Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 21. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
21. Kapitel: Verlassen und Vergessen (2/3)

Sinas POV

„Paps! Warte.“ Meine Aufforderung prallte im wahrsten Sinne des Wortes gegen eine Wand. Meine ausgestreckte Hand, die in meiner Fantasie nach seinem Arm griff und ihn zum Rückzug zwang, griff ins Leere. Und es fühlte sich an, als würde auch mein Blick ins Leere blicken. Meine Augen tränten, ich konnte alles was vorher da gewesen war, nicht mehr erkennen. Der Strudel der Vergangenheit saugte mich ein. Ich hörte die Stimme meines Vaters und wusste, dass sie nicht nur in meinen Ohren schallte, sondern auch in meinem Kopf, als bloße Erinnerung an eine Zeit, in der er wie ein Löwe vor mir gestanden hatte und alles in Flucht zu schlagen versuchte, was mir zu nahe kam...

Leer.
Alles war leer.
Der Rahmen, obwohl eine Glasscheibe darin verankert war.
Ihre Handfläche, obwohl ein Kugelschreiber zwischen den schlanken Fingern steckte.
Der Park, in dem es von Leuten nur so wimmelte.
Die Gesichter der Menschen, die eigentlich lächelten und Spaß hatten.

Nein, Sina, sie haben definitiv keinen Spaß! Schau dir ihr Lächeln doch genau an!
Besucher und Patienten. Angehörige derer, die ihr Leben nicht mehr leben konnte. Die vom Schicksal in die Knie gezwungen worden waren. Menschen, deren Leben durch ein Erlebnis, einer falschen Abbiegung des Lebensweges, der feste Boden unter den Füßen fehlte und denen man neuen Mut und neue Hoffnung versprach.
Oder anders formuliert: Kranke, die eine Gefahr für sich selbst und Andere darstellten, die Drogen nahmen, Alkoholabhängig waren, Verbrecher jeglicher Art, oder lebende Tote.
Genau wie Sina. Sie lebte, und war doch tot. Innerlich zerfetzt, vergewaltigt. Nicht mehr in der Lage irgendetwas zu denken, irgendetwas zu tun. Kein Leben, was sie leben konnte.
Sina lebte in einem öffentlichen Grab. So nannten es andere Mitpatienten, wenn sie tuschelten, sich ihre Lebensgeschichten erzählten. Es war ein allgemeiner Begriff, den jeder kannte, sich aber keiner traute laut auszusprechen.
Sina war schon lange in dieser psychiatrischen Klinik. Gefangen. Entsorgt. Sie wusste nicht, welches Gefühl manchmal mehr an die Oberfläche drängte. Denn Gefühle hatte sie nach wie vor. Nur anders gelagert und weniger emotional. An ihren neuen Status des „Missbrauchs-Opfers von Zimmer 111“ hatte sie sich mittlerweile gewöhnt. Es mit eigenen Ohren aus dem Schwesternzimmer gehört zu haben, hatte Sina zum ersten Mal nach sechzehn Wochen Abwesenheit und Gleichgültigkeit nachdenklich gemacht. Endlich hatte sie weinen, sich in allen Details an diese schreckliche Nacht erinnern können. Ihr Verstand hatte sie lange genug geschützt und die Erinnerung vermieden.
Doch seit diesem Tag war nichts mehr so wie vorher. Sina kannte ihren neuen Status in der Gesellschaft und fühlte sich damit absolut nicht wohl. Sie vermied jeglichen Blickkontakt, ob zu Pflegern oder zu Verwandten. Ihre Angst, man könne aus ihren Augen lesen, wie in einem Bilderbuch, war einfach zu groß. Sie schämte sich.
„Sina, Liebes.“ Die sanfte, in Sinas Ohren
zu sanfte Stimme ihres Vaters lenkte sie einen Moment von den spielenden Kindern im Park ab. Aber nicht lange genug um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. „Spatz, magst du nicht auch eine Weile an die frische Luft? Es ist herrlich draußen.“ Chris’ sanftmütiges Gesicht versperrte ihr die Aussicht nach draußen und wie automatisch lehnte sie sich zur Seite um weiter das bunte und scheinheilig fröhliche Treiben beobachten zu können. Sina beneidete diese Kinder und ganz besonders ihre Eltern. Auch wenn sie nicht wusste, was diese Kinder erlebt hatten, bewunderte sie sie. Einfach weil sie hüpfen, spielen und toben, aus sich rausgehen konnten. Auch die nach außen getragene Lockerheit der Mütter und Väter berührte etwas in ihr. Gute Miene zum bösen Spiel in einer zerbrochenen Welt, dessen Risse immer zu sehen sein würden. Chris’ Emotionen waren da offener, gingen tiefer und er machte sich keine große Mühe seine Traurigkeit zu verstecken.
Sina dagegen fühlte sich wie ein Fremdkörper. Nicht fähig zu sprechen, unkonzentriert und immer am Malen. Ein Blatt Papier und ein Stift reichte aus um sie vollkommen zu entfesseln. Doch das was die malte, war furchteinflößend und spiegelte Sinas Seele so perfekt wieder, dass man ihr das malen verbot. Warum wusste sie nicht, aber sie sagte ja auch nie, dass ihr dieser Weg der Verarbeitung gut tat. Und wenn sie sich nicht mitteilte, konnte man ihr auch nicht helfen.
Aber wollte Sina sich helfen lassen?
Sie fühlte sich nicht gut, aber die Einzelgespräche mit den verschiedensten Therapeuten hatten sie mehr runtergezogen, als das sie geholfen hatten.
Ihr Blick fokussierte eine Mutter, die sich zu ihrem kleinen Kind runterbeugte, ihm ein Taschentuch an die Nase hielt und lachte.

Führsorge.
„Spatz?“
Sina blickte leicht in Chris’ Richtung, ohne ihn anzusehen und schüttelte nur den Kopf. Es gab bei ihr nur zwei Arten der Kommunikation. Kopfschütteln oder Nicken. Beides war aussagekräftig genug.
Chris verstand. „Okay, Spatz, dann bleiben wir gemeinsam hier drinnen und sehen den anderen Menschen ein wenig zu.“
Er setzte sich neben sie und legte seine Hand auf ihre Sitzlehne. Das tat er immer, in der Hoffnung, dass sie doch von sich selbst den Körperkontakt suchte, aber das tat sie nie. Wozu? Es war überflüssig. Und kostete verdammt viel Anstrengung. Überwindung, die sie nicht besaß, auch wenn ihr Vater keine Schuld an dem trug, was ihr passiert war.
Er hatte sie nicht abgeholt und Sina hatte sich einfach alleine auf den Nachhauseweg gemacht. So wie es jeder andere auch getan hätte. Das man ihr buchstäblich das Leben aussaugen könnte, hatte keiner wissen können.
Sina wusste noch, wie ihr Vater immer wieder die Worte „Es ist meine Schuld“, gemurmelt hatte, schluchzend und weinend an ihrem Bett sitzend. Schon da hatte sie durch ihr Kopfschütteln klar gemacht, dass sie ihm keine Schuld gab. Er versteckte es gut, aber Sina wusste, dass er sich nach wie vor dafür verantwortlich fühlte.
Geradezu skeptisch blickte Sina auf Chris’ Hand. Sie erinnerte sich daran, wie er ihr immer vor dem Zubettgehen Kasperletheater vorgespielt hatte. Wie seine Hände sie fest umarmten, wenn er den ganzen Tag weg war. Es wäre so leicht dieses Gefühl wieder zu spüren. Etwas vertrautes und wohltuendes.
Doch das war einmal.
Niemals wieder würde sie sich nach der Berührung eines anderen Mannes verzehren.
Niemals mehr wollte sie einem Mann auch nur in die Augen schauen.
Niemals mehr, so lange dieses Bild der grünen Augen nicht verschwunden war und das würde, bei aller Therapie und Medikamente, mit denen man sie voll pumpte, niemals geschehen.
Niemals!
Mit einem Schwung, den sie seit Ewigkeiten nicht mehr verspürt hatte, schwang sich Sina aus ihrem Sessel und lief in ihr Zimmer, Chris immer hinter ihr, schweigend, abwartend was seine Tochter jetzt wieder machen würde. An ihr Schweigen hatte er sich nur mit Mühe gewöhnen können, meist übernahm er ihren Text mit, zumindest den, den er sich in dem Moment erhoffte. Erst als sie ihre Jacke überzog, die Sandalen gegen Turnschuhe tauschte und einen Schal um den Hals schlang, fragte er: „Möchtest du doch nach draußen gehen? Dann brauchst du aber doch keinen Schal, Spätzchen. So kalt ist es draußen nicht mehr.“
Dass wusste Sina eigentlich selbst, aber ihr Automatismus schien immer noch im kältesten Winter festzustecken. Außerdem würde der Schal, der ihr halbes Gesicht verdeckte, ebenfalls vor aufdringlichen und mitleidigen Blicken schützen.
„Na gut“, seufzte Chris. „Lass uns gehen.“
Ohne auf ihn zu warten, ging Sina den langen Flur der Station entlang. Ihre Zimmergenossin Sandra lümmelte sich in einem Sessel und ließ sich von einem anderen Mitpatienten, den sie Sina mal als Nicolas vorgestellt hatte, massieren und verwöhnen. Dieser Anblick ekelte sie an. Hatte Sandra nicht auch etwas genauso schreckliches erlebt, wie Sina? Definitiv! Und dann hatte sie den Mut und die Kraft sich wieder an einen Mann zu lehnen? Zwei Schwestern, die in Sinas Augen die größten Drachen der Station waren, lächelten amüsiert und freuten sich wie Honigkuchenpferde über den Fortschritt ihres Schützlings. Doch was hatten die dazu beigetragen, fragte sich Sina. Die dumme Therapie konnte unmöglich dafür verantwortlich sein.
In ihrem Schweigen hatten Sina und Sandra sich gut verstanden, aber das schien jetzt Schnee von gestern zu sein. Weggeworfen.

Verlassen...
Vergessen...
Warum ihr ausgerechnet diese zwei Wörter durch den Kopf schossen, war ihr selbst nicht klar, aber sie hatten eine Bedeutung...
„Spatz?“ Chris’ Stimme holte sie aus ihren Gedanken. Sie hatte gar nicht bemerkt wie sie stehen geblieben war und zu den beiden scheinbar frisch Verliebten hinüberblickte. Sie raffte sich zusammen und schritt noch kräftigeren Schrittes auf die Tür zu, die sie über einen langen Flur zu einem Fahrstuhl und von da aus in die Freiheit brachte.
Freiheit... Was ein Gedanke... Und doch entsprach er der Wahrheit. Was komisch und verwirrend war. Sina hielt einen Moment lang inne und blickte auf ihre Schuhe.
Diese Schuhe würden sie überall hintragen, wo sie gerade hinwollte. Weit weg und doch nicht weit genug.

Freiheit. Freiheit. Freiheit.
Sie war zum Greifen nahe. Zog sie an, wie ein Magnet. Woher kam dieses Gefühl? Spannungsgeladen und kräftig?
„Einfach raus hier“, murmelte sie plötzlich vor sich hin. Sina erschrak. Ihre eigenen Worte – gesprochene Worte, die ihr wahrhaftig über die Lippen gekommen waren! – ließen sie zu Tode erschrecken. War das ihre Stimme? Traurig, aber hoffnungsvoll?
Was war auf einmal los, dass sich die Welt drehte und ihr eine Tür zu einem neuen Level öffnete? War sie wirklich in irgend so einem verrückten Computerspiel, in dem sie ihre Seele retten musste?
Sina wurde schnell klar, dass sie irgendetwas tun wollte – tun musste. In ihr drängte ein Tatendrang etwas neues zu erkunden, raus zu gehen, das Wetter zu genießen, die Stimmen der Menschen zu hören, einfach alles aufzusaugen, was ihr ein Gefühl von etwas Neuem und Gutem gab.
Und es war so plötzlich gekommen. Hatte es etwas mit Sandra und Nicolas zu tun? Aber der Anblick hatte sie doch angeekelt? Oder war Sinas Unterbewusstsein schneller gewesen und hatte eine wichtige Entscheidung alleine getroffen, ohne auf die Gefühle und Emotionen Rücksicht zu nehmen? Wollte ihr Unterbewusstsein, dass sie sich genauso öffnete, wie ihre Zimmergenossin? Sandra war belohnt worden, so wie es aussah. Sie fühlte sich gut, wenn man ihr Lächeln richtig deutete – und daran hatte Sina nun keinen Zweifel mehr.
„Paps“, sagte sie und traute sich ihren Blick ein wenig zu heben. An seinen ausgestreckten Armen erkannte sie seine eigene Furcht, die Furcht vor dem Unbekannten.
Das erste Mal nach sechzehn Wochen, das sie mit ihrem Vater sprach, ihm zeigte, dass doch noch ein Stückchen Leben in ihr drin war.
Und es gab etwas, dass sie ihm unbedingt sagen wollte.
„Ich gebe dir keine Schuld an dem was mir passiert ist.“
„Sina – “, seine Stimme brach, er rümpfte die Nase. „Sina, ich... Gott, ich bin so froh, dass du endlich mit mir redest, Spatz.“ Er streckte seine Arme aus, doch dafür war Sina noch nicht bereit. Das wäre zu viel für den Moment, aber sie ahnte jetzt schon, dass sich auch das bald ändern würde. Sie stellte sich jetzt schon vor, wie es war ihre Arme um seinen Hals zu schlingen und sich einfach wie seine Tochter, die Schutz, Liebe und Geborgenheit suchte, an ihn zu klammern, alles aufzusaugen, was er ihr geben konnte, mehr zu verlangen und sich dabei nicht schlecht zu fühlen.
Doch noch nicht jetzt. Aber bald.
Sie wollte es ihm gerne mit Worten sagen, sie wollte nicht, dass er dachte, sie würde ihn ablehnen, aber diese Worte fanden den Weg nicht über ihre Zunge hinweg.
„Ich möchte allein sein“, sagte sie und hob noch ein Stück den Kopf, ohne ihn anzusehen, und ihm trotzdem einen Blick in ihre Augen zu gewähren. Er musste das Glitzern sehen können, was sie versuchte zu unterdrücken.
Sein leises Lächeln ließ eine noch nie erlebte Gänsehaut über ihren Körper gleiten. „Ist gut, Spatz. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Du hast allen Freiraum der Welt. Die Hauptsache ist, dass du dich wohl fühlst.“ Er brach ab und seufzte. „Besser gesagt, dass du endlich wieder weißt, wie es sich anfühlt sich wohl fühlen zu
dürfen.“ Er schien einen Moment lang nach ihrer Hand greifen zu wollen, besann sich dann aber eines besseren. „Ich warte hier auf dich. Geh einfach eine Runde spazieren und mache, wonach dir die Lust steht. Halte deine Füße in den Teich, streichle ein paar Enten, egal was du machst, fühl dich wohl und genieß es.“
Sina nickte kurz und drehte sich in Richtung Ententeich. Ein paar Kinder spielten dort Seilchenspringen und lachten. Einen kurzen Augenblick bildete Sina sich ein, ihre Mundwinkel hätten sich erhoben, aber es war wohl genau nur das: Einbildung.
Sina fühlte Dinge, die sie noch nie wahrgenommen hatte. Kies, Gras, Sand und alles fühlte sich anders an. Sie spürte den Wind, das sanfte Streicheln an ihren Wangen.
Am liebsten wäre sie jetzt auf einen Baum geklettert. Sie wollte noch mehr Wind um sich herum. Sie sehnte sich danach, wie er ihr Haar zauste.

„...egal was du machst, fühl dich wohl und genieß es.“
Die Worte ihres Vaters erinnerten sie daran, dass ihr die Welt offen stand. Sie wollte auf einen Baum klettern, also würde sie es auch tun.
Freiheit!
Eine Hand auf dem Baumstamm, ein paar Finger um einen Ast geklammert, zog sie sich langsam, aber mit einer noch nie verspürten Kraft hoch und setzte sich auf einen breiten einlandenden Ast.
Ihr Vater hatte Recht behalten. Sie tat etwas, was sie wollte und spürte ein leichtes Gefühl von Wohlfühlsein. Einen Moment lang schloss sie die Augen, wartete auf die Geräusche der Natur, auch wenn sie nicht genau wusste, was was war und wo es her kam. Sina konzentrierte sich auf den Wind, der ihr Haar streichelte. Es war gar nicht kälter als unten, und auch nicht windiger. Oder empfand sie es nicht so, weil sie einen Teil ihrer Angst auf dem Boden zurückgelassen hatte und in vollen Zügen etwas Neues genoss?
Eigentlich war es nichts neues, aber Sina fühlte sich wie ein Kind in der ersten Schulklasse. Manches musste sie neu lernen und entdecken. Alles würde sich anders anfühlen.
„Hallo junges Fräulein.“ Sinas Augen öffneten sich automatisch und richteten sich auf einen jungen Mann, sportlich gekleidet in dunkelblauer Jeans und einem weißen enganliegenden Shirt, der vor dem Baum stand und lächelnd zu ihr hinaufblickte. Seine leuchtend blauen Augen war das nächste, was sie wahrnahm. Wie versteinert blickte sie in dieses blaue Wunder, wollte nie wieder wegsehen – als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt. Die Augen schienen sie retten zu wollen, sie aufzufangen.
„Passen Sie auf, Sie – “ Die entsetzte Stimme des Mannes endete in einem kleinen Aufschrei. Doch es war nicht sein Schrei, sondern ihr eigener.
Sina fiel, der Wind brauste in ihren Ohren, der Boden kam ihr immer näher, und sie sah nur die blauen Augen. Selbst in Erwartung eines schmerzhaften Aufpralls konnte sie ihren Blick nicht von seinem lösen.
Doch der Schmerz blieb aus. Stattdessen spürte sie etwas starkes, mächtiges, dass sie trug.
„Da hast du ja wahnsinniges Glück gehabt, dass ich gerade vorbeigekommen bin“, lächelte der Mann und entblößte perfekte, makellos weiße Zähne. Sein Lächeln war das Schönste, was sie je gesehen hatte, obwohl, eher das zweitschönste! Ihre braunen Augen nahmen seine Blauen immer noch in Beschlag – er schaute nicht weg, was gut war. Sina wollte nie wieder etwas anderes sehen. „Warum bist du überhaupt auf den Baum geklettert?“, fragte er mit leicht hochgezogenen Augenbrauen und stellte sie wieder auf ihre eigenen Füße. Ihr Halt war schwach, er hielt sie nach wie vor umklammert, an sich gedrückt, damit sie stehen konnte.
Erst jetzt bemerkte sie es nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch mit ihrem Verstand.

Ein Mann umarmte sie!
Sie hatte einem Mann in die Augen geschaut!
Blaue Augen...
„Freiheit“, sagte sie, mit klangvoller Stimme. Jetzt wusste sie wieder, wie sich Freiheit und Wohlfühlsein anfühlte. Und da war noch etwas...
„Wow“, lächelte der Mann. „Ich glaube, ich habe es noch nie so direkt gesagt, aber bei dir kann ich einfach nicht anders.“ Er sah sie fast schon fragend an, ob er fortfahren durfte. Sina nickte. „Du hast das wunderschönste Lächeln, das ich je gesehen habe. Und das ist mein vollkommener Ernst, nicht einfach nur so daher gesagt.“
Sinas Atem stockte. Er sah sie lächeln... Ja, dass musste ihr verzehrter Gesichtsausdruck sein, den sie spürte. Das sanfte Dehnen ihrer Lippen. Schade, dass sie gerade keinen Spiegel zur Hand hatte. Was hätte sie nicht alles dafür gegeben zu wissen, was er gerade sah.
„Ich bin Jannik“, stellte er sich vor. „Jannik Berg. Und wie heißt du wunderschönes Mädchen?“
„Sina“, antwortete sie wie automatisch. „Sina Weitz.“
„Sina“, schmunzelte er. „Ein wunderschöner Name. Freut mich dich kennen zu lernen, Sina.“
Er schien es wirklich so zu meinen, denn sein Lächeln wurde noch breiter.
Einladend. Verzückt. Entspannt.
„Was treibt dich hierher, Sina?“, fragte er.
„Freiheit“, sagte sie schlicht. Ein einfaches Wort, was nicht nur für sie einfach nur ein Wort zu sein schien. Er schaute in den Himmel und der Ausdruck in seinen Augen wurde milder.
„Freiheit“, wiederholte er. „Ein Lebensgefühl. Das Schönste überhaupt.“ Er nahm ihre Hand und zog sie ein wenig mit sich. „Komm. Ich zeige dir etwas. Dann weißt du was Freiheit wirklich bedeutet.“
Ihre Füße trugen sie bereitwillig mit und sie konnte nicht anders als auf ihre ineinanderverschlungenen Finger zu schauen. Sie konnte es nicht glauben, was sie gerade erlebte. Es war zu surreal,
zu normal um es glauben zu können. Besonders nicht jetzt, nicht nach alldem, was Sina erlebt hatte.
Welches Schloss in ihr hatte sich geöffnet?
Wieso hatten ihre Augen so intensiv in die Seine schauen können?
Lag es daran, dass sie höher war und runter hatte gucken müssen?
War es einfach nur reiner Zufall? Nichts weiter?
Doch an Zufall konnte sie gerade nicht glauben.
Hier war etwas anderes am Werk. Die selbe Macht, die sie bei ihrem Schritt nach Draußen gespürt hatte.
Und es war eine positive Macht.
Sie ließ sich von Jannik einfach mitziehen... Scheinbar in ein neues Erlebnis.
Ihr Körper war um eine Emotion reicher: Das Bedürfnis überhaupt etwas zu fühlen. Etwas positives. Und das, so stark wie es nur möglich war...


Ich landete schneller wieder in der Gegenwart, als ich wollte, aber mein innerer Schutzmechanismus wusste, wie es weitergegangen war und hatte mich vorher aus dem Erinnerungsstrudel rausgezogen. Keine Ahnung, ob es besser war, denn ich konnte mich auch so noch lebhaft gut an alles erinnern.
Jannik und ich waren nicht weit gekommen, als plötzlich Chris vor uns stand.
Erschrocken.
Auf der Hut.
Auf die Gefahr lauernd.
Und dann irritiert, als er unsere Hände sah, voller Panik, dass man mir etwas antun könnte und dann – das schlimmste Erlebnis überhaupt – eine Wut, die mich zu zerfetzen schien. Seine Augen erwachten in einem Anflug von Zorn und der irre Glanz hatte mir Angst gemacht.
Anfangs glaubte ich, dass er wütend auf mich gewesen war, aber das hatte er abgestritten. Ich glaubte es ihm nicht.
Er schien fast schon beleidigt gewesen zu sein, dass es ein wildfremder Mann eher geschafft hatte mich komplett aus meiner Trance zu lösen, als er selbst – als mein Fleisch und Blut. Was ich ihm noch nicht einmal übelgenommen hätte – wenn er dazu gestanden hätte. Doch das tat er bis heute nicht.
Lange hatten wir uns angeschaut, bis er über Jannik hergefallen war, ihn als Mistkerl beschimpft hatte, der die Pfoten von mir lassen sollte.
Ob er nicht wüsste, was ich durchgemacht hatte und ob es ihm so egal sei. Ob er auch einer dieser miesen Drecksschweine wäre, die nur an ihren eigenen Schwanz dachten.
Ich hatte Chris’ Worte so laut im Ohr...
Worte der Vergangenheit, die ich jetzt lautstark aus dem Wohnzimmer des Hotelzimmers vernahm.
Es wiederholte sich...
Damals hatte ich einfach zugesehen, es geschehen lassen.
Jetzt wollte ich nicht einfach tatenlos danebenstehen. Ich wollte handeln, Jannik irgendwie beschützen, was totaler Blödsinn war, aber ich fühlte mich fast schon dazu verpflichtet.
Was er mir angetan hatte war eine Sache zwischen ihm und mir, wo sich mein Vater rauszuhalten hatte! Genau wie alle anderen Anwesenden.
Es wurde Zeit, dass ich es sagte!

© 2010 by Blutmädchen

zum 22. Kapitel

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Huhu Ihr Lieben Mitschwimmer :)

Wenn Ihr möchtet, dürft Ihr gerne ein paar Wellen ~ äh, Kommentare hinterlassen. Oder auch ein paar Fische *~*
Ich freue mich über alles, was Ihr da lasst ♥
Als Dank habe ich immer ne Packung Celebrations und ne fette Keksdose für Euch bereit stehen. Bedient Euch und kommt ruhig öfter zum rumkrümmeln vorbei ♥

Klickernde Grüße,
Tascha