Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 25. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
25. Kapitel: Verbündete

Sinas POV

„Schatz?“
Roberts Stimme drang durch den Nebel meiner schönsten Träume und umhüllte mich mit einer Zärtlichkeit, die mich unwillkürlich lächeln ließ.
„Wach auf meine Schönheit.“
„Ich bin wach“, nuschelte ich, noch leicht im Tiefschlaf.
Er lachte. „Und warum bekomme ich dann noch keinen Kuss?“
Langsam streckte ich mich, drehte meinen Kopf in die ungefähre Richtung seiner Lippen, fühlte wie seine Hand meine Wange berührte und ließ es zu, dass seine Lippen sanft die meinen streichelten.
„Daran könnte ich mich glatt gewöhnen“, murmelte er an meinem Ohr und streichelte sanft meinen Nacken.
„Ich mich auch“, stöhnte ich leicht und kuschelte mich enger an ihn. Seine Hand streichelte über meine Wange, meinen Hals und meinen Bauch und ich schloss genießerisch die Augen.
„Du hast lange geschlafen und du glühst“, sagte Robert und betastete meine Stirn. Ich fühlte mich tatsächlich ein wenig erhitzt, mir war ein wenig übel, aber das kannte ich in letzter Zeit.
„Hey, ich bin schwanger und nicht krank.“
„Bist du sicher?“ Er küsste meine Stirn.
„Ja“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Ich hatte in letzter Zeit einfach nur viel Stress und meine Gefühle sind verdammt oft mit mir durchgegangen. Offensichtlich habe ich ein bisschen Schlaf benötigt. Mir geht es besser.“ Robert sah mich zweifelnd an und hob eine Augenbraue. „Ehrlich, Dr. Pattinson.“ Ich lachte als er versuchte seine Augenbraue noch höher zu ziehen. „Pass auf, dass sie nicht hängen bleibt“, lachte ich. Er seufzte. „Beschäftigt dich irgendetwas? Du siehst so nachdenklich aus.“
Er bleib stumm und sah mich eine Weile einfach nur an, dann küsste er mich erneut auf die Stirn und stand auf.
„Ich mache dir einen Tee. Hast du Lust auf Obstsalat? Ich lasse uns etwas aufs Zimmer bringen.“ Und schon war er in die Küche verschwunden.
„Das wäre toll“, rief ich ihm noch nach. „Aber mach dir bitte keine Umstände.“
Er blieb eine Weile in der Küche und ging, nachdem er bei der Rezeption ein kleines Schlemmerfrühstück bestellt hatte, ins Badezimmer. Er ging mir nicht aus dem Weg, aber etwas schien ihn zu belasten und er wollte es vor mir verbergen. Soweit kannte ich ihn schon und ich wusste, dass er es nicht böse meinte.
„Rob?“, rief ich in Richtung Badezimmertür und wickelte mir beim Aufstehen die Decke um den Leib. „Was machen wir heute? Ich habe Lust ein wenig rauszugehen.“
In Wirklichkeit hatte ich keine Lust dazu, aber wir brauchten beide ganz dringend eine Ablenkung.
„Klar, Süße“, antwortete er. „Ich hatte noch nicht wirklich viel von meiner Familie. Was meinst du, sollen wir mit meinen Eltern Essen gehen?“
„Und deine Schwestern?“ Es war eine unwillkürliche Frage, die mir Erinnerungen mitbrachte und mein ganzes Inneres durcheinander brachte. Jetzt wusste ich, warum der Schlaf mich in Roberts Armen so schnell übermannt und mich in seinen Schutz gezogen hatte.
Janniks höhnisches Lächeln als er sich nach dem Gespräch mit Robert verabschiedet hatte. Robert hatte es nicht gesehen und ich wusste, dass es nur mir gegolten hatte.
Es klopfte an der Tür. In einer Art Dèjá Vu Gefühl ging ich schleppenden Schrittes auf die Tür zu und streckte meine Hand der Klinke entgegen. Irgendwie traute ich mich nicht sie zu öffnen. Ich war mir fast sicher, dass Jannik dahinter lauerte und mich nur höhnisch angrinsen würde. Es klopfte erneut und in dem Moment trat Robert aus dem Badezimmer. Seine Haare waren zerzauster als vorher.
„Willst du nicht aufmachen?“ Er lächelte. „Das dürfte unser Essen sein.“
Ich trat von der Tür zurück und bedeutete ihm sie selbst zu öffnen. Nachsichtig lächelnd küsste er mich und öffnete dann die Tür.
Es war Elizabeth – Roberts Schwester.
„Hey ihr zwei“, grüßte sie uns, umarmte Rob und schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. „Chris Weitz meinte schon ihr hättet euch zurückgezogen.“
„Hey Lizzy, komm doch rein. Wo sind Mom und Dad?“
Lizzy runzelte die Stirn. Man sah ihr an, dass sie ungern darüber reden wollte. „Sie sitzen mit Vicky und ihrem Macker im Restaurant.“
Macker? Lizzy schien Jannik aus irgendeinem Grund nicht zu mögen. Wahrscheinlich kannte ich ihn doch, da Lizzy ja alles mitbekommen hatte, aber aus irgendeinem Grund war ich doch überrascht. Sie wirkte grimmig.
Robert bemerkte es ebenfalls. „Willkommen im Club, Schwesterherz. Kommt, lasst uns ins Wohnzimmer gehen.“
Ich folgte den beiden und setzte mich neben Robert, Lizzy nahm in dem Sessel platz, dann legte sie los.
„Es ist einfach ungeheuerlich. Mom und Dad waren so froh dich endlich wiederzusehen und jetzt müssen sie Vicky Stützenhilfe geben. Sie sind beide fassungslos und ich habe auch schon mitbekommen, wie sie Vicky versuchten zu einer Trennung zu überreden, aber sie ist unbelehrbar und sagt sie liebt ihn so sehr, dass sie ihm eine neue Chance geben will. Ich kann es einfach nicht begreifen – “
„Lizzy“, unterbrach Robert sie. „Wir können diese Entscheidung nicht für sie treffen.“
„Das weiß ich ja“, seufzte Lizzy. „Aber du solltest im Mittelpunkt stehen. Man, weißt du wie Vicky sich auf dich gefreut hat, wir alle haben uns auf dich gefreut. Und jetzt ist alles im Eimer.“
„Es tut mir leid“, flüsterte ich.
Beide starrten mich erstaunt an. „Was tut dir leid, mein Schatz?“
„Alles“, erwiderte ich mechanisch. Ich fühlte mich verantwortlich. Wäre ich nie nach Vancouver geflogen, hätte ich niemals Robert kennen gelernt, niemals hätte ich gewusst, mit wem Jannik mich betrogen hatte. Ich hätte sicher und geschützt in Deutschland gelebt und hätte der Familie Pattinson eine Tragödie erspart.
„Das ist völliger Unfug“, sagte Elizabeth sanft. „Dich trifft doch keine Schuld daran, dass du mit einem Arschloch zusammen warst. Ich kann dir versichern, dass Robert das komplette Gegenteil von ihm ist.“ Sie lächelte mich aufmunternd an und es war so ein warmer Blick, sie war mir sympathisch und ich vertraute ihr sofort. „Aber unsere Schwester trifft auch keine Schuld“, wandte sie sich direkt an Robert. „Ich kenne sie gut genug um sagen zu können, dass sie niemals auf Jannik eingegangen wäre, wenn er von Anfang an mit offenen Karten gespielt hätte.“
„Da hast du recht“, stimmte Robert zu. „Aber sie hätte jetzt die Chance nutzen können ihre Konsequenzen daraus zu ziehen. Das tut sie auch nicht.“
„Da kann ich sie auch nicht ganz verstehen“, antwortete Elizabeth. „Aber sie scheint ihn wirklich zu lieben und bei ihr ist das lange her.“
Ich versuchte mich einen Moment auszublenden, während sie über die Beweggründe ihrer Schwester redeten. Das ging mich nichts an.
Stattdessen dachte ich einen Moment über Jannik nach. Was plante er? Denn er plante zweifelsfrei etwas und ich wusste, dass es nichts positives werden würde.
Und obwohl ich das wusste, wollte ich doch wissen, wie er nun zu mir stand. Seine Aussage Robert gegenüber hatte mich einfach nur stutzig gemacht und ich musste mich doch fragen, was er im Schilde führte. Wieder tauchte sein höhnisches Lächeln vor meinem inneren Auge auf.
Jetzt konnte ich Lena ganz gut gebrauchen. Ich musste mit ihr reden und zwar auf der Stelle.
„ – sie weiß nicht was sie da tut.“
„Macht es euch etwas aus, wenn ich mal einen Moment telefonieren gehe? Ich brauche gerade meine beste Freundin.“
„Nein, mach nur“, sagte Robert sanft und küsste mich. „Nimm dir ruhig ein wenig Zeit.“
„Danke.“
Ich schnappte mir mein Handy vom Tisch und wählte direkt Lenas Nummer, während ich das Zimmer nebenan ging. Es war lange her, dass wir miteinander geredet hatten – zu allem Überfluss hatten wir uns auch noch gestritten. Wegen Jannik.
Die Erinnerung weckte mich und ich legte direkt wieder auf. Auch wenn ich Lena jetzt ganz dringend brauchte – sie war schließlich meine beste Freundin und wusste mir meist zu helfen – musste ich mit einer Ablehnung rechnen, mit der ich gerade nicht ganz klar kommen würde.
Ich ließ den Kopf hängen und setzte mich niedergeschlagen hin. Es musste ja soweit kommen.
Das Klingeln meines Handys ließ erst gar nicht zu, dass ich mich in diesen düsteren Gedankenstrudel ziehen ließ. Erstaunt starrte ich auf den Namen, den ich da las.
Lena.
Unsicher hob ich ab und meldete mich ganz leise.
„Sina?“ Es tat so gut Lenas Stimme zu hören. Bis jetzt hatte ich nicht gewusst, was es mir bedeuten würde, aber als die ersten Tränen liefen, war ich mir der Verbundenheit zu Lena wieder sicher. „Hey Sweety, weinst du etwa?“ Ich schluchzte. „Oh Gott“, Lena lachte. „So schlimm bin ich also, dass ich dich zum weinen bringe?“
„Nein. Nein, Lena“, brachte ich geradeso heraus. „Es tut mir leid, ich bin einfach nur so verdammt froh, deine Stimme zu hören.“
„Geht mir genauso“, gab sie zu. „Ich habe schon gehört, es ist viel passiert. Erzähl, Sina, warum wolltest du mich erreichen?“
Einen Moment war ich aus dem Konzept gebracht. „Was weißt du und woher?“, hakte ich nach.
„Ich habe die letzten Tage viel von deinem Vater gehört und das du den Dreh ganz schön verzögert hast.“
„Wo steckst du?“, fragte ich.
„Ich bin wieder in Deutschland. Du warst ja verdammt mit deinem Schnuckelchen beschäftigt, wenn du nicht einmal meinen Brief auf deiner Tasche bemerkt hast.“
„Brief?“, fragte ich erstaunt. „Welchen Brief?“
Lena gluckste. „Ich habe dir einen Brief hinterlassen, in dem ich dir geschrieben habe, dass mich die Pflicht ruft und mein Schatz mich vermisst. Und das mir unser Streit sehr leid tut.“
„Mir auch“, sagte ich. „Verzeih mir bitte, Lena.“
„Klar“, kicherte sie. „Und jetzt erzähl. Ich bin neugierig. Wie läuft es mit deinem Star?“
Ich musste unwillkürlich lächeln. „Was hat Paps dir denn so feines erzählt?“
„Och nicht viel“, wich Lena geschickt aus. „Nur, dass er seine Tochter kaum noch wieder erkennt. Wie ist er? Küsst er gut?“
„Lena“, tadelte ich sie. „Mal nicht so neugierig, klar?“
„Och Süße, bitte“, flehte sie weiter.
„Okay, na schön. Ich erzähl es dir ja schon.“
„Fein. Da bin ich ja mal gespannt.“
Ich erzählte Lena alles, wie in alten Zeiten. Angefangen von dem Moment als sie nach unserem Streit gegangen war und Robert kurze Zeit später kam, wie sich ihr Gespräch entwickelt hatte, wie unglaublich zärtlich und offen er gewesen war und sogar, wie sie ihre erste Nacht erlebt hatte.
„Und die Narben?“, fragte Lena erschrocken. „Er hat dich tatsächlich nackt gesehen?“
„Ja. Und stell dir vor, wie er reagiert hat. Er fragte mich tatsächlich wie er etwas nicht akzeptieren könnte, was so bedingungslos zu mir gehören würde. Ist das nicht der Wahnsinn?“
„Kaum zu glauben“, staunte Lena. „Ich darf dir echt gratulieren.“
„Danke.“
Ich erzählte ihr auch von meinem Traum und dem Moment, als Robert mich fand. Lena hatte erschrocken aufgeschrien und mich ausgeschimpft, dass ich so was nie wieder machen sollte. Ich hörte mir fünf Minuten lang ihre Selbstvorwürfe an, dass sie nicht hätte abreisen dürfen, bis ich ihr sagte, dass es mir dank Roberts Hilfe gut ging und ich den Vorfall gut verdaut hatte.
„Freut mich zu hören, aber ein bisschen beleidigt bin ich schon.“
„Wieso?“, fragte ich verwirrt.
„Na weil du ja nun ein neues Trostpflaster gefunden hast. Da brauchst du mich ja gar nicht mehr.“ Sie hörte sich nicht böse an, einfach nur ein wenig beleidigt und selbst das kaufte ich ihr nicht ganz ab.
„Er kann mir aber niemals meine beste Freundin ersetzen, die mir soviel Freude geschenkt und Leid abgenommen hat.“ Ich sagte es mit einem leichten Lächeln, aber sie wusste, dass ich es verdammt erst meinte. „Du bist die Beste, Lena. Unverkäuflich und Unersetzlich.“
„Okay, okay, genug geschleimt Fräulein, und jetzt erzähl weiter.“
Ich erzählte ihr von unserem Ausflug in ein Café und wie die Angst, wir könnten zusammen gesehen werden, sich nicht ganz verdrängen lassen wollte.
„Hey, dass ist doch nur logisch. Er ist ein Star, ein sehr begehrter noch dazu. Was meinst du, was ein Fotograf für ein Foto bekommt, wenn er eines mit euch beiden zusammen an die Presse verkauft.“
„Ich will es gar nicht wissen“, sagte ich sarkastisch. Darüber hatte ich mir lange genug den Kopf zerbrochen und auch wenn ich wusste, worauf ich mich hier einließ, wollte ich nicht, dass es mich so schnell zum handeln zwang. Noch schien die Presse nichts davon erfahren zu haben und ich brauchte keine Gedanken daran zu verschwenden.
„Aber du wirst nicht darum herum kommen, Sina.“ Lenas Stimme wurde eindringlicher. „Du willst ihn wirklich?“
„Ja.“
„Du liebst Robert Pattinson und nimmst ihn so, wie er ist?“
„Ja, du Standesbeamtin“, kicherte ich. „Ich liebe ihn, aber noch weiß die Presse nichts von uns, und dabei bleibt es auch noch.“
„Da kannst du dir niemals sicher sein.“
„Ich weiß ja, aber – “
„Aber du willst darüber aktuell nicht nachdenken?“
„Richtig.“
„Gut. Dann erzähl mir mal was von deinem Ekel Ex. Hat er sich wieder bei dir gemeldet? Das letzte, was ich ja weiß, ist wie er dich einfach so am Telefon abserviert hat, als du ihm von der Schwangerschaft erzählt hast.“
„Jannik ist hier in Vancouver“, ließ ich die Bombe ohne großes Nachdenken platzen.
„Wie bitte?“ Lenas wütender Aufschrei schallte in meinem Ohr wieder. „Er ist bei dir? Ist er dir etwa gefolgt, oder was?“
“Nein, er hat seine neue Freundin begleitet, die zufällig die Schwester von Robert ist.“
Lena blieb still. Wahrscheinlich musste sie erst einmal verdauen, was ich ihr gerade offenbart hatte und ließ ihr einen Moment Zeit.
Als sie endlich wieder mit mir redete, kündigte sie ihren Besuch an. So bald wie möglich wollte sie zusammen mit ihrem Freund nach Vancouver kommen. Sie konnte mir noch so oft sagen, dass sie es tat um mir beizustehen, ich wusste es besser. Sie wollte Jannik persönlich in die Hölle befördern.
„Hör mal Sina, ich werde jetzt auflegen und mit Mark reden. Ich lass dich so jetzt nicht im Stich. Außerdem will ich deinen Neuen auch mal unter die Lupe nehmen.“
„Du bist herzlich eingeladen“, sagte ich, weil ich wusste, dass ich sie davon nicht abbringen könnte.
„Dann mach’s mal gut und halte durch. Ich hab dich lieb.“
„Das schaffe ich schon. Du weißt doch, ich habe Robert“, grinste ich.
„Ja, ja, entschuldige, ich vergaß, du brauchst mich ja nicht mehr.“ Sie lachte ebenfalls.
„Ich hab dich auch lieb, Lena.“ Dann legte ich auf.
Es tat gut mal wieder mit ihr zu reden und irgendwie war ich doch froh, dass sie kommen würde. Lena konnte sagen was sie wollte, ich brauchte sie genauso sehr wie Robert.
Ich ging zurück ins Wohnzimmer und versuchte mir nichts anmerken zu lassen, als ich Roberts Eltern sah. Ich hatte nicht bemerkt, dass sie gekommen waren, aber beide sahen mich freundlich an und reichten mir erneut die Hand.
„Schade, dass wir uns unter so schrecklichen Umständen kennen lernen mussten, Miss Weitz, aber es freut uns sehr“, sagte Mrs. Pattinson strahlend. Ich schaute ihr genau in die Augen. Daher hatte Robert seine Ausstrahlung. Sie war eins zu eins auf ihren Sohn übergegangen.
„Es freut mich auch, Sie kennen zu lernen“, sagte ich höflich. „Aber nennen Sie mich bitte Sina, ich fühle mich sonst so steinalt.
Mrs. Pattinson lächelte. „Aber natürlich, liebe Sina. Dann darfst du mich aber auch ruhig Clare nennen.“ Ich war beeindruckt von ihrer Offenheit. Vielleicht auch einfach, weil ich das von Janniks Eltern nicht kannte.
„Und ich bin Richard“, sagte Mr. Pattinson. „Wir freuen uns, dich in unserer Familie begrüßen zu dürfen.“
Diese Worte rührten mich und einen Moment wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich entschuldigte mich und verschwand für einen Moment ins Bad. Es war mir peinlich, dass gerade jetzt meine Gefühle mit mir durchzugehen schienen, aber die Freundlichkeit von Roberts Eltern hatte mir gezeigt, wie es laufen sollte – wie ich es mir immer gewünscht hatte. Und es verdeutlichte, wie falsch alles mit und um Jannik herum gelaufen war. Doch ich war lange mit ihm zusammen gewesen und es erschien mir immer so, als wäre ich ohne ihn nicht lebensfähig.
Und genau da lag der Unterschied zwischen meinem Ex-Freund und meinem neuen Freund. Von dem einen hatte ich mich zu sehr abhängig gemacht, der andere gab mir alles was ich brauchte mit einer Selbstverständlichkeit, die an Selbstlosigkeit erinnerte und machte es mir leicht dennoch eine eigenständige Person zu sein. Robert zeigte mir meine Stärken, mein Leben und nahm einfach daran teil. Er gehörte zu mir und ich zu ihm. Nicht wie bei Jannik, wo nur ich ihm gehörte.
Gehörte klang dann wieder stark nach „Du bist mein, kein anderer darf dich so schlecht behandeln, wie ich.“
„Sina? Geht’s dir gut?“ Es war eine weibliche Stimme und da ich nicht sehen konnte wer da sprach, wusste ich nicht, ob es Elizabeth oder Clare war.
„Ja“, antwortete ich und entriegelte das Türschloss. Vor mir stand Clare und sah mich an.
„Du siehst aber nicht so aus, als ginge es dir gut, mein Kind. Komm, setz dich mal hin.“ Sie zwängte mich in einen Sessel im Schlafzimmer und setzte sich neben mich. „Weißt du, Sina. Es ist für uns alle gerade keine leichte Situation. Ich kenne dich noch keinen ganzen Tag, ich würde sagen ich kenne dich noch gar nicht, aber ich empfinde sehr stark mit was du zweifelsfrei fühlen musst. Victoria ist meine Tochter und ich war dankbar, dass sie nach langer Zeit endlich mal wieder jemanden gefunden hatte, aber ich weiß auch, dass er nicht der Richtige für sie ist. Und auf der anderen Seite ist Robert, mein Sohn, der eine wunderbare Freundin zu haben scheint. Denn soviel kann ich erkennen. Du scheinst ein vernünftiges Mädchen zu sein und so wie Robert sich nun verhält, dass hat er noch nie getan. Du bist etwas besonderes für ihn und ich kenne meine Sohn und seine Schwachstellen, weiß ungefähr was er sich wünscht. Du musst all dies scheinbar erfüllen können, sonst hätte er sich nicht darauf eingelassen.“
„Ich liebe ihn“, sagte ich schlicht. Es war die einfachste Erklärung.
„Dann lass dir diese Liebe nicht nehmen.“ Clares Stimme wurde etwas eindringlicher und ich erinnerte mich an Elizabeth’ Worte.
„ich habe auch schon mitbekommen, wie sie Vicky versuchten zu einer Trennung zu überreden“
„Du hältst nicht viel von Jannik, oder?“
Sie zuckte die Schultern. „Das muss ich auch nicht. Solange meine Tochter glücklich ist.“
„Aber das ist sie nicht.“
„Nein.“
Wir schwiegen einen Moment. Es war eine merkwürdige Stille. Wir waren Verbündete und das nach so kurzer Zeit. Ich war dankbar für all die Unterstützung, wenngleich sie auch noch verdammt fremd für mich war.
„Hey, hier seit ihr.“ Robert kam um die Ecke. Ich stand auf und umarmte ihn lange.
„Ich liebe dich“, hauchte ich ihm ins Ohr.
„Oh, ich dich auch, Sina.“
Es musste nicht mehr viel gesagt werden. Ich hatte alle Hilfe die ich brauchte und Lena war auch schon fast im Landeanflug. Was wollte ich mehr? Ich brauchte keine Angst zu haben... Wovor auch?
Jannik und ich – das gab es nicht mehr...
...und würde es auch nie wieder geben...

Wir verbrachten fast den ganzen restlichen Tag auf unserem Zimmer. Wir redeten über Roberts Kindheit und auch ein wenig über meine und ich merkte, wie Robert versuchte alles abzuwehren, was den Dreck meiner Vergangenheit darstellen würde. Ich war noch lange nicht bereit mich zu Offenbaren und dank Robert kam ich auch gar nicht in die Verlegenheit irgendeine Lüge erfinden zu müssen.
Wir redeten über meine Schule, über Lena, darüber wie ich mir die Zukunft mit Robert vorstellte und vor allem auch mit dem Kind. Die Stimmung wurde etwas trüber, aber nicht so, dass es an den Fakten etwas änderte.
Ich hatte Verbündete. Und das tat gut.
„Und deine Freundin kommt dich bald besuchen, ja?“, fragte Richard.
„Ja. Sie war bereits hier, ist dann aber abgereist, weil sie Sehsucht nach ihrem Freund hatte. Sie bringt ihn sehr wahrscheinlich mit.“
„Ja, Sehnsucht“, seufzte Clare. „Wie schön war die Zeit, als es uns auch noch so ging. Aber wie das Leben nun mal so ist, man weiß irgendwann wo man steht und der Alltag kehrt ein.“
„Aber Darling“, sagte Richard gedämpft. „Nun versau unserem Sohn doch nicht seine Zukunft. Wenn Sina weiß, was für ein Langweilerleben auf sie zukommt, so wie bei seinen Eltern, gerade bei seinem Vater, von dem er verdammt viel geerbt hat, will sie ihn vielleicht gar nicht mehr.“ Er senkte die Stimme verschwörerisch. „Und wir sind uns doch einig, dass wir noch Enkelkinder wollen, oder?“
Clare lachte. „Aber selbstverständlich.“
„Nun“, sagte Robert. „Ihr könnt von euch gerne sagen, was ihr wollt, aber ich für meinen Teil habe kein langweiliges Leben.“
Es klopfte an der Tür.
„Ich geh schon“, sagte ich und stand mit einem Lächeln auf. „Ich habe so eine Ahnung, dass es mein Vater ist. Der fehlt hier nämlich noch.“
Und so war es auch. Ich strahlte ihn an, einfach weil ich mich freute, dass er Teil des schönen Nachmittags werden wollte, aber als ich ihm genauer ins Gesicht blickte, war mir klar, dass ihm nicht nach lachen zu mute war.
„Sina.“ Sein Ton war scharf. „Wo hast du bloß gesteckt?“
„Ich war hier“, sagte ich unschuldig. „Erst habe ich mit Robert geredet und bin dann eingeschlafen. Seine Familie ist da, komm doch auch rein und gesell dich dazu.“
Er sah mich ungläubig an. „Ist deine Welt jetzt also wieder in Butter?“ Er klang enttäuscht. Ganz offensichtlich fühlte er sich erneut ausgegrenzt. Denn an diesen Blick erinnerte ich mich schmerzlich deutlich.
„Dann werde ich wohl nicht gebraucht.“ Er wollte sich gerade umdrehen, als ich ihm am Arm packte und mich einfach in seine Arme schmiss.
„Daddy, ich hab dich so lieb und es tut mir so leid.“ Ich schluchzte und fing hemmungslos an zu weinen. „Ich wollte dich nie in meinem Leben ausstoßen, du gehörst doch zu mir, aber es hat sich einfach nie anders ergeben. Ich wünsche mir so sehr, dass du den schönen Moment da drinnen nicht kaputt machst und mit reingehst, dich dazusetzt und einfach Roberts Eltern kennen lernst.“
Einen Moment war er sprachlos, dann erwiderte er die Umarmung.
„Spatz, mir tut es leid. Ich will dich nicht noch weiter runterziehen.“
„Dann komm einfach mit rein“, bettelte ich.
Er zögerte nicht mehr länger und ging direkt ins Wohnzimmer, ich folgte ihm auf dem Fuße.
„Clare. Richard. Elizabeth. Darf ich euch meinen Vater Chris Weitz vorstellen. Bei der ersten Begegnung hatten wir ja keine Gelegenheit dazu.“
Richard stand sofort auf und reichte Paps die Hand. „Sehr erfreut, Chris. Sie haben eine hinreißende Tochter und ich mag ihre Filme.“ Er zwinkerte.
„Dankeschön.“
„Ich bin Clare und schließe mich der Meinung meines Mannes nur an. Unser Sohn hat eine gute Wahl getroffen.“
„Dankeschön“, sagte Paps erneut und setzte sich. „Es waren bisher keine guten Umstände, aber ich hoffe doch, dass sich alles so entwickelt, wie unsere Kinder es sich erhoffen.“
Ich verdrehte die Augen. Das war so typisch Paps. Er hatte es einfach drauf genau so zu reagieren, dass er einem das Gefühl gab in einer richtig dämlichen Daily Soap mitzuspielen. Robert grinste mich nur an. Ich lächelte zurück.
Das Gefühl was sich in mir ausbreitete war wie Heimat. Ja, ich war zu Hause. Ich hatte die beiden Menschen um mich herum, die mir am meisten bedeuteten. Und ich hatte Verbündete, mit denen ich mich auf kurz und lang sicherlich noch besser verstehen würde.
Meine Sorge hatte sich, wie ich nun merkte, auch verschoben. Ich dachte nicht an meine Beziehung zu Jannik. Ich dachte an Victoria. Sie tat mir mittlerweile leid und ich hoffte, dass das Ende auch für sie etwas gutes parat haben würde...
Der Nachmittag entwickelte sich zum Abend hin und wir gingen noch runter in die Bar, wo wir auch die anderen Darsteller an einem Tisch vorfanden.
„Na wie passend“, grinste Paps. „Alle sind beisammen, dann kann ich ja auch meine Meldung machen.“ Er grinste.
„Ich ahne das schlimmste“, flüsterte Robert und tauschte einen flüchtigen Blick mit Kristen, die ihn anlächelte. Einen kleinen Moment verspürte ich einen Eifersuchtsstich, aber als Robert mich zu sich hinzog und seinen Arm um meine Taille legte, wusste ich, dass es dazu keinen Grund gab. Kristen lächelte auch mich an und ich wusste, dass ich mit der Zeit eine weitere Verbündete für mich gewinnen konnte – oder sogar eine Freundin?
Paps räusperte sich und alle wandten sich wieder ihm zu.
„Morgen wird weiter gedreht. New Moon muss schließlich fertig werden.“
„Och neeee“, stöhnten alle einstimmig, außer Robert.
„Süße?“, fragte er mich.
„Ja?“
„Darf ich die Kussszenen mit dir üben?“
Ich kicherte. „Aber New Moon enthält doch kaum Kussszenen.“
„Weißt du wie egal mir das ist?“, hauchte er und küsste mich auf die Wange.
„Gut“, lachte ich. „Dann habe ich kein Problem damit dein Übungskaninchen zu sein.“
Kristen lachte laut auf. Sie war scheinbar die einzige, die es mitbekommen hatte...

© 2010 by Blutmädchen

zum 26. Kapitel

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Tascha