Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 15. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
15. Kapitel: In Or Out

Sinas POV

Alleine zu sein war gar nicht gut. Überhaupt nicht gut. Aber was blieb mir gerade schon anderes übrig? Außerdem waren es nur zwanzig Minuten, das hatte Robert versprochen, als er einen wichtigen Anruf bekommen und mich schweren Herzens für einen Moment verlassen musste. Ich wollte nicht an die letzten Stunden denken. An meinen kurzen Zwischenstopp im Krankenhaus und an den Schmerz in Roberts Augen...
Alleine zu sein war absolut kontraproduktiv!
Aber diese dämlichen zwanzig Minuten würde ich doch wohl überleben. Oder?
Ich hatte leise, aber starke Zweifel.
Nach so einer Erinnerungsattacke konnte mich nur fließendes Blut aufmuntern. Mein eigenes fließendes Blut! Und obwohl es mehr als üblich geflossen war, war der Wunsch nach mehr noch lange nicht im Hinterstübchen meines dunkelsten Seins verschwunden.
Ich erinnerte mich, wie ich anfangs, als ich merkte wie gut mir die rote Flüssigkeit des Lebens tat, in die Videothek gestürmt war und meinen volljährigen besten Freund angebettelt hatte mir den brutalsten und blutigsten Film aller Zeiten auszuleihen, in der Hoffnung fremdes Blut würde mir ebenfalls helfen und wenn es das tat, dass ich dann auf meins verzichten konnte. Aber ich merkte schnell, dass es eher der Schmerz war, nicht das Blut. Das Blut hatte einfach nur eine fantastische Nebenrolle. Mein bester Freund hatte sogar einen Kuss dafür bekommen, dass er mir geholfen hatte. Und ich hielt Saw in den Händen.
Leider hatte das Gemetzel, wenn man es denn mal so ausdrücken wollte, mir nicht über meinen eigenen Schmerz hinweg geholfen. Ganz im Gegenteil: Folter war ein weiterer Grund zum Messer greifen zu wollen. Schmerz, der einem Menschen von einem anderen Menschen zugefügt wurde, hatte meine höchste Kotzgrenze herausgefordert und am Ende hatte ich den Boden aus fünfundzwanzig Schnitten vollgeblutet und mit der Fernbedingung das Wort Fuck geschrieben. Mit Blut sah es viel wirkungsvoller und faszinierender aus. Kurzerhand hatte ich es fotografiert, ausgedruckt und eingerahmt. Das lebensfrohe Foto hatte seinen Platz über meiner Couch im Wohnzimmer gefunden, die ebenfalls rot war und ich fand es passte ganz gut.
Das Foto zu schießen war eine Sache, es aufzuhängen eine andere, denn so hatte es jeder Besucher gesehen. Es war mir nicht peinlich. Ich nannte es sogar Kunstwerk und jedes Mal wenn eine abfällige Bemerkung kam und diese mein tiefstes inneres Ich traf, hatte ich unerklärlicherweise grinsend und glücklich auf das Bild geschaut.
Es war Abschreckung und Anziehung zu gleich.
Abschreckend, weil es mein Blut war, was ich besser hätte spenden sollen und somit vielleicht Leben hätte retten können.
Anziehend, weil Blut seine ganz eigene Wirkung auf mich hatte.
Es versprach Linderung.
Jedes Mal, wenn der Drang zum ritzen wieder stärker wurde und ich noch frische Wunden hatte, konnte ich sie aufkratzen und mir neue Schnitte ersparen. Wie oft ich mir Schnitte zufügte war mir egal. Es sollte einfach nur wehtun und bluten. Denn das war der eigentliche Weg, der einen auf die Erfolgsspur zurück führte. Hass und Angst flossen aus den Wunden und frische Luft spülte auch die letzte restliche negative Emotion raus. Zurück blieb eine wunderbare Kühlung. Ein Ziehen und Brennen, dass ich nach belieben durch das reizen meiner Haut verstärken und kontrollieren konnte. Ich hatte die volle Selbstkontrolle und das war wichtig!
Jede Cutting-Session war anders. Es gab keinen Maßstab. Mal war es nur ein Schnitt, mal mehr. Je nach dem wie viele ich brauchte um meine Mundwinkel zu einem Lächeln zu überreden. Denn das Lächeln war ein Muss. Erst dann wusste ich, dass es mir besser ging. Dass ich wieder ein wenig Freude in den Seelenkreislauf bekam. Dass ich auch diesen Schmerz überstanden hatte und stolz auf mich sein konnte noch am Leben zu sein.
Doch es hatte auch andere Zeiten gegeben. Zeiten, an die ich besser gar nicht denken wollte. Zeiten, in denen das Leben einfach auf die nächste Müllhalde gehörte – oder vor einen Zug.
Panisch schüttelte ich den Kopf und das Wort Messer wurde hektisch durch meinen Kopf geschleudert. Es bekam erst gar nicht die Chance nach Luft zu schnappen.
Ich sah mich in dem Zimmer um und meine Augen suchten nach einer Ablenkung, die den Blutdrang zurückweisen würde. Mein Blick blieb an dem iPod, der auf dem Tisch lag, hängen. Aber war das eine gute Idee? Ich gehörte zu den Menschen, die jedes Musikgefühl aus den Songs aufsogen, sich schnell treiben ließen und in einem Gefängnis landeten, in der die Geschichte des Songs „Romeo und Julia Like“ aufgeführt wurde. Ich hatte eine Chance von eins zu dreitausendzweihundertsechzig, denn so viele Songs waren auf meinem iPod vorhanden. Alles war drauf. Von Rock, bis Metal, über Pop, Schlager, Soul und R’n’B. Akustikmusik in Form vom Twilight Score und Pianoklänge fand man ebenfalls in dem ganzen Wirrwarr der Musikgeschichte.
Ich stand auf, ignorierte den Schmerz in meinem rechten Oberschenkel – „Selbst Schuld!“ – und nahm den MP3 Player in die Hand. Wog ihn in der Hand. Hin und her. Und entschied mich letztendlich dafür es zu probieren.
König Zufall und ich waren Erzfeinde, aber vielleicht meinte er es ja heute mal gut mit mir. Das hatte er noch nie, aber für alles gab es ein erstes Mal.
Dafür nicht, sagte eine leise Stimme in meinem Hinterkopf.
Nein, dafür bisher noch nicht, aber vielleicht ja doch heute, jetzt in dieser Minute in diesem Hotel! Bitte!
Ich benutzte sogar mein verhasstes Wort – heute sollte es also wirklich mal klappen!
Entschlossen schob ich die Kopfhörer ins Ohr, schaute zur Decke und drückte auf Play. Das Zufallsprinzip war das einzige, was dieser Player kannte...
„Tell me how long we’ve been going back and forth…”
Jeanette…
Meine Lieblingssängerin…
Meine Lieblingsmusik...
Danke, König Zufall!!! Ich habe es noch nie gesagt, weil es keinen Grund dazu gab, aber heute muss ich Dir einfach sagen, dass ich Dich liebe!
„In Or Out“ war definitiv ein Lied, dass ich ohne Probleme anhören konnte.
Entspannt lehnte ich mich zurück und sang mit...
Tell me how long we’ve been going back and forth
It’s like we’re standing still, I’m left here wanting more
So many times the easiest things are tough
So many times I wished that I could give you up
I’m stuck in the middle
More than just a little
Sick of waiting for your love
Now I’m tired of this riddle
Can’t we keep it simple
Tell me are you in or out
In or out
In or out
In or out
In or out
While I’ve gone and closed my heart around you
You seem to keep all doors open to slide out through
I don’t think I asked for to much
But I need a little more than just a weekly touch
I’m stuck in the middle
More than just a little
Sick of waiting for your love
Now I’m tired of this riddle
Can’t we keep it simple
Tell me are you in or out
In or out
In or out
In or out
In or out
In or out
In or out
In or out
In or out
Tired of being sad I want all or pass
Please make up your mind
Rather be with you but I’m not your fool
I’m nothing you leave behind
I’m stuck in the middle
More than just a little
Sick of waiting for your love
Now I’m tired of this riddle
Can’t we keep it simple
Tell me are you in or out
I’m stuck in the middle
More than just a little
Sick of waiting for your love
Now I’m tired of this riddle
Can’t we keep it simple
Tell me are you in or out
In or out
In or out
In or out
In or out
In or out
In or out
In or out
In or out
In or out
Out, out, out, out, out…

Doch wie so oft regte mich auch dieser Song zum nachdenken an. Zuerst überlegte ich, ob dieser Text überhaupt irgendwie in mein Leben einzuordnen war.
Robert....
Ja, es passte schon...
Es passte nicht zu hundert Prozent, aber es passte...
Robert hatte gesagt, wir sollten es langsam angehen lassen, weil wir uns kaum kannten... Er mochte das guten Gewissens behaupten können, aber wie sollte ich das selbe tun?
Ein Mensch, der meine Narben gesehen hatte und nicht weglief – der musste einfach vertrauenswürdig sein und war automatisch etwas besonderes!
Vorsicht, holte mich mein Verstand auf den Boden der erbarmungslosen Realität zurück. Das hast du schon einmal gesagt, erinnerst du dich? Und wie ich mich erinnerte...
Jannik...
Déjà Vu...
NEIN!
Robert war nicht Jannik!

Robert war ganz anders als Jannik und es war eine bodenlose Frechheit die Beiden auch nur namentlich in einem Zug zu erwähnen, geschweige denn sie miteinander zu vergleichen. Dafür würde mich der Teufel holen...
Worauf du dich verlassen kannst, bildetet ich mir ein die Stimme des Bösen hinter meinem Rücken zu hören. Ich blickte mich reflexartig um, aber da war nur Wand, gegen die ich zuvor schon gelehnt gelegen hatte.
Aber in gewisser Weise waren die Art und Weise des Umgangs genauso, gestand ich mir widerwillig ein.
Jannik war auch nicht weggerannt...
Jannik und ich waren auch miteinander intim geworden...
Der große Unterschied war der entscheidende: Jannik hatte keine Rücksicht darauf genommen, dass es alles zu schnell gehen könnte... Robert dagegen hatte mich spüren lassen was Intimität war.
Die wahre Liebe zweier Körper...
Die Liebkosung des Glückes...
Von Haut zu Haut...
Von Herz zu Herz...
Ja, Robert war definitiv anders. Er war besser, zuvorkommender, sensibler und wenn ich ihn erst einmal besser kannte, würden mir bestimmt noch zig weitere Sachen einfallen.
Allein den Schlüssel, den er mir mit seinen Berührungen geschenkt hatte... Ich hatte die Tür der Vollkommenheit geöffnet.
Des vollkommenen Glücks...
Es war unglaublich, wie das Wort Glück mich geradezu verfolgte. Ich wollte, dass es für immer Hand in Hand an meiner Seite ging. In Gestalt von Robert...
Den heutigen Tag gab es in meinen Gedanken schon gar nicht mehr. Nur der ziehende leichte Schmerz meiner Verletzung erinnerte noch daran.
Ich verstand, dass ich ihn zum glücklich werden brauchte, so wie der Tag auch die Nacht zur Erholung benötigte.
Doch aus welcher Perspektive betrachtete er unsere „Beziehung“?
„Ich sage begehren, weil ich nicht weiß, ob es der richtige Zeitpunkt ist, dir zu sagen, dass ich mich in dich verliebt habe.“
Das hatte er zu mir gesagt... An dem Tag im Krankenhaus...
Krankenhaus... Hilfe... Der Gedanke an Robert ließ mich fast mein Baby vergessen... Deswegen war ich doch erst im Krankenhaus gewesen...
Mittlerweile kam es mir so vor, als wäre ich nur im Krankenhaus gewesen, damit Robert mir sagen konnte, was er für mich empfand. Alles andere war unwichtig in Kartons gepackt und in die Ecke geschoben worden.
Wurde es also höchste Zeit die Kartons zu sichten und auszusortieren, was man nicht mehr brauchte. Das würde lange dauern... Denn ich sollte mir gründlich darüber Gedanken machen, ob und warum ich manche Dinge noch brauchen würde...
Da ich aber noch nicht bereit war jeden Inhalt unter die Lupe zu nehmen, fischte ich erst nur eine Sache heraus, verschloss den Karton sorgfältig und stellte ihn zurück in die Ecke.
Robert und das Baby...
Ich erinnerte mich an seine Hand, die meinen Bauch gestreichelt hatte. Gott, wie gut sich das angefühlt hatte... So vollkommen ernst und... vollständig... Es hatte sich angefühlt, als würden wir drei zusammen gehören.
Aber das war falsch! Der Vater war ein Anderer! Nicht Robert!
Aber Robert war dabei gewesen, als der Arzt mir die Nachricht meiner Schwangerschaft überbracht hatte.
Robert hatte den ersten Kontakt zu dem Baby aufgenommen – mit seiner Hand...
Als würde er das kleine Köpfchen, was noch gar nicht groß genug war, streicheln und beschützend seine Hand auf die kleine Schulter legen...
Wenn ich jetzt darüber nachdachte, war es ein ergreifender Moment gewesen...
Und ich hatte meine eigentlich schon stehende Entscheidung gerade gefestigt...
Ich würde dieses Baby bekommen...
Mein Baby...
Und auch wenn ich es nicht wissen konnte, so vermutete ich zumindest, dass Robert mich bei allem unterstützen und bei der Geburt dabei sein würde.
Nach meinem Blutrausch vorhin sollte das wohl das kleinere Übel sein, oder?
Was ein komischer Gedanke... Fremd, aber tröstlich... Versöhnlich... Ja, ich versöhnte mich gerade mit meiner Umwelt. Der letzte Rest an Weltfrieden wohnte nun auch wieder in meiner Seele und vervollständigte das, was sich nach diesen grünen Augen des Monsters, erst langsam aufgebaut hatte.
Ich war endlich wieder vollständig...
Danke, Robert!

Weitere wichtige Fragen ließen sich aber immer noch nicht ganz beantworten.
Wo sah Robert uns?
Was erwartete er von mir? Von uns?
War er bereit für mich? Für mein Baby?
Würde er mich auch noch akzeptieren, wenn ich Mutter war?
Eigentlich kannte ich die Antwort auf diese letzte Frage und sie lautete „Ja“, aber sicher konnte man sich nie genug sein! Robert selbst musste mir das sagen, damit ich es würde glauben können.
Doch diese Zeit war noch weit weg und mir blieb noch genug Zeit um Antworten zu sammeln und mir Gedanken zu machen.
Bisher schienen wir eine Freundschaft mit weitläufig sexuellen Aktivitäten in der Anfangsphase zu führen. Er war ein guter Freund mit dem man kuscheln und knutschen konnte und vielleicht auch gelegentlich schlafen würde – nicht nur nebeneinander!
Ich konzentrierte mich auf das Lied, was mittlerweile im Repeat lief.
„Sick of waiting for you love“
Ich musste nicht mehr auf Roberts Liebe hoffen. Sie war mir eigentlich schon gewiss. Die Frage war nur, wann ich sie vollständig fühlen würde.
Ich sang den Refrain laut mit.
„I’M STUCK IN THE MIDDLE
MORE THAN JUST A LITTLE
SICK OF WAITING FOR YOUR LOVE
NOW I’M TIRED OF THIS RIDDLE
CAN’T WE KEEP IT SIMPLE
TELL ME ARE YOU IN OR OUT”
„I’m in. “
Ich schreckte hoch. Und blickte in ein wunderschönes Gesicht. Robert stand lässig vor meinem Bett. Die Hände in den Hosentaschen.
„Ich dachte du wüsstest, dass du meine Liebe besitzt und nicht mehr nur darauf warten musst.“ Er sah mich prüfend an. „Ist also eigentlich ganz simpel.“
Ich war sprachlos und lief langsam rot an. Wie peinlich... Robert hatte mich singen gehört... Aber... Das war nicht wichtig! Zumindest seit seine wunderschönen Lippen die Worte formuliert hatten, die ich bisher nur erhoffen konnte. Sie wurden Gewissheit. Wir waren auf einer gedanklichen Welle. Ich dankte Gott und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass das möglichst noch lange so bleiben würde.
„Robert“, sagte ich und stand hastig auf. Was keine gute Idee war. Der kleine Einstich in meinem Oberschenkel zog sich zusammen und schickte einen Schmerz durch mein gesamtes Bein. Ich verlor die Kontrolle und fiel...
In Roberts Arme... Er schien mein persönlicher Schutzengel zu sein!
Er lächelte mich an. Gott, mein Herz tanzte Samba... Wenn ich jetzt keinen Herzinfarkt bekäme...
„Wann lernst du mich Rob zu nennen?“, fragte er grinsend und zog mich eng an sich, küsste meine Wange und streichelte durch mein Haar.
Verwirrt blickte ich zu ihm hoch. Jetzt wo er es sagte... Stimmt... Ich hatte ihn immer Robert genannt. Nie Rob, wie es alle anderen taten. Andererseits waren Spitznamen immer nur das Privileg enger Freunde und ich nannte jemanden so lange bei seinem richtigen Vornamen, bis er mir gestattete ihn mit seinem Spitznamen ansprechen zu dürfen.
„Rob“, lachte ich. „Du hast recht. Tut mir leid.“
„Dafür musst du dich nicht entschuldigen“, erwiderte er zärtlich. „Du darfst mich nennen wie immer du willst.“
„Ich liebe deinen Namen.“
„Er ist altmodisch.“
„Er ist schön!“
„Nur Pferdeflüsterer heißen so.“
„Ich liebe Pferde.“ Ich grinste. Seine Lippen standen offen, aber sagten nichts.
„Okay“, seufzte er. „Dann ist er eben schön.“
„Mein Reden.“
Robert musterte mich nun etwas ernster. „Wie geht es deinem Bein?“
Ich verdrehte die Augen. „Gut“, sagte ich nur. „Aber es wäre doch angenehmer, wenn ich mich hinsetzen würde.“
„Nur auf meinen Schoß“, sagte Robert und setzte sich aufs Bett. Seine Arme luden mich winkend ein mich zu setzen. Zögernd trat ich auf ihn zu und er zog mich zu sich runter. Seine Schenkel öffneten sich wie automatisch und ich rutschte dazwischen. Robert gluckste. „Wenn dir das unbequem sein sollte, dann kannst du dich auch gerne anders hinsetzen.“
Ich dachte einen Moment über sein Angebot nach, entschied mich aber es abzulehnen. Ich spürte seine harte Erektion an meinem Bauch, aber es störte mich nicht. Vielmehr fragte ich mich, was ihn erregte...
Als hätte er die Frage direkt aus meinem Kopf gezogen, sagte er: „Du bist einfach wunderschön. Welcher Mann kann da schon wiederstehen?“
Ich wich seinem Blick aus.
Schönheit konnte auch ein Fluch sein und man konnte nur hoffen nicht von den Falschen begehrt zu werden...
„Verzeih“, sagte er nachdenklich. „Lassen wir das Thema besser für heute.“ Dankbar ausatmend kuschelte ich mich enger an ihn. Er roch so wahnsinnig gut... „Was hältst du von einer Massage?“, fragte er.
„Oh ja“, erwiderte ich begeistert, krabbelte umständlich von seinem Schoß, was mich wieder an den Stich in meinem Oberschenkel erinnerte, und legte mich mit geschlossen Augen aufs Bett.
„Soll ich das T-Shirt hochschieben oder möchtest du es lieber ausziehen?“, fragte er.
Als Antwort richtete ich mich ein wenig auf und zog mir das T-Shirt über den Kopf. Es landete direkt neben dem Bett, auch wenn es vielleicht nicht gut war es so weit weg zu platzieren...
Robert grinste mich an und ich legte mich, mit dem Gesicht in seine Richtung gewandt, wieder auf den Bauch.
„Mit oder ohne Lotion?“, fragte er und krempelte sich die Ärmel seines Hemdes hoch.
„Mit“, sagte ich ohne lange zu überlegen.
„Dein Wunsch sei mir Befehl. Einen Moment, bin gleich zurück.“
Er stand auf und ging ins Bad. Keine Minute später kam er mit einer Flasche zurück.
„Was bin ich froh, dass ihr in Deutschland die Wörter Body und Lotion benutzt. Sonst hätte ich ja lange suchen können.“
Ich lachte. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht“, kicherte ich. „Es war immer selbstverständlich.“
Selbstverständlich... Das Wort erinnerte mich an meine vielen Fragen und jetzt gesellte sich eine neue dazu: War jetzt der richtige Zeitpunkt ihm Fragen zu stellen?
Ich sah ihn prüfend an. Er lächelte, während er ein wenig von der Lotion zwischen den Händen erwärmte und sie dann auf meinen nackten Rücken legte. Seine Finger glitten sanft hin und her. Von oben nach unten, von unten nach oben, von link nach rechts, von rechts nach links. Er sah relativ entspannt aus und nach dem Moment, in dem er mich gefunden hatte bis hin zum Blickaustausch im Krankenhaus hatte er nur eine besorgte Miene gezeigt. Diese Sorge wollte ich nie wieder an ihm sehen! Sein Lächeln war Balsam pur und das beste Aphrodisiakum!
„Du, Rob?“, begann ich zaghaft.
„Hm?“
Er knetete meinen Nacken und ich schloss genießerisch die Augen.
„Danke, dass du vorhin für mich da warst. Und eigentlich... schon seit meiner Ankunft für mich da bist.“
Er hielt kurz inne und küsste meinen Oberarm. „Das ist selbstverständlich.“
„Nein“, wehrte ich schnell ab. „Ist es nicht. Nicht jeder würde so reagieren. Ich war total auf dem Psychopathentrip!“
„Nein“, entgegnete er energisch. „Du bist keine gestörte Psychopathin! Du hast einfach nur zu viel Scheiße erlebt.“
„Aus deinem Mund klingt das wie eine Entschuldigung.“ Mein Ton war vorwurfsvoll.
„Und genau so war es auch gemeint, Sina. Du bist nicht daran schuld und es wird Zeit, dass du das begreifst.“
Ich dachte immer ich hätte es begriffen, doch die Tatsache, dass ich mich mit Schneeballgesichtern aufgehalten und so dem Mann regelrecht in die Arme gelaufen war, ließ sich nicht beschönigen. Wäre ich auf direkten Wege nach Hause gegangen, hätte ich kein Blut vergossen... Und mit meinem Blut nicht auch einen Teil meiner Seele verloren...
„Sieh mich an, Sina“, forderte Robert mich auf und hob mein Kinn ein Stückchen an. „Dich trifft keine Schuld.“
Ich hätte dem Ernst in seinen Augen und seiner Stimme so gerne geglaubt, doch es war nicht so einfach...
Schnell versuchte ich mich abzulenken und entschied mich, dass jetzt der absolut richtige Zeitpunkt war Fragen zu stellen.
„Was hast du eigentlich gedacht, als du hörtest, dass ich schwanger bin?“
Roberts kreisende Hände auf meinem Rücken hielten erneut inne. Lange Zeit schwieg er.
„Ich kann dir gar nicht sagen, was ich gedacht habe. Dafür war es zu viel auf einmal.“ Er seufzte. „Und dann dachte ich, dass das nichts daran ändert, dass ich einem Engel gegenüber stehe, den ich um Einlass in den Himmel bitten muss.“
Ich versuchte mich nicht von seinen schönen Worten ablenken zu lassen. Ich brauchte Antworten! Süße Brötchen konnten wir später auch noch zusammen backen...
„Was denkst du, was das zwischen uns ist?“ Ich richtete meinen Oberkörper auf, jetzt wo Roberts Hände den Betrieb ganz eingestellt zu haben schienen.
„Ich liebe dich“, sagte er. „Und das ist mehr als ich je gefühlt habe.“ Er machte eine kurze Pause. „Das mit dir ist mir sehr ernst. Es ist wunderschön, wahrlich als wäre ich im Himmel, aber du trägst immer noch große Schmerzen auf deiner Seele. Ich werde sie dir nie ganz abnehmen können, auch wenn ich gerade nichts lieber tun würde. Du wurdest so sehr verletzt und ich möchte mich da nicht einreihen.“
„Das tust du nicht“, erwiderte ich schnell. Woran dachte er bloß? Das war ja Wahnsinn...
„So ungern ich es ausspreche, aber Jannik ist noch zu tief in dir drin.“ Meine Hand glitt automatisch zu meinem Bauch. „Nein, nicht nur dadurch“, sagte er leicht grinsend. „Es ist noch zu frisch. Du denkst du bist bereit für mich, aber gewöhne dich doch erst an mich, bevor du wieder enttäuscht wirst.“
„Du könntest mich niemals enttäuschen.“
„Das hat du bestimmt auch zu Jannik gesagt, oder?“
Scheiße... Dieser Blick konnte Tote erwecken, so durchdringend war er... Und ich konnte nicht umhin ihm recht zu geben... Mist!
„Apropos Jannik“, sagte Robert, doch jetzt fiel ich ihm ins Wort.
„Du kannst deine Fragen später stellen. Jetzt will ich erst ein paar Antworten. Die sind wichtiger.“
Robert sah mich leicht verdattert und überrumpelt an. „Okay“, sagte er gedehnt. „Dann frag.“
Sein auf mir liegender Blick ließ meinen Mut in sich zusammen sinken, doch ich raffte meine Gedanken und gab mir einen Ruck, atmete tief ein und aus, seufzte.
„Was erwartest du von mir?“
„Was ich von dir erwarte?“
„Ja.“
„Was sollte ich von dir erwarten?“
„Keine Ahnung. Jannik hatte damals Forderungen an mich, vielleicht hast du die ja auch.“
Ich tat es nicht gerne, aber ich musste zurückblicken... Jannik hatte von mir verlangt, dass ich die Finger von den scharfen Gegenständen lassen sollte. Was unmöglich gewesen war, aber er hatte dennoch darauf bestanden...
Robert schien die richtige Schlussfolgerung zu ziehen, als er sagte: „Ich würde nie von dir verlangen deine Vergangenheit zu verleugnen. Aber es gibt tatsächlich etwas, worum ich dich bitten möchte. Bitten“, betonte er und hob seinen Zeigefinger. „Nicht zwingen.“ Ich nickte zum Zeichen das ich diesen Unterschied verstanden hatte. „Red mit mir, wenn du etwas auf dem Herzen hast. Egal wo du bist, was du machst oder was dich beschäftigt, ich bin immer für dich da. Immer“, sagte er mit etwas mehr Nachdruck. Ich lehnte mich wieder an ihn.
„Und das Baby?“, stellte ich die alles entscheidende Frage. „Wenn ich das Baby bekomme, bleibst du dann trotzdem bei mir?“
Robert sah mich ungläubig und tadelnd an. „Natürlich“, sagte er mit ernster Stimme. „Ich werde immer für dich da sein und wenn es so weit ist, werde ich auch für den kleinen Racker da sein.“
Ein kleines Tränchen floss über meine Wange. Alle Ängste waren darin enthalten und zum ersten Mal tat es gut, dass sich auch Tränen dazu eigneten, den Körper von allem zu reinigen, was nicht da hinein gehörte. In dem Moment war es sogar besser als Blut...
„Mehr wollte ich nicht wissen“, sagte ich mit tränenerstickter Stimme, während Robert meine Tränen lächelnd wegküsste. „Jetzt frag du mich was immer du wissen willst.“


© 2010 by Blutmädchen

zum 16. Kapitel

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Als Dank habe ich immer ne Packung Celebrations und ne fette Keksdose für Euch bereit stehen. Bedient Euch und kommt ruhig öfter zum rumkrümmeln vorbei ♥

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Tascha