Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 3. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
3. Kapitel: Blickkontakt

Sinas POV

„Sind wir wirklich in Vancouver?“ Lena staunte noch immer.
„Ja“, erwiderte ich und umarmte sie. Die Freude Deutschland entkommen zu sein, weg von ihm zu sein, abschalten zu können, war so gigantisch, dass ich in dem Moment am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. Während des gesamten Fluges war ich schon ziemlich aufgeregt. Eigentlich hätte ich ein bisschen schlafen müssen, aber es ging nicht. Ich freute mich so sehr auf meinen Vater, dass ich, nachdem ich aus dem Flugzeug gestolpert war, gleich auf ihn losstürmte. „Paps, du hast mir so gefehlt“, sagte ich und umarmte ihn.
„Hallo Spatz. Ich freue mich auch dich mal wieder bei mir zu haben.“ Er wandte sich zu meiner Freundin. „Hallo Lena, lange nicht gesehen.“
„Hi Chris, wie geht’s?“
„Super, jetzt wo ich meinen Spatz mal wieder bei mir habe.“ Er lächelte mich an. „Na dann lasst uns mal losfahren. Heute stehen noch ein paar Dreharbeiten auf dem Plan und es wäre ja eine Schande, wenn der Regisseur nicht anwesend wäre.“ Sein Lachen zu hören war Balsam für meine Seele, die in letzter Zeit viel zu angefressen war. Nun konnte ich mich also auf eine Zeit mit meinem Vater freuen und gleichzeitig die Schauspieler kennen lernen. Die Kummerschublade war weit geschlossen und der Schlüssel lag tief im Meer. Es versprach eine schöne Zeit zu werden.
„Hereinspaziert“, sagte mein Vater und hielt uns die Tür zu unserem Hotelzimmer auf. Ich staunte nicht schlecht. Es schien eher eine Suite zu sein. Hier konnte ich es definitiv aushalten.
„Macht euch am besten erst mal frisch, es war schließlich eine lange Reise. Wenn ihr dann fertig seit kommt runter an die Bar. Ich warte auf euch.“ Dann verschwand er.
Lena fiel erneut über mich her. „Danke, Danke, Danke, dass du mich mitgenommen hast. Es ist echt toll hier. Dein Vater ist wirklich cool.“
„Ich brauch doch seelischen Beistand“, zwinkerte ich ihr zu. „Wenn ich noch mal an diesen Kerl denke und es mir danach schlecht geht, brauch ich doch mein....“ Ich verstummte. Lenas Miene war starr vor entsetzen.
Sie fiel mir ins Wort. „Was soll das heißen? Denkst du gerade daran? Sina, sprich mit mir und grins mich nicht so frech an. Ich mache mir echt Sorgen um dich!“ Ich nahm ihre Hände in meine, konnte mein Grinsen aber immer noch nicht verbergen. Es war toll so eine Freundin zu haben.
„Mir geht es wirklich gut. Ich bin einfach nur froh dich dabei zu haben und ich bezweifle, dass es mal eine Zeit gab in der ich weniger gefährdet war.“
Lena beruhigte sich langsam wieder.
„Jag mir nie wieder so einen schrecken ein, hörst du?“ Sie schlug mir auf den Oberarm. Ich lachte.
„Dafür kann ich nicht garantieren. Dein Gesicht war’s wert!“ Sie streckte mir die Zunge raus.
„Na komm, ich will schnell an die Bar.“
Wir duschten, zogen uns um und gingen dann nach unten an die Bar. Mein Vater saß alleine und strahlte als wir uns zu ihm setzen.
„Ich bin so froh dich mal wieder zu sehen, Spätzchen. Das motiviert mich heute noch mal zusätzlich.“
Ich erwiderte sein Lächeln. „Ich freu mich auch hier zu sein, Paps.“
„Und du willst immer noch nicht darüber reden, was du bei unserem letzten Telefonat hattest?“, fragte er, nunmehr wieder mit ernsterer Miene. Seine Augen schauten mich sorgenvoll und durchdringend an. Ich wendete sofort meinen Blick ab.
„Ich wurde betrogen, bin wieder Single und möchte jetzt absolut nicht über die Gründe reden. Ich will meine Zeit hier einfach nur genießen, okay?“
Er schien verwirrt und beunruhigt. Als er was erwidern wollte ging ich sofort dazwischen. „Es ist okay Paps, ich schaff das schon... irgendwie... ich werde damit fertig, nur bitte...“ Jetzt schaute ich ihm geradewegs ins Gesicht. „Bitte erinnere mich nicht daran.“ Lena wollte gerade etwas sagen, als ich merkte, dass mir wieder schlecht wurde. Ohne zu überlegen stürmte ich in Richtung Toilette. In der ganzen Eile vergaß ich sogar abzuschließen. Heftig und geräuschvoll erbrach ich mich. Widerlich. Was war nur in letzter Zeit mit mir los? Das war ja nicht auszuhalten.
„Sina?“, fragte Lena hinter mir und reichte mir ein Stück Toilettenpapier. „Ist alles in Ordnung?“
„Das siehst du doch“, antwortete ich und nahm das Toilettenpapier. „Keine Ahnung warum mir in letzter Zeit so schlecht ist.“ Ich zuckte die Achseln.
Lena blickte mich sorgenvoll an. „Meinst du nicht du solltest mal zum Arzt gehen?“ Ich versuchte mich an einem Lächeln, scheiterte aber kläglich.
„Ich lebe ja noch. Und nur, weil ich öfter breche heißt das ja nicht, dass ich morgen schon sterbe.“ Sie wirkte nicht überzeugt. Ich ging zum Waschbecken um mir den Mund auszuspülen. Augenblicklich ging es mir ein wenig besser.
„Geht’s wieder einigermaßen?“, fragte Lena.
Ich nickte. „Lass uns zurückgehen, sonst sorgt Paps sich noch unnötig.“
Als wir zurückkamen sah ich, dass mein Vater nicht mehr alleine war. Er kam auf mich zu und fragte wie es mir ging. Ich konnte nicht antworten. Mein Blick blieb an dem Mann hängen, der direkt neben meinem Vater stand. Robert Pattinson. Er sah umwerfend gut aus. Diese blau-grauen Augen. Dieses Lächeln. Ich spürte, wie sich eine Gänsehaut von der Kopfhaut bis in meine Zehenspitzen erstreckte. Am liebsten wäre ich mit meiner Hand durch sein zerwuscheltes Haar gefahren...
Dann, nach einer Ewigkeit, in der ich ihn nur anstarren konnte, lief ich rot an und erinnerte mich daran wo ich mich befand. Und vor allem, dass ich nicht alleine war. Schließlich spürte ich Wut, die sich gegen mich selbst richtete. Das durfte ja wohl nicht war sein. Hatte ich mir nicht selbst gesagt, dass ich, anders als die ganzen Teenie-Girls, ihn nicht anschmachten und verfolgen würde? Verfolgen würde ich ihn wohl wirklich nicht, aber anschmachten? Ich tat es bereits. Wie sah ich nach meinem Gang aufs Klo überhaupt aus? Bestimmt war mein Anblick eine Zumutung.
Hallo? Sina? Worüber denkst du jetzt schon wieder nach? Mein Verstand schaltete sich ein. Die Stimme meines Vaters holte mich schließlich in die Wirklichkeit zurück.
„Sina? Ist alles in Ordnung? Brauchst du einen Arzt?“, fragte er. Ich schüttelte ihn ab und stellte erleichtert fest, dass ich mich selbst wieder im Griff hatte.
„Mir ist nur schlecht, kein Grund zur Panik.“
Ich setzte mich, bestellte ein Wasser und wollte diesen Mann, dessen Blick ich auf mir spürte, am liebsten nie wieder ansehen. Er sah noch tausendmal besser aus als ich gedacht hätte. Aber es war nicht nur sein Aussehen was mich erstarren ließ. In Interviews war er mir immer sympathisch rübergekommen. Seine Art, zumindest die, die jeder in der Öffentlichkeit kannte, gefiel mir einfach und weil ich, zumindest ungefähr, wusste, welcher Mensch sich hinter diesem Gesicht verbarg, hatte er die doppelte Anziehungskraft auf mich. Mein Vater stellte uns vor und Robert hielt mir seine Hand hin. Ich nahm sie und spürte leichte Hitzewellen in mir aufsteigen. Verdammt Sina, reiß dich zusammen, ermahnte ich mich. Du bist doch kein dreizehnjähriges Mädchen mehr!
Aber ich war trotz allem ein Mädchen. Nicht dreizehn, nein, sondern neunzehn. Und dieser Mann hatte mir immer regelrecht Leid getan, wenn ich sehen musste wie er von Fans belagert wurde. So wollte ich ganz sicher nicht sein und so würde ich auch nicht werden. Doch meine Faszination brodelte weiter in mir.
„Nun dann. Packen wir’s“, sagte mein Vater und ich konnte ihn erst nur verständnislos anstarren. Er sah meinen fragenden Blick.
„Wir fahren jetzt zum Set. Ich dachte ihr wolltet vielleicht mit.“ Da klickte etwas in mir. Eine Erinnerung schob sich vor mein Blickfeld. Dafür war ich schließlich hierher gekommen. Um mir die Dreharbeit zu New Moon anzuschauen.
„Stimmt. Tut mir leid, ich war in Gedanken.“ Mein Vater schaute mich an, schaute kurz zu Robert, grinste und ging dann voraus. Mit wackligen Beinen folgte ich ihm. Mir war immer noch schlecht und ich hoffte meinen Brechreiz für den Rest des Tages unter Kontrolle zu haben.
Ich setzte mich nach hinten in den Van, direkt neben Lena, die schon den Platz am Fenster eingenommen hatte. Am liebsten hätte ich sie gefragt wie es ihr ging – ich wusste, dass sie von Robert schwärmte – aber ich brachte kein Wort raus. Und das lag nicht an meiner mangelnden Gedankenkontrolle, sondern daran, dass Robert sich direkt neben mich setzte. Ich fragte mich ob er schon was gesagt hatte. Wenn ja wäre es peinlich, denn ich hatte bis jetzt noch kein einziges Wort aus seinem Mund gehört.
„Sind die anderen schon am Set?“, fragte mein Vater auf Englisch und ich stutzte. Als ich gerade den Mund aufmachen wollte um ihm zu sagen, dass ich das ja schlecht wissen könnte, antwortete Robert.
„Ja, ich habe heute etwas länger geschlafen und sie wollten nicht auf mich warten.“ Er schmunzelte. Seine Stimme zu hören, live, war ganz anders, als ständig im TV. Sie hatte einen warmen Klang. Mein ganzes Inneres schien in Flammen aufzugehen. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte angestrengt nicht loszulachen. Mein ganzes Empfinden war nicht nur kindisch, sondern auch völlig albern.
Robert schaute mich freundlich an. „Dann lerne ich jetzt also auch die Tochter unseres Regisseurs kennen. Freut mich. Sina heißt du, nicht wahr? Ein schöner Name.“ Ich konnte nicht sofort antworten. Er fuhr jedoch unbeirrt fort. „Dein Vater hat viel über dich gesprochen. Gestern sagte er, dass du hierher kommst und ich war sehr neugierig, nach allem was ich über dich erfahren habe.“ Wieder dieses Lächeln. Wieder ein Atemaussetzer meinerseits. War mein Vater noch da? War Lena noch da? Ich spürte ihre Anwesenheit nicht.
Angestrengt kramte ich in meinem Oberstübchen und suchte nach einer Erwiderung. Und dann, nach einer gefühlten Endlosigkeit brachte ich nur ein „Ah, ok“ heraus. Na prima. Ich war der größte Vollidiot der Welt! Robert jedoch lächelte mich weiterhin freundlich an. Wahrscheinlich war er schon daran gewöhnt, dass Mädchen in seiner Gegenwart nur stumme Fische waren – oder das Gegenteil, und das wollte ich ja nicht sein, auch wenn mein Inneres geradezu am jubeln war. Eigentlich war er ein Mensch wie ich, mit dem Unterschied, dass er in der Öffentlichkeit stand. So hatte ich es jedenfalls gelernt, da ich, dank meines Vaters, schon mehrere prominente Persönlichkeiten kennen gelernt hatte. Aber diese Situation jetzt war eine völlig andere. Derzeit konnte ich den Unterschied aber nicht genau erklären.
„Freut mich auch Sie persönlich kennen zu lernen“, sagte ich schließlich. Ähm, was war denn jetzt kaputt? Hatte ich ihn gerade wirklich gesiezt? Unfassbar. Der ewige Fluch der Höflichkeit. Robert lachte laut auf.
„Jetzt fühle ich mich, als wäre ich sechzig Jahre alt. Bitte nenn mich Rob. Darf ich dich Sina nennen?“ Ich nickte nur. Er wandte sich an Lena. „Und wer bist du?“, fragte er sie.
„Ich heiße Lena und bin Sinas beste Freundin.“ Ah, Lena war also noch da. Wie beruhigend.
Den Rest der Fahrt war es still, auch wenn ich das Gefühl nicht unterdrücken konnte, beobachtet zu werden.
„So, da sind wir. Dann mal los“ sagte mein Vater vom Fahrersitz und stieg aus. Irgendwie hatte ich das Gefühl meine Beine würden mir nicht gehorchen. Robert hielt uns die Tür auf. Langsam stieg ich aus und schaute an mir runter. Meine Beine gehorchten mir also doch noch. Mein Vater trat an meine Seite.
„Komm, ich stell euch beiden den Rest der Crew vor.“ Dann schob er mich vorwärts.
Ich lernte alle kennen und stellte zu meiner Erleichterung fest, dass ich ganz normal mit jedem reden konnte. Ungezwungen. Nach der ersten Begegnung mit Robert hatte ich Angst in mir könnte doch das Teenie-Monster erwacht sein, dass sich sofort auf die Stars stürzt und um Autogramme und Fotos bettelt. Ein Glück, dass ich immer noch ich selbst war.
Mein Vater führte uns rum, zeigte uns das Set und ich war überwältigt. Ich war noch nie an einem Set gewesen, auch wenn mein Vater oft angeboten hatte ich könnte ja mal mitkommen. Wenn ich ehrlich war hatte ich immer Angst den Schauspielern zu begegnen.
Hier jedoch waren alle nett und freundlich und kein bisschen abgehoben oder arrogant.
Ich fühlte mich wohl. Die negativen Gedanken und Erinnerungen hatte ich glücklicherweise komplett in Deutschland gelassen.
Als Lena und ich zusammensaßen, hatte ich Schwierigkeiten mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Ich hörte nur noch den letzten Teil ihres Satzes. „...gesehen wie Robert Pattinson dich angeschaut hat. Ich wünschte er hätte mich so angeschaut, aber ich heiße ja nicht Jannik und –“ Sofort brach sie ab und schaute mich entschuldigend an. „Tut mir leid, ich wollte dich an nichts erinnern. Geht es dir gut?“ Fragend sah ich sie an.
„Was meinst du damit, wie er mich angesehen hat?“, fragte ich und ignorierte den Rest. Ein kleiner Teil meiner Aufmerksamkeit staunte darüber, wie leicht mir das fiel.
„Na ja, er hatte so einen interessierten Blick“, Lena grinste. „Wenn du mich fragst war das dieser bestimmte Blick, aber ich kann mich auch irren. Vielleicht wundert er sich einfach nur darüber, dass du ihm nicht gleich um den Hals gefallen bist und um ein Autogramm gebettelt hast.“ Sie lachte. Ich war immer noch verwirrt, erwiderte jedoch nichts.
Nach einer Weile – Lena und ich beobachteten die Schauspieler, wie sie sich auf ihre Arbeit vorbereiteten, Robert beobachte ich am meisten – kam mein Vater zu uns rüber. „Na, alles klar bei euch? Wie gefällt euch Vancouver?“, fragte er.
Ich lachte. „Na ja, Vancouver ist toll, aber ich denke es gibt bestimmt noch mehr zu sehen als nur das Hotel und das Set, oder?“
Er stimmte in mein Lachen ein. „Ja, ganz bestimmt. Nach dem Dreh wollen wir alle noch was essen gehen. Ihr kommt doch bestimmt mit?“ Lena und ich nickten einstimmig.
„Okay.“ Er schien zufrieden. Dann warf er mir einen Blick zu, der mich gleich alarmierte. Der Ich-weiß-was-in-dir-vorgeht-Blick. Dann schaute er kurz zu Robert und grinste mich erneut breit an. Ich überlegte gerade wie ich darauf reagieren sollte als Lenas Lachen lauter wurde.
„Siehst du. Selbst dein Vater hat es gemerkt.“
„Was gemerkt?“
„Na wie du auf Robert reagierst.“ Lena klang als sei das selbstverständlich.
„Ihr versteht da was völlig falsch. Meinst du ich habe Lust mir jetzt Gedanken über eine mögliche Schwärmerei zu machen, aus der sowieso nichts werden kann?“
„Hm“, machte Lena und tat als müsste sie schwer überlegen. „Wenn es so sein sollte, dann solltest du die Chance beim Schopfe packen.“ Lena zwinkerte mir zu.
Ich hatte absolut keine Lust weiter darüber zu reden. Liebe, Vertrauen, Bindung, alles war so weit weg und unerreichbar für mich. Daran wollte ich absolut nicht denken. Und überhaupt: Durften sich Leute nicht auch mal „interessiert“ angucken?

© 2010 by Blutmädchen

zum 4. Kapitel

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