Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 22. Kapitel

fEinmal im Leben Liebe statt Schmerz
22. Kapitel: Das unerwartete Zusammentreffen (2/2)

Sinas POV

Die Szenerie, die sich meine Augen bot als ich den Wohnbereich des Hotelzimmers betrat, stoppte meine Wut so abrupt, dass ich fürchtete mir selbst untreu werden zu müssen – mir und meinem Entschluss endlich den Mund aufzumachen, alle rauszuschmeißen, die nichts damit zu tun hatten.
Nur Jannik und ich – so sollte es sein. Stattdessen platzte das Zimmer aus allen Nähten. Und jede Person trug zusätzlich eine enorme Emotion in sich, die die Atmosphäre fast zum explodieren brachte und einem den Atem raubte.
Ich registrierte die drohende Haltung meines Vaters, Robert dicht neben ihn, wütend auf Jannik starrend, seine Schwester zum Teufel wünschend, so wie seine Körperhaltung deutlich sagte.
Das ist nicht richtig, schoss es mir durch den Kopf. Sollte nicht ich die Wütende sein, die man bremsen musste? War es nicht meine Sache, wie ich mit der plötzlichen Konfrontation mit meinem Ex-Freund umging? Warum nahmen Chris und Robert diesen Teil so extrem für sich selbst ein, und ließen mir kein Stück übrig?
Wütend sein lag mir noch nie. Dafür war ich zu schnell depressiv, down und zurückgezogen. Ich brauchte immer Zeit mich einer Situation zu stellen, das, was ich sagen wollte, in meinem Kopf vorzubereiten, bevor ich die Leute damit konfrontierte.
Heute, jetzt und hier, war alles falsch – und trotz selbstgegebenem Arschtritt, war ich nicht in der Lage das zu beherzigen und vollenden, was meine Gedanken mir zubrüllten.
Ich nahm fast nur Robert wahr, schaute auf seine zu Fäusten geballte Hände, sah seine Adern blau schimmernd stark an seinen Unterarmen hervortreten. Selbst so brachte er mein Blut zum kochen. Wie sehr ich diesen Mann wollte... Und es war der schlechteste Moment jetzt darüber zu sinnieren.
„Sina.“ Die weibliche Stimme zu meiner Linken ließ mich kurz zusammenzucken und ich warf Victoria einen fast schon vernichtenden Blick zu.
Wie konnte sie es wagen mich direkt anzusprechen? Vor Jannik? Vor Robert?
Mein Verlangen, sie für alles verantwortlich zu machen, wurde nur noch von Jannik selbst bestärkt, der sich neben Victoria stellte und ihre Hand nahm, ihr tief in die Augen schaute...
Es brachte meine ganze Welt ins schwanken, ließ mich die Zeit in Vancouver vergessen, die Zeit, in der Lena mich abgelenkt, und ich Robert kennen und lieben gelernt hatte.
Ein Fingerschnippen und es war weg. Ich war die verletzte und gedemütigte Zweitplatzierte, die in die Wüste geschickt worden war.
Unwillkürlich spürte ich das Kribbeln zwischen meinen Augen, was sich in die Nase vorarbeitete und das Empfinden unerträglich werden ließ. Ich blinzelte, einmal, zweimal – und schaffte es trotzdem nicht die Tränen zurückzuhalten, die sich ihren Weg gnadenlos und schnell über meine erhitzen Wangen bahnten – und gleichzeitig all meine Schwächen, jeden einzelnen Schmerz den Umstehenden auf einem Silbertablett zeigten.
„Ich muss hier raus“, presste ich zwischen tränennassen Lippen hervor und schubste Robert weg, der seinen Arm nach mir ausstreckte.
Ich konnte ihn nicht ansehen, ihm sagen, dass ich ihn liebte. Denn ich war mir nicht mehr ganz sicher. Meine Gefühle für Jannik brachen durch die starke Eisschicht, die mir als Schutz gedient hatte.
Der Moment in seiner Wohnung holte mich ein und erinnerte mich daran, dass Weglaufen sinnlos war. Ich hatte mich ihm in dem Moment nicht gestellt und wenn ich es jetzt nicht tat, würde ich nie wieder einem anderen Menschen in die Augen schauen können.
Nicht noch einmal...
„Sina“, hörte ich Jannik nach mir rufen. Abrupt blieb ich stehen, meine Füße wollten weiter, aber mein Verstand fesselte mich an Ort und Stelle. Ich kniff die Augen zusammen und unterdrückte ein Schluchzen, doch es schüttelte meinen ganzen Oberkörper so heftig, dass ich keinen Halt mehr fand. Ich brauchte Schutz, einen sicheren Ort, an dem ich gerade alles vergessen konnte, einen schützenden Hafen, liebe Worte, die mich in Sicherheit zogen und vor den züngelnden Flammen beschützten, die mich in Brand zu stecken drohten.
Jannik packte meine Arme und ich wehrte mich nicht, ließ mich in seine Umarmung ziehen, auch wenn ich wusste, dass es das nur noch schlimmer machte. Ich krallte mich an seinen Oberarmen fest, sog seinen Duft ein, der mir so vertraut war und mich immer beruhigt hatte. Jetzt schien er mich verhöhnen zu wollen.
Du willst mich? Pech gehabt, ich gehöre Dir nicht mehr...
Lange standen wir einfach nur still da. Meine Gedanken kreisten ohne Sinn, aber wie ein Adler über dem Meer, bereit jeden Moment zuzuschlagen, wenn mein Körper genug Kraft gesammelt hatte.
„Sina“, flüsterte Janniks Stimme ganz nah an meinem Ohr.
Ich versuchte meinen Kopf ein wenig zu heben um ihn anschauen zu können, doch es gelang mir nicht. Ich drückte mein Gesicht stärker gegen seine Brust und unterdrückte so den Aufschrei, der meine Kehle hoch wanderte.
„Schrei es ruhig raus“, sagte Jannik sanft. „Lass all deine Wut und deinen Schmerz raus. Dann geht es dir besser.“
Ich war versucht nachzugeben, aber etwas hinderte mich daran. Dieser Moment war zu selbstverständlich und gleichzeitig völlig falsch! Janniks Worte waren immer noch die selben, ich erinnerte mich an den ersten Moment meiner Erinnerung an die Vergangenheit, wo er genau diese Worte in mein Ohr geflüstert hatte. Danach ging es mir wirklich besser und wir hatten uns die ganze Nacht geliebt – zum ersten Mal.
Er war immer noch der selbe, hatte die selbe Macht über mich, wusste, wie er mich beruhigen konnte. Doch ganz schien es nicht zu funktionieren.
Wie sollte es denn auch, wenn er der Grund für Deinen Schmerz ist?!
Ich schüttelte heftig den Kopf und schaffte es mich endlich von ihm zu lösen.
„Nein“, stieß ich hervor und funkelte ihn voller Zorn an, hoffte, dass er meine Angst nicht sah. Angst davor wieder in seinem Bann zu landen.
„Du hast mich so verletzt, Jannik.“ Ich schrie nicht, merkte, dass ich plötzlich ruhiger wurde. Es wurde Zeit sich dem unausweichlichen zu stellen. Die Konfrontation würde mir ganz sicher gut tun und mich stärken. „Es tut so weh“, schluchzte ich. „Wie konntest du mich so dermaßen verletzen?“
Jannik schaute mich geradeheraus an. Ich wusste seine Miene nicht zu deuten. Er schien bereit zu sein mir all meine Fragen zu beantworten, mich trösten zu wollen, aber da war noch mehr. Oder bildete ich mir seinen verletzten Ausdruck nur ein?
„Wärst du an dem Tag nicht aus meiner Wohnung geflohen, hätte ich dir diese Frage wohl mit einem Lächeln beantwortet, egoistisch genug um deinen Schmerz gar nicht zu bemerken. Und wenn ich ehrlich bin habe ich das auch wirklich nicht. Meine Gedanken waren bei den Erlebnissen mit Vicky.“
Vicky. Ich bekam eine Gänsehaut. Vor ekel.
„Ich war schlimmer als ein Elefant in einem Porzellanladen und dämlicher als ein Schimpanse, sehnte mich nach etwas frischem, Neuen. Der Urlaub sollte unserer Beziehung wieder ein wenig Leben einhauchen. Wir haben nur noch aufeinander gehockt, Sina. Wir hätten beide raus gemusst. Ich hatte mich so darauf eingestellt, dass wir Dinge erleben, die uns wieder einander näher bringen, ohne das irgend ein Zwang oder eine lange gemeinsame Zeit dahinter steht. Verstehst du mich?“ Er sah mich eindringlich an. „Mit dir war es nie langweilig, ich will nicht, dass du mich falsch verstehst, aber es hat der gewisse Pepp gefehlt. Die Luft war raus. Ich habe mich leer gefühlt, du hast deine Gedanken weniger mit mir geteilt und es hat sich so angefühlt, als hättest du mich aus deinem Kopf ausgeschlossen. Ich wollte alles mit dir gemeinsam durchstehen, aber ab dem Punkt war das nicht mehr möglich.“
Seine Worte rissen die Fassade wie eine lose Tapete von der Wand. Ich erinnerte mich noch sehr gut. Wir hatten weiterhin das Bett miteinander geteilt, waren intim miteinander, aber es war eher Routine, fast schon eher eine Verpflichtung als pure Liebe und Hingabe. Bis zu unserem letzten Mal. Die Vorfreude auf die Reise hatte uns beiden neuen Schwung gegeben.
Doch dann konnte ich nicht mitkommen. Janniks Miene und seine Worte standen in völligem Gegensatz zueinander. Er war mir nicht böse, einfach nur enttäuscht.
Sollte ich mir im Nachhinein wünschen, ich hätte ihn nicht zu der Reise überredet? Hatte ich ihn alleine losgeschickt, nur damit er in den Armen einer Anderen landete?
Nein! Es war seine eigene Entscheidung!
„Und dann traf ich Victoria“, fügte Jannik hinzu. Er sah mich wieder an und ich bemühte mich seinem Blick standzuhalten. Die Tränen kullerten ununterbrochen weiter, ohne das es mich jedoch störte. Ein Anflug von einem Lächeln, dass eher einer Grimasse gleichkam, zeigte sich in seinem Mundwinkel, verschwand aber schnell wieder.
„Sie war das, was ich mir von dir gewünscht hatte. Frisch, lebendig, bereit mir meinen Kummer zu nehmen. Meinen Kummer, dass du nicht bei mir warst und ich Angst vor der Rückreise bekam. Denn ganz ehrlich, hatte ich davor tierischen Bammel. Was, wenn ich zurückkäme und du hättest dir schon einen anderen gesucht? Ich dachte, du hättest es vielleicht auch gespürt und sehnst dich nach etwas anderem.“ Seine Augen wurden glasig, feucht und ein Tränchen kullerte. „Ich war dumm genug, dir das wirklich zuzutrauen. Ich habe dich nicht verdient, wenn ich nur daran denken konnte, dass du, bei allem, was du erlebt hast, wirklich einen anderen Mann küssen und lieben könntest.“
Einem inneren Instinkt folgend, streckte ich meine Hand aus und fing seine Träne auf. Seine Miene wurde urplötzlich finster, so dass ich fast zurückgestolpert wäre.
„Scheinbar geht es ja doch“, sagte er mit düsterer Stimme. „Oder was ist zwischen dir und diesem Pattinson?“
So schnell seine Traurigkeit verschwunden war und durch Wut ersetzt wurde, so schnell folgten meine Emotionen ihm.
„Du hast mich tierisch verletzt“, sagte ich mit belegter Stimme. „Aber als ich in Vancouver war, war das alles nur noch nebensächlich – “
„Ja, wegen Pattinson, stimmt’s? Gib dir keine Mühe mich in Watte zu packen“, fuhr er mir dazwischen. Wie ein Schwert, dass mich kurz erstarren und innehalten ließ.
Wie konnte er es wagen? Das alles war seine Schuld und ich hatte lang genug mit mir gerungen, mich schuldig gefühlt, etwas für Robert an Gefühlen aufzubauen, bis Lena mich wachgerüttelt und daran erinnert hatte, wie skrupellos Jannik mit mir umgegangen war. Warum hatte ich also auf Robert verzichten sollen, wo ich doch sowieso schon wusste, dass die Beziehung mit Jannik nie wieder zu retten war.
Und jetzt stand er vor und tat so, als hätte nur ich Fehler gemacht, was mich Fuchsteufels wild machte.
„Du hast nicht das Recht dich zu beschweren“, zischte ich. „Du hast deine Vicky–“ Ich spuckte ihren Namen aus, als wäre er Gift. „Du hast dich für diesen Weg entschieden, Jannik, nicht ich, aber soll ich dir was sagen? Ich bin dir dankbar dafür, zumindest jetzt, denn sonst hätte ich nie gemerkt, dass die Beziehung mit dir nicht so einzigartig und toll war, wie ich es bisher immer dachte. Robert hat dich bei weitem übertroffen.“
Ich wollte ihn verletzten, leiden sehen. Er sollte wissen, wie es sich anfühlte.
Und warum machten sich dann direkt schon wieder Schuldgefühle in mir breit?
Die Stimmung drohte erneut zu kippen – wieder ins Traurige. Und mir dummer Kuh lag beinahe schon eine Entschuldigung auf den Lippen.
Schließlich hatte ich diesen Menschen einmal sehr geliebt und es war auch noch nicht vorbei. Solche starken Gefühle konnte man nicht einfach auslöschen. Aber man konnte sie Stück für Stück abdecken, vergessen – und genau das wollte ich tun. Mit Robert! Den ich liebte...
„Jannik, ob es dir passt oder nicht, es ist vorbei. Ich habe mich gerade kurz gehen lassen und mir unsere gemeinsame Zeit zurück gewünscht, aber es würde nie wieder so sein wie zuvor – “
„Aber genau das will ich, Sina“, unterbrach er mich, ein Flehen in seiner kaum zitternder Stimme, und doch vernahm ich das holpern laut und deutlich wie einen Herzschlag. „Du, ich und unser – “ Seine Stimme sackte weg und sein Blick glitt zu meinem Bauch. „Du, ich und unser Baby, Sina.“ Seine blauen Augen bohrten sich wie hypnotisierend in meine und meine Knie wurden weich.
Hastig ging ich ein paar Schritte rückwärts, versuchte eine Schlucht zwischen uns zu ziehen – vergeblich.
Wie vom Löwen verfolgt machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte ohne ein weiteres Wort einfach den Flur entlang. Ich wollte nur weg von ihm...
Jannik rief mir noch hinterher, machte aber keine Anstalten mir zu folgen – was auch gut so war.
Ich musste jetzt ganz dringend für mich alleine sein. Mir über einiges klar werden.
Warum hatte dieser Mistkerl immer noch so eine Macht über mich?

© 2010 by Blutmädchen

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