Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 16. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
16. Kapitel: Späte Einsicht

Janniks POV

Ich wusste nicht wie lange ich schon hier saß, aber in der Zeit hatte mein Handy dreimal gebimmelt und die Türschelle zwei Mal geläutet. Mir war einfach alles egal. Das einzige, was mich gerade wirklich beschäftigte, war das, was mir jetzt noch in den Ohren schallte.
„Ich bin schwanger, Jannik. In der neunten Woche.“
Wahrscheinlich saß ich hier schon eine Woche, oder länger, aber ich nahm meine Umwelt kaum wahr. Es gab einfach zu viel, was falsch war und ich konnte mich nicht entscheiden, was am schwersten wiegte. Es gab drei Punkte, die auf jeden Fall in die Top 3 gehörte. Also gab es nur diese drei Punkte, die falsch waren. Was heißt „nur“… Das war schon schlimm genug. Und ich Idiot merkte das jetzt erst.
Punkt Eins: Dass ich aufgelegt hatte als Sina mir von der Schwangerschaft erzählte.
Punkt Zwei: Dass ich zu feige war, sie zurück zu rufen.
Punkt Drei: Dass ich mit ihr Schluss gemacht hatte.
Punkt Drei war wohl der schwerwiegendste Fehler, den ein Mann in der Gegenwart einer solchen Frau begehen konnte. Sie war zu wertvoll, um so behandelt zu werden.
Aber seit ich aus Amerika zurück war, war mein Gehirn nicht mehr wie vor meiner Abreise. Ich hatte alles vergessen. Mein Leben, was ich bisher geschafft hatte und wohin ich noch wollte. Und vor allem die Liebe meines Lebens – Sina Alexandra.
Die Frau, die den wunderschönsten Namen hatte, den ich je gehört hatte.
Die Frau, die etwas in meinem Leben berührt hatte.
Die Frau, die mir den wahren Wert von Liebe und Vertrauen gezeigt hatte.
Die Frau, die ich niemals freiwillig hergeben wollte.
Und die Frau, die ich verletzt hatte, der ich vor den Kopf gestoßen hatte und der ich niemals aufrichtig sagen konnte, wie leid es mir tat.
Denn es tat mir erst jetzt leid. Sehr leid sogar. Aber Sina würde mir das nie glauben.
Und jetzt kam ihre Schwangerschaft hinzu.
Sina war von mir schwanger…
Ich holte mir einen Block und einen Stift und schrieb diese Worte mehrfach auf. Doch so oft ich es auch schrieb, und je häufiger ich die Worte las, umso weniger verstand ich sie.
Wieder klingelte mein Handy. Ich ignorierte es. Sah nicht einmal aufs Display. Es hätte auch Sina sein können, aber warum sollte sie noch einmal anrufen? Also war sie es sehr wahrscheinlich nicht.
„Ich Idiot!“, brüllte ich meinen ganzen Frust raus.
Mit dem Wissen, dass Sina schwanger war, kam mir das, was ich ihr an den Kopf geflatzt hatte – besser gesagt, wie ich es gesagt hatte – noch grausamer vor. In dem Moment war es das einzig Richtige, was mir sinnvoll erschien. Und ich hatte es nicht bereut. Gar nicht weiter nachgedacht. Hatte alles vergessen, was ich Sina je versprochen hatte.
Und erst jetzt fühlte ich mich deswegen mies… Ich Mistkerl…
Wie sollte ich Sina jetzt noch klarmachen, wie leid es mir tat? Ob sie mir überhaupt zuhören würde?
Geistesabwesend griff ich zum Handy und starrte es eine Weile an, Finger über den Tasten schwebend. Wie sollte ich es ihr sagen? Ich hatte keine Ahnung.
Das Handy klingelte erneut. Wie erstarrt starrte ich auf den Namen. Chris Weitz.
Heilige Scheiße
, schoss es mir durch den Kopf. Jetzt war der Tag also gekommen. Ich hatte mich schon gefragt, wann er sich melden würde. Schließlich hatte ich seiner Tochter verdammt weh getan und Chris war dafür bekannt ein Vater zu sein, der die Monster seiner Tochter eiskalt abschlachtete. Zumindest nach ihrer schweren Zeit.
Der Klingelton bohrte sich wie ein Messerblock in meinen Kopf. Durchdringend und unbarmherzig. Ich sollte besser abnehmen, aber was sollte ich sagen?
Vielleicht war es besser ihn einfach brüllen zu lassen. Sollte er es sich von der Seele reden. Und wenn ich Glück hatte, würde er einfach wieder auflegen.
„Berg“, meldete ich mich, fast schon zögerlich.
„Hallo Jannik“, sagte die so lange vertraute Stimme von Chris Weitz. Stille. Damit war ich überfordert. Ich hatte mit einer direkten Attacke gerechnet, nicht damit, dass er mich so förmlich, fast schon höflich begrüßen würde. „Ich hoffe es geht dir gut?“
Ich rieb mir schnell die Augen und war gewagt nahe dran mir den Finger ins Ohr zu stecken. Vielleicht verhinderte das ganze Ohrenschmalz, dass ich richtig hören konnte.
„Hallo“, erwiderte ich nur.
Er holte tief Luft. „Ich will dich nicht mit Vorwürfen bewerfen“, hörte ich ihn sagen. „Aber was du getan hast, werde ich nicht einfach akzeptieren.“
Gerade jetzt wünschte ich mir, er hätte sich fürs Brüllen entschieden.
„Du wirst dich von Sina fernhalten.“
„Das geht nicht“, sagte ich prompt. „Sina bekommt ein Kind von mir!“
Wieder Stille. Endlos lange.
„Bist du noch dran?“, fragte ich ungeduldig.
„Ja“, antwortete er gedehnt. „Woher weißt du von der Schwangerschaft?“
„Sina hat mich angerufen“, erwiderte ich und bekam eine leichte Überhand. Damit schien er nicht gerechnet zu haben.
„Damit habe ich jetzt nicht gerechnet“, sagte er schließlich. Und dann war das Gespräch unterbrochen.
Ich saß noch mit dem Handy am Ohr als es erneut klingelte. Diesmal ging ich ran, ohne aufs Display zu gucken.
„Hallo Schatz“, begrüßte mich eine zuckersüße Stimme mit starkem britischem Akzent.
„Hi“, antwortete ich nur knapp. Ich war nicht in der Stimmung mit ihr zu reden.
Es war nicht so, dass ich ihr den Vorwurf machte mein Leben durcheinander gebracht zu haben, aber wenn ich es mir genauer überlegte, stimmte es doch. Sie war der Grund, dass ich mich nun unwohl fühlte.
„Was hältst du davon, wenn wir beide uns in Vancouver treffen?“, fragte sie.
„Vancouver?“, fragte ich nur.
„Ja, mein Bruder möchte dich gerne kennen lernen und heute habe ich erfahren, dass meine Eltern und meine Schwester ihn besuchen werden. Er arbeitet zur Zeit in Vancouver. Ich würde mich so freuen, wenn du ihn kennen lernen würdest. Ihr werdet euch bestimmt blendend verstehen.“
Ihr Geplapper kam gar nicht richtig bei mir an. Zumal ich es in unkonzentrierten Momenten hasste, mich auf Englisch konzentrieren zu müssen.
„Okay“, gab ich wieder nur knapp zur Antwort. Sie schien es wieder nicht bemerken zu wollen.
„Gut“, jubelte sie mir ins Ohr. Ich riss schnell das Handy weg. „Ich rufe dich dann später an, wenn ich die genauen Reisedaten habe. Ich liebe dich.“
„Ich dich auch“, erwiderte ich und war mir plötzlich nicht mehr ganz sicher, ob das wirklich stimmte.
„Bye“, sagte sie noch und das Gespräch war beendet.
Erschöpft ließ ich den Kopf in den Nacken fallen und dachte nach.
Was konnte mir diese Frau bieten? Zugegeben, sie war süß, sexy und unglaublich intelligent, aber was hatte mich so sehr zu ihr hingezogen, dass ich dafür etwas aufgegeben hatte, was mir doch viel mehr bedeuten musste.
Meine Prioritäten hatten sich verschoben und erst jetzt rückten sie sich wieder in das richtige Licht. Viel zu Spät…
Ich griff erneut zum Handy und tippte eine SMS ein.
Es tut mir so leid, was ich dir angetan habe. Bitte bau keinen Mist. Dein Jannik.
Ich las die Nachricht mehrfach, bevor ich die Zeilen löschte und etwas Neues eintippte.
Du wirst mir bestimmt nicht glauben, aber es tut mir leid. Pass auf dich auf. Pass auf unser Baby auf.
Doch das war erst recht nicht das, was Sina von mir lesen wollte und ich hatte kein Recht dazu, so fürsorglich und bestimmend zu sein. Ganz egal ob sie mein Baby unter dem Herzen trug.
Ich löschte die Zeilen erneut und nahm mir vor, egal was ich jetzt schreiben würde, würde ich definitiv abschicken.
Als ich fertig getippt hatte, legte ich das Handy auf den Tisch, schnappte mir meine Jacke und verließ die Wohnung.


© 2010 by Blutmädchen

zum 17. Kapitel

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