Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 23. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
23. Kapitel: Machtspielchen

Robs POV

Der Stuhl, auf den mich meine Mutter vor etwa zehn Minuten mit Mühe verfrachtet hatte – kurz nachdem dieser Widerling von Betrüger Sina zur Tür rausgefolgt war und es vier starke Arme und gutes Zureden meiner Schwester Lizzy gebraucht hatte –, würde mich nicht mehr lange genug halten können.
Ich saß da, mit den Beinen kippelnd, spürte nur am Rande die zusätzliche Hand meiner Mutter auf der Schulter. Sanft und doch widerstandsfähig. Bereit mich jederzeit wieder auf das grüne Stück Stoff zu pressen, wenn mein Drang größer werden würde, Sina hinterher zuhechten. Oder sollte ich sagen dem Betrüger nach?
Alles in mir war angespannt. Furcht, Wut und Hass. Furcht davor, er könne Sina mit seinen faulen Ausreden und Entschuldigungen für sich gewinnen, sie einlullen. Und Wut darüber, dass ich diesem Arschloch nicht meinen ganzen Hass spüren lassen konnte.
Nicht nur wegen der ermahnenden Hand meiner Mutter, und auch nicht wegen der eventuellen Regung einer Rücksicht meiner Schwester Vicky gegenüber, die immerhin mit dem Objekt meines Hasses zusammen war, sondern vielmehr, weil ich Sina nicht verletzen wollte. Sie hatte genug erlebt und durchstehen müssen, besonders mit diesem Betrüger. Ich musste mich nicht auch noch darin einreihen, indem ich ihn anging, denn – dessen war ich mir ganz sicher – hatte sie erst einmal ihren ersten Schock, ihn nach der Trennung wiederzusehen, überwunden, würde sie unfreiwillig Partei für ihn ergreifen und das beste – für mich selbst – war, dass ich mich jetzt schon mal an diesen Gedanken gewöhnte.
Er hatte sie verletzt, aber Sina würde trotzdem nicht die Zeit vergessen, in der sie beide glücklich gewesen waren. Dafür hing sie noch zu sehr daran. Ganz gleich, ob sie sich mir geöffnet und einen neuen Lebensweg eingeschlagen hatte.
Ich konnte sie verstehen – mir würde es wohl genauso gehen, wie jedem anderen Menschen auch.
Chris – dessen Anwesenheit ich beinahe vergessen hätte, so sehr war ich mit meinen eigenen Gefühlen beschäftigt – tigerte im Zimmer auf und ab, hielt sich ebenfalls gerade eben so zurück den beiden zu folgen. Ich bewunderte ihn dafür, dass er sich dennoch so beherrschen konnte. Chris musste mehr miterlebt haben, schaffte es aber, dem Kerl nicht gleich an die Gurgel zu gehen, wie ich es wollte. Hätte man mich gelassen, hätte ich Jannik die Kehle zerfetzt. Was angesichts meines eigentlich freundlichen und friedliebenden Wesens unvorstellbar und doch eine herrlich befriedigende Vorstellung gewesen wäre.
Ich beobachtete ihn, suchte nach einem Satz, den sein Gesicht laut rausbrüllte, aber ich konnte es nicht eindeutig herauslesen. Bei genauerem Hinsehen kristallisierte sich jedoch Panik heraus. Blanke Panik.
An die Vergangenheit denkend, die paar letzten Tage, die die Ewigkeit meines Lebens ausmachten, erinnerte ich mich, dass Chris selbst im Krankenhaus nach Sinas Übergriff an ihrem eigenen Körper, nicht so eine Panik gezeigt hatte.
Auch als er uns zusammensah war sein panischer Blick nicht so gehetzt und unzufrieden wie jetzt.
Wenn ich es richtig deutete, hatte Chris sich wohl an den Gedanken gewöhnt seine Tochter nicht vor mir retten zu können. Wahrscheinlich könnte ihn nur die Zeit selbst überzeugen. Doch jetzt wurden die Karten wieder neu gemischt. Neue Konfrontationen und Komplikationen. Als wenn man beim Monopoly Spiel plötzlich auf dem „Bitte-gehen-Sie-ins-Gefängnis-ziehen-Sie-nicht-über-Los-und-ziehen-Sie-keine-vier-Millionen-Dollar-ein-Feld“ landete und eine Runde aussetzen musste.
Alles schien wieder offen.
Hoffentlich nicht ihre Liebe zu mir, dachte ich verzweifelt, stemmte die Handflächen gegen meine Augen und schirmte so meine zwei Tränchen vor den anderen ab. Bitte lass unsere Verbindung nicht daran zusammenbrechen.
„Rob“, sagte Chris plötzlich. Seine Stimme streifte mich wie ein Kugelhagel aus einer Pistole. „Sie liebt dich.“ Er sah mir mit festem Willen ins Gesicht, als versuchte er mich von dem zu überzeugen, was er gerade gesagt hatte – oder sich selbst, was am ehesten zutreffen würde.
Ich nickte. „Ich hoffe es.“
„Sina hat noch nie eine leichtsinnige Entscheidung getroffen“, giftete Chris, als müsse er seine Tochter in Schutz nehmen. „Sie braucht sehr lange, bis sie sich jemandem öffnen kann und das sie es dir gegenüber geschafft hat, ist ein eindeutiger Beweis ihrer Liebe.“
Er hatte Recht, dass wusste ich, aber wenn ich sie nicht bald wieder zu Gesicht bekäme, und wüsste, dass Jannik immer noch alleine mit ihr war, würde ich noch durchdrehen, mich düsteren Gedanken hingeben und nicht mehr klar denken können.
„Ich muss zu ihr“, sagte ich und erhob mich. Der Druck meiner Mutter ließ ein wenig nach und sie lächelte mich nachsichtig an, als könne sie mich verstehen. Sie sagte nichts. Ihre Lippen formten nur die Worte „Viel Glück.“
Ich sah kurz zu meinen Schwestern rüber. Lizzy hielt Vicky fest in den Armen, die mich nur anschaute, als wenn sie mir sagen wollte, wie leid es ihr täte.
Direkt bekam ich Gewissensbisse, denn wenn Jannik eine Schuld traf, dann auch die Frau, mit der er Sina betrogen hatte. Dass diese Frau ausgerechnet meine eigene Schwester war, machte die Sache ganz sicher nicht leichter. Wie sollte ich mich Vicky gegenüber verhalten? Sie hatte nichts von Sinas Existenz gewusst und sich scheinbar in Jannik verliebt. Eine Romanze, die über einen bloßen Urlaubsflirt hinausging. Ganz eindeutig.
Doch das änderte nichts an dem Geschehenen. Ich war mir sicher, dass Vicky auf ihn verzichtet hätte, hätte sie von Sinas Existenz an seiner Seite gewusst, doch dafür war der Nichtschwimmer schon zu weit in den Ozean rausgeschwommen, um gerettet werden zu können. Vicky würde mit Jannik untergehen. Wenn auch nicht ich den Anker mit dem Betonklotz an ihrem Bein werfen würde, auch nicht Sina, nein, Vicky ganz alleine. Ihre Schuldgefühle würden stärker sein als jeder Fels in der Brandung. Eine zweite Sorge, über die ich dringend nachdenken musste.
Da war der Konflikt wieder: Ich musste Sina zur Seite stehen und gleichzeitig meine Schwester schützen. Wie sollte das funktionieren? Wohl gar nicht. Und wenn ich die Sprache meines Herzens richtig deutete, dann würde ich mich erst hinter Sina stellen, damit sie die Kraft aufbringen konnte meine Schwester von ihren Schuldgefühlen abzubringen.
Jetzt, wo Sina wusste, wer Janniks Geliebte war, würde sie sich entscheiden müssen. War ihre Verbindung zu mir stark genug, dass sie unter dem Aspekt, dass sie meine Schwester anfeinden müsste, es sein lassen könnte? Oder würde alles auseinanderbrechen? Mein inneres Gefühl war sich sicher, dass sich alles klären würde – und zwar positiv für Sina, für Vicky und für mich. Nicht aber für Jannik. Da war das letzte Wort noch lange nicht gesprochen!
Ich biss die Zähen zusammen und verließ das Zimmer. Das Schweigen folgte mir regelrecht, genauso wie jedes einzelne Gesicht. Doch mit jedem Schritt, den ich mich von ihnen entfernte, flatterte Sinas Gesicht wie eine Fahne im Wind vor meinem Gesicht. Stürmisch traurig und vor Sorgen verzehrt. Das Gesicht, was ich zuletzt von ihr gesehen habe.
Mitten im Gang, zwei Stockwerke tiefer, sah ich Jannik alleine stehen. Die Wut in meinem Bauch wurde erneut angestachelt, leitete Befehle an mein Gehirn und meine Arme aus, diesen Bastard tot zuprügeln, aber Sinas Gesicht vor meinen Augen ließ mich innehalten. Ich war sauer und wütend und zu tausend Prozent aggressiv, was nur diese Anblick, der sich jetzt meinen Augen bot – Jannik höchstpersönlich – auslösen konnte.
Ich dachte an Sina, an das erste Mal, als ich ihre narbenübersäten Körper sah, an all ihren Schmerz denken musste und mich nun fragte, wie man – wohlwissentlich, dass ein Mensch zu so etwas fähig war – nur noch mehr Öl ins Feuer gießen konnte. Es war mir ein absolutes Rätsel. Dieser skrupellose Dreckskerl verdiente den Schmerz jedes einzelnen Schnittes, verdammt!
„Wo ist sie?“, fragte ich mit zusammengebissen Zähnen.
Er drehte sich um und sah mir ausdruckslos ins Gesicht. Lieber wäre es gewesen, er hätte ausgesprochen, was seine Augen mir sagten – nämlich, dass er mich dafür hasste, dass ich seinen Platz eingenommen hatte. Doch auch dazu war er zu feige.
„Sie will mich nicht mehr“, sagte er, ebenfalls einen deutlichen Anfall von Wut in der Stimme. „Sie hat ja jetzt dich.“
„Ja, sie hat mich“, erwiderte ich und verschränkte meine Arme. „Was ihr offensichtlich auch gut tut.“
Jannik lachte. „Pah. Glaubst du ich bin blind? Glaubst du das echt?“ Er sah mich herausfordernd an. „Meinst du nicht, ich hätte den Schnitt in ihrem Oberschenkel übersehen? Sie hat nicht aufgehört sich selbst zu verletzen und das wird sie auch nie, weil es für sie einfacher ist alles von sich wegzuschieben und anderen in ihrem Umfeld diese schwere Last aufzuerlegen.“
„Was willst du damit sagen?“
Er grinste höhnisch. „Sie will, dass wir uns schlecht fühlen, Schuldgefühle entwickeln, weil sie sich verletzt. Sie erpresst uns damit. Ginge es nach ihr, dürfte man nur noch ‚Du bist die Beste sagen’ auch wenn man lieber sagen will was für eine dumme Kuh sie ist.“
Dieses breite Grinsen. Widerlich. Abstoßend. Und seine Worte erst. Respektlos und dumm. Mehr als dumm.
Ich wusste, dass er mich provozierte, mich dazu bringen wollte ihm zu sagen, was für einen Schmerz ich selbst dabei empfand, als ich Sinas Schmerz erfasst hatte. Er wollte mich gegen sie aufbringen, aber da war er bei mir an der absolut falschen Adresse. Und wenn er glaubte damit bei Sina Pluspunkte sammeln zu können, war der Idiot doppelt schief gewickelt.
Ich konnte nicht anders als ihm direkt ins Gesicht zu lachen. „Wie dämlich bist du eigentlich?“, höhnte ich. „Du redest über sie als sei sie Dreck – “
„Ist sie das etwa nicht?“, fragte er dreist.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten, versteckte sie aber hinter meinem Rücken.
„Ja“, fuhr er fort. „Sie hat sich doch direkt dem erstbesten an den Hals geworfen. Hast sie bestimmt ordentlich gut durchgefickt, was? Also mich haben die Narben immer eher abgestoßen als angeturnt, aber jedem des seine.“ Er zuckte mit den Schultern.
Langsam ging mir ein Licht auf.
Er war verletzt.
Wie ein räudiger Hund leckte er sich seine verletzten Pfoten und weil er körperlich nicht mehr angreifen konnte, hatte er nur noch die Möglichkeit einen zu beleidigen. Er wollte mich treffen, traf damit aber nur sich selbst, was ihm scheinbar nicht bewusst war.
„Du haust dich nur selbst in die Pfanne“, antwortete ich trocken. „Sei froh, dass ich Sina nicht davon erzählen werde - “
„Um sie zu schützen“, keckerte er.
„Genau“, erwiderte ich tonlos. „Ich habe wenigstens Anstand und Moral. Und jetzt geh mir aus den Augen, bevor ich mich wirklich vergesse und man dich in Einzelteilen nach Deutschland zurückschicken muss.“
„Das würdest du deiner Schwester antun?“, grinste er. „Sie ist doch völlig vernarrt in mich.“
„Was ich ihr noch versuchen werde auszureden, du Arschloch“, zischte ich zurück. „Das letzte, was Vicky braucht, ist jemanden wie dich.“
„Falsch, Süßer. Deine Schwester braucht genau so jemanden wie mich.“
Damit drehte er sich um und verschwand, langsam und zögerlich als erwartete er eine Antwort von mir. Doch ich blieb ruhig – äußerlich. Innerlich war meine Wut zu stark geworden um noch von meinem Körper getragen werden zu können.
Er wollte mich doppelt demütigen und wenn ich ganz ehrlich war, schaffte er es auch.
Sollte er sein Spielchen mal mit mir spielen. Ich würde mitspielen.
Und zwar so, dass weder Sina, noch Victoria etwas davon mitbekamen...

© 2010 by Blutmädchen

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