5. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
5. Kapitel: Moralische Qual

Sinas POV

Alle anderen saßen schon am Tisch und warteten auf uns. Es waren noch genau zwei Stühle übrig. König Zufall (oder doch König Schicksal?) hatte mal wieder seine Finger im Spiel, denn einer der beiden freien Plätze war direkt neben Robert. Er stand auf und bot mir den Stuhl an. Keine Ausflüchte also. Ich konnte meinen Vater nicht unbemerkt bitten die Plätze zu tauschen. Ich fand, dass meine Gedanken heute lange genug außer Gefecht gesetzt waren und wollte genau diese Situation vermeiden. Jetzt musste ich da durch. Hoffentlich bin ich nicht so ungeschickt beim essen, dachte ich bang. Ich wollte mich vor Robert nicht blamieren. Lena saß mir gegenüber und grinste mich breit an. Was hätte ich nicht alles dafür gegeben jetzt mit ihr tauschen zu können... Andererseits war es wohl besser, dass ich an der selben Tischseite wie Robert saß, es würde mich (hoffentlich) vom Starren abhalten.
Mein Vater hob sein Glas. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass die Kellnerin ein Glas Wasser vor mir abgestellt hatte. Ich hatte doch gar nichts bestellt... Fragend sah ich mich um. War ich etwa wieder Minutenlang in Gedanken abgeschweift, dass ich nicht mal das mitbekommen hatte? Erbärmlich. An meiner Konzentration musste ich ganz dringend arbeiten!
„Ich danke euch allen für einen tollen Drehtag. Ihr alle habt gut gearbeitet. Danken möchte ich aber auch meiner Tochter Sina, die nach langer Zeit endlich mal wieder bei mir ist und mir die beste Motivation beschert.“ Er strahlte mich an, ich hob schüchtern den Kopf. Seit wann war ich denn schüchtern?! Lena schien dasselbe zu denken, denn sie schaute schnell weg und prustete los. Ich warf ihr einen grimmigen Blick zu.
„Auf uns“, sagte mein Vater und hob sein Glas zum Tost an. Alle stimmten ein. Ich trank schnell einen Schluck von meinem Wasser, und prompt passierte mir das erste Malheur. Ich war zu hastig und verschluckte mich. Das Wasser tröpfelte von meinem Kinn auf meine Bluse.
„Ein Glück, dass es kein Rotwein war“, sagte Robert vergnügt und ich lief an wie eine Tomate.
Es war wirklich zum Glück nur Wasser, trotzdem wollte ich schnell ins Bad.
Tief ein- und ausatmend stand ich vor dem Waschbecken. Sonst hatte ich mich doch auch im Griff, was war also passiert, dass mir neuerdings die Ungeschicktheit am Hintern klebte? Eins war klar: Erst seit dem Zusammentreffen mit Robert war ich so nervös. Dieses ständige Bauchkribbeln und die Gänsehaut kannte ich nicht. Zumindest nicht in dieser Art. Unweigerlich stellte ich mir die Frage, ob es mich „ernsthaft“ erwischt hatte. War ich in Robert verliebt? Sofort dachte ich an die Anfangszeit meiner bisher einzigen Liebesbeziehung und versuchte Parallelen zu finden. Diesmal ließ ich die Erinnerung bewusst zu, weil ich mir über meine Gefühle klar werden wollte. Mit Jannik war es definitiv anders gewesen. Nun stellte sich mir noch eine andere Frage: War die Art von Beziehung mit ihm auch die „normale“ Form, oder war alles anders? Ich konnte ihn nie alleine lassen, zwanzig Stunden am Tag brauchte ich ihn und wenn er nicht da war stand ich kurz davor Zusammenzubrechen. Aus heutiger Sicht war es ganz sicher keine normale Beziehung. Ich habe mein Leben von ihm, statt von mir selbst, tragen lassen. Ich habe Jannik zu viel Macht über mich gegeben, habe mich von ihm abhängig gemacht... Oder doch nicht? Ich musste unbedingt mit Lena darüber reden, sie konnte mir bestimmt helfen.
Kannte ich etwa das wahre und echte Gefühl von verliebt sein nicht und spürte erst jetzt, was es hieß? Möglich... Aber irgendwie auch an den Haaren herbeigezogen. Es gibt schließlich keine Messlatte und vor allem keine Definition von Richtig und Falsch – so was musste jeder Mensch selbst erleben und entscheiden.
Eine reine Schwärmerei für Robert konnte es aber auch nicht sein, oder doch? In meinem bisherigen Leben habe ich noch für keinen Mann geschwärmt. Okay, von meinem Freund, ja, aber das empfand ich auch als völlig anders, denn ich redete pausenlos über ihn, und jedem, der es hören wollte, sagte ich, wie toll er sei.
Wenn ich mich wirklich in Robert verliebt hatte, wieso passierte es dann jetzt? So schnell und scheinbar so unwiderruflich? Ich blickte nicht mehr durch. Seit ich Jannik zuletzt gesehen hatte, hatte sich bei mir vieles verändert. Erst, dass ich ihn ohne Probleme in einer Schublade verstauen konnte und mir seine Untreue nicht so heftig wehtat, wie erwartet. Na gut, dass konnte ich ja hauptsächlich Lena verdanken und wirklich alleine war ich danach auch noch nicht gewesen, es gab also keine Möglichkeit groß darüber nachzudenken – zum Glück!
War ich etwa so ein gefühlloser Mensch, dass ich mich mir nichts, dir nichts in eine neue Beziehung stürzen konnte, wenn es sich ergab? Scheinbar, aber ich fühlte mich nicht schlecht. Außerdem war ich doch Single. Bei dem Gedanken wurde mir wieder übel. Wem sollte es also was ausmachen, wenn ich einen anderen Menschen traf in den ich mich verliebte? Niemanden! Das ging schließlich nur mich allein etwas an.
Hast du nicht immer an der Moral festhalten wollen? fragte mich mein Gewissen. Ja, antwortete ich verwirrt. Und warum willst du jetzt etwas daran ändern? fragte das Gewissen unbarmherzig weiter. Ich dachte kurz nach. Moral war mir wichtig, aber kam sie auch hier zum Einsatz? Diese Frage beantwortete ich mit Nein. Jannik hatte erst recht keine Moral. Außerdem stand fest, dass wir nie wieder zusammenkommen würden. Du willst deinen Kummer also wirklich mit einem anderen Mann runterspülen und ihm ebenfalls Wunden zufügen? meldete sich erneut mein Gewissen. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Egal wie sich meine Gefühle für einen anderen Mann entwickelten, ich war noch nicht über Jannik hinweg, auch wenn ich es immer sagte. Ein kleiner Teil in mir sehnte sich nach der Zeit zurück. Und solange mein Herz – egal ob verletzt oder nicht – an einem Anderen hing, konnte ich es nicht riskieren jemanden an mich ranzulassen, da ich ihm nie aus voller Überzeugung „Ich liebe dich“ sagen könnte, ganz gleich ob es die absolute Wahrheit war!
Niedergeschlagen setzte ich mich auf den Toilettendeckel. Ein paar Tränchen liefen über meine Wange. Ich hielt sie nicht zurück. Der Moment, dass ich an die Zeit mit Jannik dachte, war gekommen und es war sinnlos sich dagegen zu wehren. Irgendwann würde es mich eh wieder einholen. Hass fraß sich durch meinen Körper. Dieser dämliche Vollidiot, dachte ich zornig. Erst machte er mein Herz kaputt und nun sorgte er indirekt dafür, dass ich keinem Mann nahe kommen durfte, solange ich diese dummen und unerwünschten Gefühle für ihn hatte. Auch wenn es meine eigene Schuld war, so verdankte ich ihm diese Einstellung. Meine Moral hielt mich davon ab jemanden zu lieben und ihn als Herzflicker zu benutzen. Benutzen war ein hartes Wort, aber doch, genau so war es. Soweit durfte ich es also gar nicht erst kommen lassen. Ich musste meine Gefühle in Schach halten, durfte nichts für Robert empfinden. Er hatte etwas besseres verdient!
„Sina. Ist alles in Ordnung bei dir? Wir machen uns Sorgen, weil du schon so lange hier drinsteckst“, hörte ich Lena sagen. Ich öffnete die Lippen um zu antworten, schaffte es aber nicht. Sofort drehte ich mich um, klappte den Toilettendeckel hoch und erbrach mich. Dieses Kotzen ging mir nun echt zu weit. Ich brach mir ja noch die Seele aus dem Leib. Zu dumm, dass das nicht wortwörtlich galt, denn dann müsste ich nicht durch diese Hölle gehen... dann würde ich gar nichts mehr fühlen...
„Sina, mach mal bitte auf. Wir bringen dich jetzt zu einem Arzt, ich guck mir das mit dir nicht länger an“, sagte mein Vater. War er etwa in der Damentoilette? Erschrocken riss ich die Tür auf und da war er wirklich. Er hastete auf mich zu und stützte mich. Lenas Miene war vor Sorge verzehrt.
„So geht das mit dir nicht weiter. Du musst dich untersuchen lassen“, sagte mein Vater. Ich wehrte mich mühsam und versuchte mich aus seinem Griff zu befreien. Es war ein schwacher Versuch, aber er ließ mich los, ließ seine Hände aber vorsichtshalber erhoben, bereit um mich notfalls aufzufangen. Ich wollte mich einfach nur noch hinlegen.
„Nein, ich brauche keinen Arzt“, wehrte ich ab. Meine Stimme klang schwach.
„Aber Spatz, vielleicht hast du dir einen Virus eingefangen“, erwiderte mein Vater und Lena stimmte zu.
„Paps“, sagte ich und wurde immer schwächer. „Ich will mich einfach nur hinlegen. Mir geht es bestimmt bald besser. Mach dir keine Sorgen, ich habe alles im Griff.“
Mein Blick schweifte ab. Ein leichter Film legte sich auf meine Augen, dann wurde alles schwarz.

© 2010 by Blutmädchen

zum 6. Kapitel

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