Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 17. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
17. Kapitel: Volle Konfrontation

Sinas POV

Sanft in Roberts Armen gebettet, lag ich da, schaute in seine wunderschönen Augen, während er über meine entblößten Arme streichelte. Es war ein sanftes Gefühl. Zart und ehrlich wohltuend. So, wie wir hier lagen, konnte man wirklich meinen alles sei in Ordnung, wir wären uns schon seit Jahren vertraut und intim miteinander. Doch die Wahrheit war eine andere, aber genau das faszinierte mich so sehr an unserem Miteinander. Es gab nichts mehr an mir, was ich vor ihm verstecken musste. In mir sah es ein wenig anders aus. Da gab es einiges, was ich ihm noch nicht sagen wollte – weil ich es einfach nicht konnte, weil ich nie darüber gesprochen hatte und es auch nicht vorhatte. So weit würde ich erst gehen, wenn ich alle Leute in Roberts Umgebung kannte und wusste, wer am liebsten tratschte. Nicht, dass ich Robert zutrauen würde mit jedem darüber zu reden, aber die Leute waren heutzutage einfach zu aufmerksam und die Modeindustrie hatte noch keinen Pullover mit angenähten Handschuhen erfunden. Es bestand also immer die Gefahr, dass mir zufällig der Ärmel hoch rutschte. So, wie es mir schon viel zu oft passiert war. Und wenn es einmal die falschen Leute sahen, gab es kein Zurück mehr.
„Erzähl mir etwas über Jannik“, sagte Robert. „Wo habt ihr zwei euch kennen gelernt?“
Ich dachte einen Moment nach, ob ich wirklich darüber reden könnte. Erstaunlicherweise stellte ich fest, dass das Nachdenken mir nichts ausmachte. Ich konnte also problemlos darüber reden, ohne von der Erinnerung mitgerissen zu werden.
„Ich war das erste Mal nach einer Ewigkeit auf der Straße unterwegs. Sonst war ich nur isoliert, zwischen Menschen, die ein ähnliches Schicksal wie ich hatten oder anderen kranken Freaks.“ Ich brach ab. Darüber zu reden war wohl das schlimmste an der Sache. Die Erinnerung an die Leute war das schrecklichste. Alles kranke Individuen, die sich mit ihren Krankheiten gegenseitig zu übertrumpfen versuchten.
„Du meinst in einer Psychiatrie?“, hakte Robert nach.
Ich nickte schweigend. Seine Umarmung wurde etwas fester und ich lehnte mich noch enger an ihn.
Wärme. Sicherheit. Geborgenheit. Ich bekam den Drang diese Worte in meine Haut einzuritzen. Es sollte einfach greifbarer sein.
„Ich bewundere dich, dass du das überlebt hast“, sagte er leise und streichelte weiter über meinen Arm. „Ich glaube, ich hätte es dort keine zwei Minuten ausgehalten. Nicht einmal als Besucher.“
„Glaubst du, mir ging es anders? Aber wenn du mit Tabletten vollgepumpt wirst, kannst du das alles leichter ertragen.“
Ein Faden an meinem Pullover hatte sich gelöst und ich wickelte ihn um den Finger, schnürte ihn so fest wie möglich. Robert nahm meine Hand und zog mir mit einem Ruck den Faden ab.
„Du tust dir weh“, sagte er mit leichter Resigniertheit, was absolut nicht zusammen passte. Ich verstand es nicht.
„Tut mir leid“, flüsterte ich und hoffte er würde es erst gar nicht hören. Denn die verbale Backpfeife würde direkt auf mich nieder rauschen, wenn er merkte, wofür ich mich wirklich entschuldigt hatte. Jannik hatte es gehasst.
„Schon in Ordnung“, lächelte er mich an. „Mach dir keine Gedanken was ich von dir denken könnte. Ich möchte, dass du dich wohl fühlst.“
„Warum hast du mir dann den Faden abgerissen?“, fragte ich verwirrt.
Jetzt schien auch Robert verwirrt zu sein. „Ich hasse Fäden und zupfe sie auch immer von anderen ab, wenn ich es sehe.“
Okay, scheinbar hatte ich ihn komplett falsch verstanden. Ich schüttelte lächelnd den Kopf und war froh als Robert darauf einging und ebenfalls lachend den Kopf schüttelte.
„Also“, sagte er auffordernd und beendete unsere kleine Lächelübung. „Du hast ihn also außerhalb der Klinik kennen gelernt?“
„Ja“, erwiderte ich. „Es war Therapie auf den ersten Blick.“
„Therapie?“
„Ja. Seit meinem Peiniger habe ich nie wieder einem Mann in die Augen geschaut. Jannik war der Erste. Und ich konnte nicht mehr wegschauen.“
Robert versteifte sich und presste die Lippen aufeinander. Seine Reaktion überraschte mich. Erst als er sich etwas aufsetzte und mich ernst ansah, erinnerte ich mich, dass ich ihm gegenüber nie von meiner Vergangenheit erzählt hatte. Jetzt musste, wenn er etwas geahnt hatte, auch der letzte Zweifel aus dem Weg geräumt sein.
„Ich wusste, dass du etwas Schlimmes erlebt hast. Aber ich habe mich scheinbar geweigert etwas anzuerkennen, was so schlimm ist.“ Er hielt einen Moment inne und schloss die Augen. Seine Miene war angespannt und er schien sich zu konzentrieren. Ich wollte ihn nicht unterbrechen, aber ich wollte unbedingt wissen, was er dachte.
Doch ehe ich ihn darauf ansprechen konnte, klingelte mein Handy. Robert schnappte es sich und schaute aufs Display. Seine Augenbrauen verengten sich. Dann reichte er mir wortlos das Handy und ich brauchte nicht lange raten, um zu wissen, was ihn noch mehr verärgerte.
Die SMS kam von Jannik.
Zum ersten Mal war ich froh, dass Robert kein Deutsch konnte.
Hallo Sina. Es tut mir leid, was ich dir angetan habe und ich weiß, du wirst mir nicht so schnell verzeihen, aber ich weiß jetzt, dass ich dich immer lieben werde. Ich wünschte wir könnten eine Familie sein. Du, das Baby und ich. Love you, dein Jannik.
Schnell schaute ich zu Robert, der mich gespannt beobachtete. „Was schreibt er?“
„Nichts besonderes, was erwähnenswert wäre“, gab ich knapp zur Antwort und flatzte das Handy auf den Nachttisch. „Wo waren wir stehen geblieben?“ Ich versuchte mich an unser Gespräch zu erinnern, aber Janniks SMS hatte mich völlig aus der Bahn geworfen.
Robert sah mich durchdringend an. Er glaubte mir nicht, das brauchte er gar nicht erst sagen, sein Blick sprach Bände.
Das Handy klingelte erneut und Robert griff danach. Er nahm ab und meldete sich mit seinem eigenen Namen. Ich starrte ihn geschockt an.
„Tut mir leid, Sina ist verhindert und wird es für dich für immer sein. Lass sie in Ruhe.“ Dann legte er auf.
Kein Zweifel, dass am anderen Ende Jannik gewesen sein musste. Empört starrte ich Robert an, der sich selbstgefällig zurücklehnte.
„Was. Sollte. Das“, schrie ich ihn an. „Wie kannst du an mein Handy gehen?“
„Spricht er gut englisch?“, fragte er nur.
„Ja. Er ist jetzt mit einer Amerikanerin zusammen.“
„Gut. Dann kann ich wenigstens sicher gehen, dass er mich verstanden hat.“
„Hör auf, Robert“, sagte ich scharf. Ich hatte keine Ahnung, wo diese Wut plötzlich herkam, aber sie wollte raus und Robert war gerade der einzige erreichbare Mensch, an dem ich sie auslassen konnte.
„Hättest du lieber selbst mit ihm geredet? Auf seine SMS geantwortet? Ihm gesagt, dass du ihn zurück nimmst? Schön auf Deutsch, damit ich nichts verstehe? Kann ja von Vorteil sein. Hinterher könntest du mir ja einen vom Pferd erzählen.“
„Du wirst unfair“, sagte ich und stand auf. Ich brauchte Abstand. Wollte meine Narben aus der Nähe seiner Hände bringen.
Was zur Hölle war hier gerade bloß los?
„Werde ich das?“, fragte er herausfordernd und mit einem beißenden Sarkasmus. „Weißt du was? Ich gehe besser. Dann kannst du in Ruhe deinen Jannik anrufen und brauchst keine Angst zu haben, dass ich etwas mitbekommen könnte.“
„Rob“, sagte ich flehend. „Bitte hör auf damit. Ich will Jannik nicht zurück. Ich habe dich.“
Er sah mich lange an, drehte sich dann um und ging zur Tür. An der Tür hielt er inne und fluchte.
„Verdammt. Sina…“ Ich ging zu ihm und legte ihm meine Hand auf die Schulter.
„Lass uns nicht streiten“, bat ich ihn. „Ich brauche dich jetzt.“
Langsam drehte er sich um und sah mich mit einem merkwürdigen Blick an. Halb wütend, halb verängstigt, halb entschuldigend. Dann nahm er meine Hände und lehnte seine Stirn an meine und schloss die Augen.
„Dieser Kerl schürt so eine Wut in mir“, sagte er leise und ich registrierte erleichtert, dass der beißende Unterton verschwunden war. „Ich wollte dir nichts unterstellen, aber in letzter Zeit gehen meine Gefühle ganz schnell mit mir durch. Tut mir leid.“
„Nein, entschuldige dich nicht. Ich kann dich gut verstehen.“
„Was hat er geschrieben?“
„Er schrieb, er würde mich immer lieben und wünschte wir könnte eine richtige Familie werden“, lenkte ich dann ein, auch wenn ich das Gefühl hatte Roberts Wut nur noch mehr Nahrung zu geben.
„Und was wünschst du dir?“, fragte er.
So schnell er wütend war, so schnell schien er auch aufzugeben. Scheinbar hatte er nun doch endlich gemerkt, dass er mich vor sich hatte und nicht Jannik selbst.
Wie auf Kommando klingelte erneut mein Handy.
Robert seufzte. „Geh ran und red mit ihm.“
Ich sah ihn skeptisch an, aber er schien es ehrlich zu meinen. „Und du gehst nicht dazwischen?“
„Nein“, versprach er und ich glaubte es ihm.
Robert reichte mir das Handy und ich nahm es, ohne draufzuschauen, entgegen.
„Hallo?“, meldete ich mich.
„Sina? Hier ist Jannik. Was war das denn gerade für ein Kerl?“
Ich atmete tief ein und aus. „Das war ein Freund.“ Ich wollte nicht direkt aufs Ganze gehen.
„Seit wann kennst du einen Amerikaner?“
„Er ist Brite.“ Als wäre das jetzt entscheidend. „Ich bin momentan in Kanada. Bei meinem Vater. Er ist ein Kollege von ihm.“ Warum ich ihm das erzählte, wusste ich selbst nicht genau.
„Ich bin bald auch in Kanada. Meine Freundin hat mich zu einem Familientreffen eingeladen.“
„Ich dachte, sie wäre Amerikanerin?“
„Nein, Britin“, gab er zurück. Ich lächelte unwillkürlich und biss mir sofort auf die Zunge. Das war in Roberts Nähe gerade keine gute Idee, vor allem, wenn ich mit meinem Ex-Freund telefonierte – und Robert kein Wort verstehen konnte.
„Okay“, erwiderte ich nur und wartete auf den spannenderen Teil unseres Gesprächs. Doch er blieb still, also musste ich wohl anfangen. „Warum schreibst du mir so einen Mist?“, fragte ich und wurde wieder ganz die Alte. Unnahbar und sarkastisch. Genau so wollte ich Jannik begegnen und ich war froh, es geschafft zu haben.
„Das ist kein Mist“, antwortete er. „Das meine ich ernst. Ich kann nichts rückgängig machen, aber unser Baby soll von meinem Fehler verschont bleiben.“
„Unser Baby?“, fragte ich sofort. „Heißt das, du würdest es anerkennen?“
„Na klar“, sagte er prompt.
Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte, war völlig verwirrt. Kein klarer Gedanken, kein Vorwurfhagel, ich machte mir selbst Angst. Denn mir wurde klar, dass ich mich Jannik persönlich stellen würde, wenn er mich darum bäte.
„Du wirst immer ein Teil meines Lebens bleiben, Sina. Und ich möchte für mein Kind da sein.“
„Das könnte schwierig werden“, sagte ich plötzlich. Ohne bestimmten Grund schien ich eine innerliche Entscheidung getroffen zu haben. „Ich werde wohl nicht mehr nach Deutschland zurück kehren.“
Meine eigenen Worte kamen mir fremd, aber wahr, vor. Noch bevor ich sie ausgesprochen hatte, hatte ich es gewusst. Mein Körper wollte da sein, wo Robert war – für immer. Eine spontane und schnelle Entscheidung? Sie kam von Herzen!
„Und wo wirst du sein?“, fragte Jannik nach einer langen Pause.
„Bei meinem Vater“, log ich.
„Sina, ich – “ Er brach ab und setzte nach einem langen seufzen wieder an. „Sina, was kann ich tun, um dich zurück nach Deutschland zu holen?“
„Es ist vorbei, Jannik“, erklärte ich. „Du weißt es. Ich weiß es. Und daran ändert auch meine Schwangerschaft nichts.“
Ich blickte Robert an, der mich nicht ansah, sondern Löcher in die Decke starrte. Ich ging zu ihm und lehnte mich an ihn. Jetzt brauchte ich seinen Halt. Er legte sofort die Arme um mich.
„Es tut mir so leid“, sagte Jannik. Und die Leitung war unterbrochen.
Ich wusste nicht, ob ich mich über seine Feigheit ärgern sollte, oder ob die Freunde überwog, dass ich nicht lange mit ihm diskutieren musste. Vielleicht beides.
„Lass mich raten“, sagte Roberts Stimme dicht an meinem Ohr. „Er hat aufgelegt.“
Es war keine Frage, also antwortete ich auch nicht, legte nur das Handy weg und presste meinen Körper noch enger an seinen.
„Bitte lass uns einfach mal für einen Moment alles vergessen.“
„Einverstanden“, sagte Robert sofort. „Und weißt du was?“
„Was?“
„Ich glaube, ich werde Jannik noch selbst kennen lernen. Ich werde dich also nicht mehr aushorchen.“
„Meinst du?“
„Auch wenn du es jetzt noch nicht zugeben würdest, du bist ein zu ehrlicher Mensch und wirst ihm sein Kind nicht verweigern.“ Er streichelte mir zärtlich über die Wange. „Und ich will noch lange an deiner Seite sein, also muss ich ihm ja irgendwann mal gegenüber treten.“
Ich schloss nur meine Augen und vergrub mein Gesicht an seiner Brust.
Hoffentlich, dachte ich still, hoffentlich wird das noch lange dauern

© 2010 by Blutmädchen

zum 18. Kapitel

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