Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 18. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
18. Kapitel: Die Würfel fallen

Sinas POV

Endlich hatte ich mal wieder einen ruhigen Moment für mich ganz alleine, dachte ich, während ich mich in meinem bequemsten weiß-rosa Jogginganzug auf dem Bett ausstreckte. Auf meinem Nachttisch, also ganz in Reichweite, stand eine Kanne Grüner Tee und eine Tasse, die ich bereits dreimal nachgefüllt hatte. Daneben lag mein Handy. Irgendwie wartete ich darauf, dass es noch einmal klingelte, hatte es aber auf Lautlos gestellt. Ich hatte dann wohl doch noch die Hoffnung, dass dieser Moment jetzt in diesem Augenblick mal ganz mir gehörte. Bisher hatte es mich mit seinem Vibrationsalarm in Ruhe gelassen, aber solche Biester waren unberechenbar. Sie konnten einen lange in Sicherheit wiegen, aber dann war es auch schnell wieder vorbei.
Die Kopfhörer noch immer in den Ohren, den MP3 Player in der erschlafften Hand, lauschte ich den Geigenmelodien, die mich mit Rhythmus erfüllten und mich sanft glauben ließen, ich reite auf einer hohen Welle der Gelassenheit. Alles war friedlich. Der richtige Moment um den Interpretationen David Garretts zu lauschen. Ich hatte diese CD erst vor kurzem erstanden und selten gefielen mir alle Lieder – diesmal aber konnte ich die Platte rauf und runter laufen lassen, ohne sie langweilig zu finden.
Während He’s a Pirate immer lauter wurde, dachte ich über alles nach, was mich beschäftigte, seit ich in Vancouver angekommen war. Es war so viel, was man locker unter fünf Personen aufteilen konnte und jeder könnte sich trotzdem noch die Rosinen rauspicken.
Mein Leben war mehr denn je eine Achterbahnfahrt, aber ich kam erst gar nicht auf die Idee mich zu beklagen. Es war kein Zuckerschlecken, aber das würde ich auch noch überstehen. Schließlich hatte ich schon viel Schlimmeres überstanden.
Und das würde auch noch so lange bleiben, bis Jannik und Robert sich begegneten.
Ich hoffte wirklich, dass es noch lang genug dauern mochte, aber da gerade nichts so lief, wie es in meinen Terminplaner passte, musste ich auch mit plötzlich eintretenden Situationen klar kommen. Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn Janniks blaue Augen zum ersten Mal wieder in meine Braunen sahen. Ich hatte wirklich Panik, auch wenn ich nicht mehr an seine magische Wirkung glaubte. Zumindest nicht zu hundert Prozent. Aber unsere Trennung war einfach zu plötzlich, für mich so unverhofft gekommen, dass meine Gefühle sich nicht von hundert auf null zurückschrauben konnten. Es gab jetzt einen neuen Mann in meinem Leben. Und bisher hatte ich nie verstehen können, dass man auch zwei Männer gleichzeitig lieben konnte. Den einen, weil die Gewohnheit noch in einem steckte, und den anderen, weil man gerade erst dabei war Gefühle aufzubauen. Eins abbauen. Ein neues Gefühl aufbauen. Und momentan fühlte ich mich wie ein Weltmeister in dieser Disziplin.
Das Beste wäre es jedoch, wenn ich mir vorsorglich schon mal einen Deeskalationsplan zurechtlegte, damit er im Notfall auch zur Anwendung kommen konnte. Denn dass die Beiden sich friedlich begrüßten, glaubte ich beim besten Willen nicht.
Nachdenklich schenkte ich mir die vierte Tasse Tee ein und nippte an dem heißen Erholungsgetränk.
Ich würde Jannik wiedersehen.
Das war die erste Tatsache, die mein Verstand verarbeiten musste. Wenn Leute Besuch bekamen, achteten sie sorgfältig darauf, dass kein dreckiges Geschirr in der Spüle stand oder einzelne Socken im Flur rum lagen – ich musste ganz anders an meinen baldigen Besuch rangehen: Mögliche Gefühle sofort im Keim ersticken, mich vor Janniks durchdringenden Blick wappnen, mir sorgfältige Sätze zurecht legen, damit meine Lüge, bei meinem Vater in Amerika bleiben zu wollen, nicht aufflog. Und, ganz besonders wichtig: Mir langsam darüber im Klaren werden, welche Position Robert in meinem Leben hatte. Sollte ich ihn Jannik als meinen neuen Freund vorstellen? Ich liebte ihn. Noch nicht zu hundert Prozent, aber das würde sich mit der Zeit alles einstellen. Je nachdem wie wir uns begegneten und wie intensiv diese Begegnungen sein würden. Es lag nicht nur in meiner Hand, aber ich war zuversichtlich, dass Robert und ich beide dasselbe wollten. Wir hatten nur andere Vorstellungen, wie wir auf diesem Weg ankommen würden – gerade auch, weil er eine Person des öffentlichen Interesses war.
Meine Güte – seit wann interessierte mich das denn? Damit hatte ich genügend Erfahrung. Auch wenn es diesmal nicht um meinen Vater ging, der eher im Hintergrund stand. Diesmal würde es um einen direkten Leinwandprotagonisten gehen.
Außerdem war das jetzt nicht das Thema. Ich musste mir über viel dringendere Dinge Gedanken machen.
Wie würde Jannik es aufnehmen, wenn ich ihm Robert als meinen Freund vorstellte?
Und wie würde Robert reagieren, wenn ich Jannik sagte, er sei nur ein Freund – wäre er beleidigt? Könnte er es überhaupt verstehen? Wohl nicht, dachte ich seufzend. Robert würde es bestimmt falsch verstehen und denken, ich würde mir noch etwas von Jannik versprechen. Was absoluter Blödsinn war, aber ich steckte ja nicht in Robert drin, um genau wissen zu können, was er dachte.
Also musste ich erst mit Robert reden. Er hatte ein dringendes Mitspracherecht. Ohne sein Wort und seine Zustimmung würde ich Jannik gar nichts sagen.
Als hätte König Zufall mal wieder seine Finger im Spiel, vibrierte mein Handy. Da ich unablässig darauf geschaut hatte, konnte es mir einfach nicht entgehen.
Widerwillig zog ich die Stöpsel aus den Ohren, richtete mich auf und grabschte nach dem Handy. Ich kam nicht dran. Und wie so oft, wenn eine Teekanne in meiner Nähe stand, hatte ich das fast unvermeidliche Scherbenglück für mich gepachtet. Mit einem Klirren fiel das Porzellan auf den Teppichboden des Hotelzimmers. Komisch, dachte ich leicht abgelenkt. Mir war öfter Glas oder anderes zerbrechliches runtergefallen, aber wenn es dabei um Teppichboden ging, hatte ich immer Glück gehabt. Irgendwann kam ich dann zu dem Entschluss, dass es nicht mein Glück war, sondern das Teppiche für Gläser ungefährlich waren. Jetzt wurde ich eines besseren belehrt. Na und?
Endlich schlossen sich meine Finger um das Handy, aber es vibrierte nicht mehr. Der ungeduldige Anrufer war wohl gerade nicht in der Stimmung einer entspannten Person wie mir mehr Zeit zum aufraffen zu lassen. Nett.
Ich schaute auf den Namen. Robert. Schon ein wenig merkwürdig. Warum rief er an, wenn sein Zimmer eigentlich nicht weit von meinem entfernt war? Oder war er gar nicht im Hotel?
Gerade als ich mich entschieden hatte, ihn zurückzurufen, klingelte es erneut. Ich hob ab.
„Hey Süße“, begrüßte mich Roberts angespannte Stimme. „Ich wollte dich eigentlich ein wenig in Ruhe lassen, damit du mal zur Ruhe kommst und dich endlich entspannen kannst, aber ich muss dich ganz dringend etwas fragen.“
„Kein Problem. Bist du nicht im Hotel?“
„Nein, ich bin mit Peter und Kellan unterwegs“, antwortete er. Dann fügte er mit einem Grinsen, das deutlich zu hören war, hinzu: „Ich habe eine Überraschung für dich, aber erst später.“
„Du machst mich neugierig“, seufzte ich und grinste in mich hinein. „Was wolltest du mich denn fragen?“
„Ach ja“, lachte er. „Deswegen habe ich dich ja angerufen. Meine Familie kommt morgen nach Vancouver. Für mich kommt es etwas plötzlich, aber ich freue mich natürlich sehr. Und unter uns gesagt bin ich froh, dass sie sich wenigstens ankündigen. Hättest du Lust meine Familie kennen zu lernen? Ich habe zwei Schwestern, die, wie mir meine Mutter sagte, beide ihren Freund mitbringen werden und den einen kenne ich noch nicht einmal. Na ja und ich dachte jetzt, wo wir beide, also…“
Mir wurde leicht schwindelig, als ich mir seine Frage zu Ende dachte. Wollte er mich etwa als seine Freundin vorstellen? Wollte ich das? War das der richtige Zeitpunkt?
„Sind wir denn zusammen?“, platzte es unverhofft aus mir heraus.
Küssen, Streicheln, Händchen halten – das sollten eindeutige Anzeichen sein.
„Stimmt“, erwiderte Robert nachdenklich. „Wir haben das ja noch gar nicht richtig geklärt. Aber wenn es nach mir ginge, dann ja.“
„Ja was?“
„Ja, wir sind zusammen.“ Seine Worte waren deutlich und klar gesprochen, aber irgendwie rauschte es in meinem Ohr. Oder war dass das Ergebnis meines Durcheinanders?
„Wirklich?“, hauchte ich zurück.
„Wirklich“, antwortete er ernst.
Aus irgendeinem Grund hatte ich keinen Zweifel daran, auch wenn ich mir sicher war, dass wir uns erst noch richtig finden mussten.
Wir waren ein Paar. Er wollte mich seiner Familie als seine Freundin vorstellen. Nicht nur als gute Freundin, sondern als feste Freundin, als Partnerin. Himmel wurden meine Knie weich… Eine verrückte, verlockende und fantastische Vorstellung.
„Möchtest du als meine Freundin meine Familie kennen lernen?“
„Ja“, sagte ich, ohne lange zu zögern. Die Würfel waren gefallen. Und ich brauchte mir nicht mehr Stundenlang den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ich Jannik irgendwann meinen neuen Freund vorstellen sollte. Mit Roberts Familie würde ich jetzt schon einmal eine kleine Generalprobe bekommen.
„Ich liebe dich“, sagte Robert. „Und ich danke dem lieben Gott dafür, dass unsere Wege sich gekreuzt haben.“
Ich lächelte. „Ich auch. Auch wenn ich nicht an Schicksal glaube.“ Ich dachte einen Moment nach. „Na ja“, gestand ich schließlich. „Zumindest nicht zu hundert Prozent.“
Roberts Lächeln war selbst am Telefon einfach zu schön. Ich konnte es mir richtig gut vorstellen.
„Wenn du später wieder im Hotel bist, reden wir dann mal genauer über das, was uns erwartet?“, fragte ich.
„Gerne. Ich bin nicht mehr lange weg. Schätze in zwei Stunden bin ich wieder da. Bist du auf deinem Zimmer?“
„Nein, ich wollte noch mal an die Bar. Ich habe gerade meine halbvolle Teekanne gekillt und merke gerade, dass ich etwas Stärkeres brauche.“
„Wie wär’s später mit einem Gläschen Champagner auf dem Bett?“
„Klingt verdammt gut, aber ich fürchte, ich brauche jetzt schon etwas, damit sich meine Nerven wieder beruhigen.“
„Trink aber nicht zu viel“, sagte er gespielt väterlich.
„Keine Sorge, Daddy“, grinste ich. „Ich werde mich schon nicht besaufen. Außerdem hat mein Kleines da auch noch ein Wörtchen mit zu reden.“
„Shit“, fluchte Robert plötzlich. „Du darfst doch gar keinen Alkohol!“
„Nur ein Schlückchen.“
„Auch das nicht“, unterbrach er mich scharf. „Ich weiß, dass dein Vater im Hotel ist. Sei artig, oder ich setze ihn auf dich an, Fräulein.“
Es war witzig gemeint, aber dennoch entging mir sein leicht ernster Ton nicht. Robert machte sich wirklich Sorgen.
„Ich werde mich benehmen“, sagte ich schließlich.
„Besser für dich. Und das Kleine. Also bis später, Süße.“
„Bis später.“
Ich legte das Handy beiseite und besah mir den Teefleck auf dem hellen Teppich. Wer so etwas als Hoteleinrichtung verkaufte, gehörte verklagt. Darauf sah man doch jedes Missgeschick! Auch wenn die Kanne es so gerade eben überlebt hatte, war der Tee nicht in seinem Behälter geblieben. So ein Mist! Und ein Zimmermädchen wollte ich nicht damit behelligen. Schnell ging ich ins Bad, holte einen nassen Lappen und tupfte den Tee so gut es eben ging ab.
Wieder klingelte mein Handy. Ich schaute aufs Display und war irgendwie nicht überrascht Paps Namen zu lesen.
„Hey Paps. Was gibt’s? Ich bin brav.“
Er lachte. „Das weiß ich“, sagte er.
„Dann rufst du nicht an, weil Robert dir gesagt hat, ich bräuchte einen Babysitter?“
„Robert?“, fragte er verwirrt.
„Vergiss es“, sagte ich schnell. „Mir geht es gut und ich bin brav. Weswegen rufst du an?“
Einen Moment blieb es still. Dann sagte er: „Lena war gerade bei mir. Wir haben über die jüngsten Ereignisse gesprochen. Und sie gab mir in meiner Meinung recht.“
Lena? Gott, wie lange war es her, seit sie wutschnaubend aus meinem Zimmer gerauscht war? Sie wusste gar nichts von Robert und den Dingen, die gerade zwischen uns passierten.
„Und die wäre?“
Er seufzte. „Du solltest zu mir ziehen.“
Verrückter konnte es nicht mehr kommen. Schließlich hatte ich mir darüber auch schon meine Gedanken gemacht. Doch etwas an dem Ton meines Vaters ließ mich dann doch aufhorchen.
„Und wo ist das Problem?“, fragte ich.
Einen Moment schien er verdutzt zu sein. „Du hättest damit kein Problem?“, fragte er überrascht.
„Nein“, antwortete ich gedehnt. „Ich habe selbst mit diesem Gedanken gespielt.“
„Wirklich?“
„Ja. Meine Zeit in Deutschland ist vorbei. Zumindest die Glückliche. Es wird Zeit für einen Neuanfang.“
„Du bist ja vernünftig“, sagte er grinsend. „Ich freue mich über deine Einstellung. Aber – “
Oh, oh. Jetzt kam das dicke fette ABER. Das war bei meinem Vater nie gut. „Das hat nichts mit Robert zu tun?“
Es war klar, dass wir irgendwann auf dieses Thema zu sprechen kämen. Und an den Vorfall mit dem Messer im Oberschenkel. Autsch, kein guter Gedanke. Kein gutes Gesprächsthema. Nicht jetzt.
„Ich lerne morgen seine Familie kennen“, sagte ich unverhofft. Irgendwie wollte ich ablenken, aber bei genauerer Überlegung hatte ich wohl das komplette Gegenteil erreicht.
„Ach, echt?“ Jetzt klang er skeptisch. Ich hätte es wissen müssen. „Also hat es definitiv etwas mit Robert zu tun.“ Es war keine Frage, nur eine Feststellung.
Ich nickte, bis mir einfiel, dass er mich gar sehen konnte. „Ja“, sagte ich.
„Ich kann es wohl nicht vermeiden“, seufzte er. „Ich kann dich nicht in Watte packen und darauf hoffen, dass dich kein Mann mehr anrührt.“
Seine Wortwahl erweckte kein gutes Gefühl in mir.
„Was meinst du damit?“, fragte ich.
Er würde mir nicht antworten, das wusste ich, aber man durfte ja wohl noch hoffen.
„Das sollten wir nicht am Telefon besprechen“, sagte er schließlich. „Lass uns heute Abend in Ruhe reden, einverstanden?“
„Heute Abend bin ich schon verabredet“, erwiderte ich und dachte mit Wehmut an den prickelnden Champagner, den ich verschmähen müsste.
„Mit Robert.“ Es war wieder keine Frage.
„Richtig.“
„Okay.“ Mehr sagte er nicht.
„Hast du ein Problem damit?“, fragte ich, auch wenn die Frage völlig sinnlos war. Paps hatte definitiv etwas dagegen, dafür brauchte man kein Hellseher zu sein, um das rauszufinden.
„Weißt du was, wenn du nichts dagegen hast, kann ich ja später zu euch stoßen?“
„Nur wenn du mir erklärst, welches Problem du mit Robert hast.“
„Ich habe kein Problem mit ihm.“
„Das hört sich aber irgendwie anders an“, sagte ich kühl.
Er schnaubte. „Ich werde es dir erklären, Spatz. Später. Sag Robert das ich komme.“
„Klar. Bis später.“
Ich legte das Handy mit einem ziemlich beunruhigten Gefühl zurück. Mein Vater sorgte sich viel zu viel und so wie es schien, hatte ihn die Sache mit Jannik skeptisch gemacht. Der Zwischenfall im Krankenhaus schien ihn in eine alte Zeit zurückzuversetzen und ich fing an, mich um ihn zu sorgen. Ich befürchtete, er würde das ganze weniger gut wegstecken wie ich.
Es wurde Zeit mit ihm zu reden. Und mit Robert.
Eine Dreierrunde würde hoffentlich mehr Ordnung in das ganze Chaos bringen…

© 2010 by Blutmädchen

zum 19. Kapitel

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