Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 13. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
13. Kapitel: Verlassen und Vergessen (1/3)

Sinas POV

Robert war gerade weg, als ich wieder wach wurde. Seine Abwesenheit riss mich aus dem Schlaf, als müsse ich vor einem Hurrikan fliehen – oder vielmehr ihm hinterher laufen, denn nur wenn ich ihn einholte, konnte er mich nicht mehr einholen.
Ich musste Robert einholen und manches klarstellen, ehe er es zuerst tun konnte, so viel stand fest. Doch ich hatte nicht den nötigen Mumm dazu in den Knochen. Denn dann müsste ich mir eingestehen, dass ich diesen Mann „gehen“ lassen musste. Es war eindeutig das falsche Wort, denn er wollte mich ja scheinbar auch, aber „wegstoßen“ war erst recht nicht das Wort, dass meine Gefühle beschrieb. Ich wollte ihn, aber gleichzeitig sagte mir mein Verstand, dass das alles zu weit und zu schnell ging. Wir waren einander nicht unvertraut, aber es bräuchte noch einige Zeit, bis wir uns noch besser kennen würden. Ein Schnellschuss konnte schon zu viel sein und ich wollte ihn auf keinen Fall vergraulen.
Robert war ein wundervoller Mann und das unterstrich er nicht nur durch sein wahnsinniges Lächeln und die Ehrlichkeit in seinen Augen. Er verstand mich einfach. Und nicht nur das, nein, er durchleuchtete mich auch noch. Besser als es jeder Röntgenapparat gekonnt hätte.
Er war nicht vor meinen Narben geflohen.
Er war bereit gewesen sich mit meinem Schmerz auseinander zu setzen und wenn ich ihn ließe, würde er ihn sogar für mich tragen. Das war mehr als Jannik mir je gegeben hatte.
Jannik... Ich seufzte...
War es so einfach ihn zu vergessen? Den Schmerz zu ignorieren, den er mir zugefügt hatte? Die letzten vier Jahre im wahrsten Sinne des Wortes wegzuschmeißen?
Jannik war ein Teil meines Lebens gewesen, der mir die meiste Kraft gegeben hatte. Ich war das kleine zweijährige Kind, dass an seiner Hand laufen lernte und durch die großzügige Liebe lernte, das es nicht zählte was man erlebt hatte, sondern was man daraus machte. Jannik und ich hatten nie detailliert über das, was mir passiert war, geredet und ich konnte nur ahnen, wie er damit umging. Bisher dachte ich immer, er wäre der verständnisvollste Mensch gewesen. Doch das war nicht so. Jetzt, wo ich alles aus einem anderen Licht sehen konnte, musste ich mir meine Lebenslüge, die ich mir selbst auf einer Silberplatte angerichtet hatte, eingestehen. Es schmeckte abscheulich. Schlimmer als Möhrenuntereinander mit Blutwurst. Und das mochte in meinem Falle schon was heißen...
Möhrenuntereinander mit Blutwurst war der Gedanke, der wieder alles in Rollen brachte... Im einen Moment saß ich noch im Schneidersitz auf dem Bett, im Nächsten auf dem bequemen Holzstuhl in der Küche meiner Oma…

Ich freute mich so sehr endlich wieder bei meiner Oma zu sein. Ich liebte meine Oma. Sie war die Beste Oma der Welt und sie konnte so lecker kochen, dass ich mich gar nicht satt genug essen konnte. Ich gierte geradezu nach den Mittagen bei meiner Oma Klara, die das leckerste Möhrenuntereinander der Welt zubereiten konnte. Oma Klara hatte mir versprochen, dass ich heute einen noch besseren Geschmack auf die Zunge bekäme und ich war sehr aufgeregt.
„Möchtest du den Tisch decken, mein Schatz?“, fragte meine Oma während der Kochlöffel durch die Luft schwang.
„Gern“, sagte ich und nahm Besteck aus der Schublade und legte es auf den Tisch. Die Teller waren im höchsten Schrank und ich war zu klein um aus eigener Kraft daran zu kommen. Oma war mit ihrem Kochtopf beschäftigt, also zog ich einen Stuhl heran und holte zwei Teller raus. Als Oma sich umdrehte, stieg ich gerade grinsend vom Stuhl – mit zwei Tellern in der Hand, die ich stolz präsentierte.
„Gott, Sina, sag doch das nächste Mal einfach was, dann helfe ich dir.“
„Ist nicht nötig. Ich schaff das auch so. Siehst du doch, Oma.“
Ich war schon immer ein Kind gewesen, dass die Dinge selbst in die Hand nahm. Seit dem Tod meiner Mutter war ich öfter alleine und wusste wie ich mich beschäftigen konnte. Das Wort Langeweile kannte ich nicht. Und wie hatte Mama immer gesagt?

„Nur wer Dinge selbst erprobt, wird vom Leben reich gelobt.“
Zu der Zeit dachte ich immer, dass sie mit reich gelobt Schmuck meinte. Den ersten Schmuck – eine kleine Kette mit einem Medaillon dran – den ich von meiner Mutter zu meinem achten Geburtstag bekommen hatte, hatte ich gehütet wie einen Schatz und nie abgelegt. Mama hatte mir erklärt, dass ich Schmuck, wenn er mal ganz alt war, viel mehr zu schätzen wüsste, aber schon zu meiner Kindheit hatte die Kette einen unglaublichen Wert gehabt. Besonders nach dem Tod meiner Mutter. Sie war mein Verbindungsstück zu ihr...
Oma stellte den dampfenden Topf auf den Tisch und daneben einen Teller mit etwas, dass wie rote Wurst aussah. Weiße Brocken waren im inneren und es sah nicht gerade appetitlich aus.
„Was ist das?“, fragte ich meine Oma.
Sie tat mir etwas aus dem Topf auf und legte eine Scheibe von der Wurst obendrauf. „Das ist Blutwurst, mein Kind. Etwas ganz leckeres, was man eigentlich immer zu Möhrenuntereinander isst.“
„Das sieht ganz anders aus als Gulasch“, war meine treffende Antwort. Oma lachte. „Und das schmeckt wirklich?“ Oma nickte. Ich wollte es unbedingt probieren. Nicht, weil es gut aussah oder lecker roch, sondern weil Oma das gekocht hatte und ich niemals mehr etwas ablehnen würde. Als ich dass das letzte Mal getan hatte, war dieser Mensch einen Tag später von mir gegangen. Ich hatte oft gedacht Mama hätte mich im Stich gelassen, weil ich ihr Essen nicht probieren wollte...
Ich hob die Gabel und nahm ein Stückchen von der Wurst zusammen mit den Möhren und den Kartoffeln in den Mund. Ich kaute und... Lächelte. Oma hatte recht! Es schmeckte sehr gut.


Fast hätte ich bei dieser Erinnerung gelächelt, doch meine Mundwinkel schafften es nicht. Es war ein automatischer Mechanismus, der Blutwurst mit Möhrenuntereinader und diesen Mann miteinander vermischte. Das Wort Blut war nicht wirklich schön und Blut war auch an diesem Abend geflossen. Mein eigenes Blut.... Wenn auch unfreiwillig...

Paps hatte mich vergessen. Wie konnte er mich nur vergessen? Wusste er nicht mehr, dass ich bei Oma war und er mich abholen musste?
Ich saß wartend am Fenster. Die Sonne war schon untergegangen und es war nur ein kurzer Weg, aber Oma hatte darauf bestanden, dass ich auf Paps warten sollte, bis er mich abholte. Sie wollte nicht, dass ich alleine nach Hause ging.
Es waren zehn Minuten zu Fuß... Und Paps hatte mich wirklich vergessen.
Oma saß vor dem Fernseher und schaute einen Heimatfilm. Ich ging zu ihr um sie zu fragen, ob ich nicht doch einfach schon gehen könnte. Schließlich war ich kein Baby mehr. Ich war zwölf Jahre alt und alt genug um zu wissen, dass ich nicht mit Fremden mitgehen durfte und auch keine Süßigkeiten annehmen sollte.
Doch Oma schlief…
Sie hatte meine Anwesenheit auch vergessen… Scheinbar sollte das mein Schicksal sein.

Verlassen und Vergessen…
Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz nach einundzwanzig Uhr. Ich hätte schon längst im Bett liegen sollen.
Ich ging zum Telefon und wählte die Nummer von Zuhause, aber es nahm niemand ab.
„Paps“, flüsterte ich traurig. „Warum lässt du mich auch im Stich?“ Erst Mama und jetzt er…

Verlassen und Vergessen…
Ich ging wieder ins Wohnzimmer, aber Oma schlief immer noch tief und fest, ich schaffte es nicht sie wach zu machen.
„Was soll’s, dann laufe ich eben nach Hause.“ Ich holte noch ein Stück Papier, hinterließ eine Nachricht für Oma, damit sie wusste wo ich war, zog mir die Schuhe an und trat hinaus in die kühle Abendluft. Der Schnee lag noch auf den Bürgersteigen und es fror, aber ich liebte den Winter. Beruhigend und klar.
Langsam lief ich durch den Schnee, bückte mich und formte Schneebälle, die ich an eine Häuserwand schmiss. Zwei waren auf einer Höhe und ich lachte bei der Vorstellung ein Schneemanngesicht an die Hauswand zu schmeißen. Augen, Nase, Mund – es sah wirklich wie ein Gesicht aus. Ich lachte wie ein kleines Kind und hatte ziemlichen Spaß.
Eine an mir vorbeirennende Katze erinnerte mich daran, dass ich eigentlich auch schneller laufen müsste und keine Zeit vertrödeln sollte. Wenn ich schon alleine rausging sollte ich lieber schneller laufen, damit Oma keinen weiteren Grund hatte böse auf mich zu sein.
Und wenn sie böse wäre würde ich ihr einfach einen Kuchen backen, damit hatte ich es schon immer geschafft.
Eine Bewegung hinter mir, ließ mich kurz zusammenzucken. Irgendwie erwartete ich meine wütende Oma auf dem Bürgersteig zu sehen, doch sie war es nicht. Es war ein Mann. Er war komplett in Schwarz gekleidet und hielt einen Schneeball in der Hand.
„Hallo“, sagte ich freundlich. Man hatte mir beigebracht höflich zu sein und dieser Mann machte auf mich keinen bösen Eindruck. Er lächelte sogar, während er den Schneeball hochwarf und wieder auffing. „Kannst du auch jonglieren?“, fragte ich und sah dem Ball während des Fluges zu.
Der Mann lächelte immer noch. „Natürlich“, antwortete er mit klarer dunkler Stimme, hockte sich hin und formte zwei weitere Schneebälle. Begeistert trat ich näher an ihn heran.
„Dann zeig mal“, forderte ich ihn auf. Und der Mann ließ die Bälle fliegen. Sie wechselten so schnell von einer Hand in die andere, dass ich kaum mitkam. Ich klatschte begeistert in die Hände. „Super“, lachte ich. „Du kannst das ganz gut. Bist du vom Zirkus?“
Der Mann machte einen Schritt auf mich zu und ließ einen Schneeball lässig kreisen, wie es ein Basketballspieler machte. Ich konnte nicht anders als zu staunen.
„Ich kann dir zeigen, was ich noch alles kann“, sagte er und trat noch einen Schritt näher.
Reflexartig stolperte ich plötzlich zurück. Der aufkommende eiskalte Wind, der mir das Haar ins Gesicht blies, war wie ein Warnschuss. Die eisige Kälte schien plötzlich auch von dem Mann zu entströmen und das nach wie vor breite Grinsen war gar nicht mehr freundlich.

Böse, war das Wort, was mir unweigerlich in den Kopf schoss.
Ich versuchte wegzulaufen, aber da hatte der Mann schon eine Hand um meinen Hals gelegt. Er drückte mich auf den Boden und ich spürte den kalten Schnee unter meinem nackten Rücken. Meine Jacke samt Shirt wurden nach oben gerissen. Der Mann drückte seinen Ellbogen an meine Kehle und ich bekam kaum noch Luft.
Mein ganzer Körper wurde immer kälter und die Panik ließ meine Adern gefrieren. Das war nicht richtig. Das war böse. Brutal und gemein. So was machte man nicht.
Gewaltsam wurde ich auf den Bauch gedreht und ihm nächsten Moment, als ein stechender Schmerz mich zu Boden riss, erbrach ich mich. Das leckere Essen meiner Oma, halbverdaut, landete im Schnee.
Doch erst als der Mann etwas Glänzendes aus seiner Tasche zog und in meinen Oberarm stieß, mein rotes Blut in den Schnee floss und der Schmerz an meinem Arm die Kälte, die Angst und den Mann selbst vergessen ließ, ging mein Atem wieder keuchend. Mein Herz beruhigte sich und schlug immer langsamer.
Ich sank in einen Schein aus Sicherheit und goldenem Licht, dass mich wärmend empfing.


Schreiend sprang ich vom Bett hoch, grub meine Finger in die Kopfhaut und zerrte an meinen Haaren, trat mit den nackten Füßen gegen die Wand und trommelte mit den Fäusten auf den Schreibtisch.
Schmerz. Unsagbarer Schmerz. Ich brauchte ihn, doch ausgerechnet jetzt ließ er mich im Stich. Alles was ich tat half nichts und die grünen Augen des Mannes durchbohrten mich wie Messerstiche.
Ich rannte in die Küche, zog ein Messer hervor und rammte es in meinen Oberschenkel. Durch die Jeans. Mein Blick war einzig und allein auf diese grünen Augen gerichtet. Ich wollte das Messer nehmen und mir ins Auge stechen, dieses Bild loswerden, als mich zwei starke Arme von hinten packten und das Messer klirrend auf die Fliesen fiel…

© 2010 by Blutmädchen

zum 14. Kapitel

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