Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 4. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
4. Kapitel: Aussprache

Sinas POV

Die Reise nach Vancouver hatte sich schon jetzt ausgezahlt. Dass ich endlich wieder meinen Vater sehen, und all die traurigen Erinnerungen zurücklassen konnte waren nur zwei Dinge, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zauberten. Nun kam noch ein Grund hinzu: Bei dem Dreh hautnah dabei zu sein war etwas ganz besonderes. Etwas, was ich so schnell nicht vergessen würde. Ich spürte den deutlichen Drang aufzustehen und einfach mitzumachen, ich wollte ein Teil des ganzen sein. Jeder Schauspieler, jeder Kameramann, einfach alle waren so konzentriert und mit Herz und Seele bei der Sache, dass das positive Gefühl einfach nur auf mich übergehen konnte.
Ein ganz anderes, eigenartiges Gefühl hatte ich jedoch bei der Kussszene. Mein ganzer Körper machte Anstalten dazwischen zu gehen. Ich spürte den Wunsch Kristen Stewart sein zu können, nur um diese Lippen schmecken zu dürfen. Ein Verlangen, was mich rot anlaufen ließ. Meine Gedanken wurden mir langsam selbst peinlich. Ich verstand mich einfach nicht mehr.
War ich etwa wirklich eifersüchtig? Wenn ja, wie war das möglich? Warum vor allem dann erst jetzt? Hätte ich dann nicht schon nach dem ersten Film eifersüchtig sein müssen? Oder war dieses Gefühl deshalb ein anderes, weil ich es hautnah miterleben konnte?
Eine andere Erklärung konnte es nicht geben. Immerhin war es nur ein Job, eine Rolle. Und bei dem ersten Film hatte ich ja auch nur das fertige Ergebnis gesehen und der Freiraum für Gedanken und Spekulationen, wie die Dreharbeiten abgelaufen waren, war gar nicht vorhanden gewesen. Ich musste mich nicht fragen wie es sich für sie anfühlte, oder für ihn. Beim gucken war man selbst in der Rolle drin, versuchte sich mit Edward und Bella auseinander zu setzen, doch hier fragte ich mich was Robert und Kristen dachten. Der Film war noch in der Entstehungsphase.
Mein Vater, Lena, Robert, Kristen, Ashley, Nikki, Peter und ich fuhren gemeinsam zum Hotel zurück. Alle anderen waren am plaudern, aber ich folgte ihrem Gespräch nicht. Ich war noch ganz in den Fängen meiner unerklärlichen Gedanken. Es juckte mich in den Fingern Kristen zu fragen wie es sich für sie anfühlte Robert zu küssen. So langsam verlor ich echt den Verstand. Ich machte mir über Dinge Gedanken, die absolut unnormal waren.
Als wir im Hotel ankamen ging ich direkt auf mein Zimmer. Lenas Anwesenheit, die munter plapperte und aufgeregt den Tag aus ihrer Sicht schilderte, spürte ich kaum. Erst als sie mich am Arm festhielt hörte ich auf mir Gedanken zu machen und konzentrierte mich. Was gar nicht so einfach war, da mir Roberts Gesichtsausdruck, mit dem er mich nach der Kussszene angeschaut hatte, noch vor Augen schwebte.
„Süße? Redest du etwa nicht mehr mit mir?“, fragte Lena. Ich sah sie an.
„Doch klar, ich bin nur gerade in Gedanken versunken“, gestand ich. Sie musste ja nicht wissen in welchen Gedankensümpfen ich gerade rumwatete.
„Das merkt man. Seit wann bist du so unkonzentriert?“
Darauf wusste ich gar nichts zu sagen, also antworte ich nur „Tut mir leid. Ich geh jetzt ins Bad. Wenn ich nicht schnell fertig werde verhungere ich noch.“
Lena sah mir mit leicht skeptischem Blick nach, ich ignorierte sie.
Das warme Wasser war beruhigend und dämpfte meine Eile. Der Tag war angenehm und belebend gewesen. Es hatte Spaß gemacht Hautnah dabei sein, die Professionalität der Schauspieler bewundern zu können und – obwohl man mit dem Film selbst nichts am Hut hatte, und nicht zur Crew gehörte – das Gefühl hatte ein Teil des ganzen zu sein. Bei der Erinnerung fühlte ich wieder leichte Aufregung in mir hoch kriechen – völlig grundlos! Und dann war da noch ein Gefühl, was mir leichte Schauer über den Körper laufen ließ. Ein Gefühl, was mächtig war und in mir eine Sehnsucht erweckte, die mich nun leicht erregte. Warum zum Teufel hatte ich diesen starken und unerklärlichen Drang Robert küssen zu wollen? Das war doch vollkommen irreal.
Ich ließ den Tag noch mal Revue passieren. Das erste Aufeinandertreffen mit Robert. Der erste Blickkontakt. Die Vorstellung seiner Lippen auf meinen. Seine Stimme. Sein Lächeln. Alles andere war völlig unbedeutend. Nicht, dass ich nicht gerne darüber nachgedacht hätte, aber Robert war allgegenwärtig und nichts, woran ich mich zu erinnern versuchte, konnte ihn aus dem Zentrum meines Denkens verdrängen.
Ein dumpfes Pochen an der Badezimmertür ließ mich zusammenfahren.
„Sina, wie lange brauchst du denn noch? Ich muss mich auch noch fertig machen. Außerdem habe ich einen Bärenhunger. Hatte ich vorhin was an den Ohren oder meintest du nicht auch du willst schnell fertig werden? Außerdem möchte dein Vater noch mal mit dir reden, und das, wenn möglich, noch vor dem Essen“, sagte Lena.
„Okay, ich beeile mich“, rief ich zurück.
„Na hoffentlich, deine Vorstellung von ‚Ich beeile mich’ kenne ich ja.“
Mühsam stieg ich aus der Dusche, trocknete mich ab, zog mich an, föhnte mir die Haare und verzichtete auf Make Up. Natur pur und trotzdem gut aussehen war meine Devise. Außerdem hätte Lena mich wohl einen Kopf kürzer gemacht, wenn ich das Bad noch länger in Anspruch genommen hätte.
„Das wurde echt Zeit. Bei deinem Wasserverbrauch kann ich mich noch glücklich schätzen, wenn ich eine Minute duschen kann, dann dürfte die Leitung leergelaufen sein“, neckte Lena mich.
„Ich habe dir noch genug übrig gelassen“, sagte ich. „Was will Paps denn?“, fragte ich im selben Atemzug.
„Keine Ahnung“, sagte Lena und verschwand ins Bad. „Er meinte nur ich sollte dir bescheid sagen, dass er unbedingt noch mit dir reden möchte.“
Ich dachte kurz nach, schüttelte dann aber nur den Kopf. Egal was es war, er würde es mir schon sagen.
„Wir sehen uns dann unten, Lena, okay?“, rief ich. Lena stand schon unter der Dusche. Ich hörte nur noch ein gedämpftes „Okay“, dann war ich schon zur Tür raus.
Auf dem Weg zum Zimmer meines Vaters überlegte ich was er denn jetzt so dringendes bereden wollte, was man nicht auch beim Essen hätte klären können? Da mein Vater aber immer für Überraschungen gut war wusste ich, dass ich ewig raten könnte und eh nicht drauf käme.
„Komm rein, Spätzchen. Setz dich“, sagte mein Vater und deutete auf zwei Sessel. Ich setzte mich, schlug die Beine übereinander und wartete gespannt. Doch auf das, was dann folgte, war ich ganz und gar nicht vorbereitet. Selbst wenn ich vorher gewusst hätte worum es ging, hätte ich mich nicht darauf vorbereiten können.
„Es scheint als hättest du ‚Blickkontakt’ aufgenommen“, lächelte er mich an. Ich brachte keinen Ton raus. Lena hatte Recht behalten. Meinem Vater war der Blickkontakt zwischen Robert und mir wirklich aufgefallen.
„Es überrascht mich nicht, auch nicht, dass es scheinbar auf Gegenseitigkeit beruht“, fuhr er fort. Ich war immer noch ein stummer Fisch. Wieso beruhte das auf Gegenseitigkeit? Natürlich hatte ich Robert angeschaut, sehr wahrscheinlich auch zu intensiv, aber sein Blick konnte unmöglich den selben Ausdruck gehabt haben. Komisch war nicht nur, dass es ihm aufgefallen war, sondern auch, dass er nun mit mir darüber reden wollte. Was war bloß mit ihm los, dass er neuerdings auf so etwas achtete?
„Spatz, ich will dir dein Leben nicht vorschreiben und ich will, dass du glücklich bist, und genau deshalb möchte ich mit dir reden.“ Er sah mich ernst an, ich schaute ihn frei heraus an, sagte jedoch nichts. Wenn er meinte so ein Gespräch führen zu müssen, dann sollte er es auch führen. Auf Hilfe von mir brauchte er allerdings nicht hoffen, denn so langsam bekam ich den Hauch einer Ahnung, dass wir gleich auf eine ganz andere Person zu sprechen kommen würden.
„Ich will dich nicht dazu zwingen mit mir über Jannik zu reden...“ begann er, aber ich unterbrach ihn direkt.
„Paps, bitte, nenn diesen Namen nicht. Und bevor dieses Gespräch für uns beide in einem Horrorszenario endet, gebe ich dir direkt ein paar Antworten. Nein, ich will wirklich nicht über Jannik reden. Und ja, ich habe Robert angeschaut, aber das sollte wohl nicht verboten sein, oder? Und ja, vielleicht hat er mich auch angeschaut, aber das heißt nicht, dass ich gleich was mit ihm anfange. Selbst wenn ich wollte, ich könnte es nicht.“ Ich brach ab und rang um Fassung. Zum ersten Mal nach der Flucht aus seiner Wohnung war dieses Gefühl wieder da. Die Schlucht unter mir wurde größer. Ich zwang mich nicht abzurutschen. Und ballte automatisch die Fäuste. Magensäure schoss mir die Kehle hoch. Diesmal kam es aber nicht von dem Übelgefühl der Erinnerung. Mir war wieder schlecht. Ich rannte ins Bad und erbrach mich. Nur am Rand nahm ich war, dass mein Vater neben mir stand und meine Haare hochhielt.
„Geht es wieder?“, fragte er, nachdem ich mir den Mund ausgespült hatte. Langsam aber sicher nervte mich diese Frage. Ich konnte ja verstehen, dass man sich um mich sorgte, aber mir immer wieder dieselbe Frage zu stellen, würde die Situation auch nicht bessern oder verändern.
„Fragt mich doch nicht immer ob es mir gut geht. Es geht schon, natürlich fühle ich mich scheiße und mein Herz schmerzt, warum sollte es also von der ständigen Fragerei besser werden?“ Ich war gereizt. Zu meiner Überraschung lächelte mein Vater und nahm mich in den Arm.
„Ich versteh dich, Spatz, und ich bewundere, wie du mit der Situation umgehst. Eigentlich hat sich das, was ich von dir wissen wollte schon erledigt, denn du hast schon alles gesagt. Du knabberst noch und stürzt dich nicht direkt in ein Abenteuer, was dir vielleicht hinterher umso mehr wehtun könnte. Mehr wollte ich nicht wissen.“ Jetzt spürte ich leichte Wut.
„Warum? Hast du mir das etwa zugetraut? Paps, Jannik war mein erster Freund, wir waren vier Jahre zusammen und egal wie sehr er mich verletzt hat – das ändert nichts an der Zeit.“ Mein Vater schaute mich bestürzt an.
„Nein Maus, du hast mich falsch verstanden. Ich mache mir nur Sorgen um dich. Mir ist bewusst welche Wirkung Robert auf Frauen hat und so wie es aussieht ist meine Tochter keine Ausnahme“, er zwinkerte mir kurz zu, dann fuhr er fort. „Mir ist aufgefallen, dass Robert in gewisser Weise Interesse an dir zeigt. Vorhin hat er mir viele Fragen über dich gestellt. Wenn es wirklich echtes Interesse ist, dann ist es ja in Ordnung, aber ich will nicht, dass du dich mit ihm über etwas hinwegtröstest und das zusätzliche Narben in deinem Herzen hinterlässt.“
„Wie meinst du das?“, fragte ich.
„Du wolltest nie in Amerika leben und Rob lebt eigentlich auch nicht hier. Du bist ein Näheverwundener Mensch und so eine Art von Beziehung würde dir bestimmt nicht gut tun. Außerdem...“ er brach ab und suchte offenbar nach den richtigen Worten. „Er steht in der Öffentlichkeit und die Medien warten nur auf eine Situation um sein Privatleben erneut auszuschlachten. Ich habe Angst du könntest damit nicht umgehen und zwischen die Fronten geraten. Ich möchte nicht, dass meine eigene Tochter zu einem Spielball der Medien wird. Wenn du also planst Zeit mit Rob zu verbringen, egal ob nur rein freundschaftlich oder mehr – selbst, wenn es sich so entwickelt, so solltest du dir darüber im Klaren sein, dass du theoretisch nicht alleine bist und von Reportern gejagt werden könntest“ gab er schließlich zu.
Die vorigen Gefühle, Wut, Traurigkeit, Trotz, alles war vergessen. Jetzt konnte ich nur noch lachen.
„Paps bitte, ich kenne Robert erst seit heute und kennen ist echt zu viel gesagt, wir haben ja noch nicht mal viel geredet. Ich möchte ihn schon gerne kennen lernen, aber komplett ohne Hintergrundgedanken.“
Hätte jetzt ein kleines Abbild meiner unbewussten Wünsche hinter mir Gestalt angenommen, hätte ich bestimmt einen Tritt in den Hintern gespürt. Ein verborgener Teil, den ich niemals zugeben würde, malte sich immer noch den Kuss mit Robert in den blühernsten Farben aus.
Mein Vater strahlte. „Okay, akzeptiert. Wenn du dennoch irgendwann das Bedürfnis hast, mit mir zu sprechen, dann zögere bitte nicht. Ich bin immer für dich da, okay Spätzchen?“ Ich nickte.
„Gut, dann lass uns mal runter gehen. Mein Magen knurrt schon.“
Und wir gingen gemeinsam ins Restaurant.

© 2010 by Blutmädchen

zum 5. Kapitel

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Huhu Ihr Lieben Mitschwimmer :)

Wenn Ihr möchtet, dürft Ihr gerne ein paar Wellen ~ äh, Kommentare hinterlassen. Oder auch ein paar Fische *~*
Ich freue mich über alles, was Ihr da lasst ♥
Als Dank habe ich immer ne Packung Celebrations und ne fette Keksdose für Euch bereit stehen. Bedient Euch und kommt ruhig öfter zum rumkrümmeln vorbei ♥

Klickernde Grüße,
Tascha