Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 11. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
11. Kapitel: Wie eine neue Haut

Sinas POV

Ich glaubte einfach nur zu träumen. Das musste ein Traum sein, denn so gut konnte – durfte – ich mich einfach nicht fühlen. Nicht nach meinem abrupten Aufbruch aus Deutschland. Nicht seit dem Moment im Krankenhaus, der ganz bestimmt mein ganzes Leben verändert hatte. Doch ich fühlte mich gut, unglaublich gut.
Ich dachte, es hatte mit dem Mann mit den verwuschelten dunkelblonden Haaren und den klaren blaugrauen Augen zu tun, der neben mir lag, mich ansah und mir sanft eine Strähne aus dem Gesicht strich.
Doch da war mehr. Weit mehr als das verdammt gute Gefühl neben einem Mann aufzuwachen, mit dem man intim geworden war, aber keinen Sex gehabt hatte. Allein das hatte mir sehr gut getan. So etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt. Das Intimwerden war so viel mehr wert als ich jemals geglaubt hatte.
Meine gesamte Vorstellung war in nur dieser einen Nacht umgekrempelt worden und ich empfand es nun als Befreiung. Vier Jahre meines Lebens hatte ich neben einem Mann gelegen, der mir gezeigt hatte, was Freude am Sex wirklich war und ich war von Anfang an begeistert gewesen. Berührungen waren für mich wie ein rotes Tuch. Ich war der Stier, den man niemals bändigen würde, sondern nur noch mehr anstachelte. Und so sehr mich diese Vorstellung auch abstoßen konnte – so hatte sie mein Leben mit Jannik ausgemacht. Bei ihm gab es nur ganz oder gar nicht…
Robert dagegen war so feinfühlig und ich war willig genug um es zu versuchen, doch seine Führung hatte mich immer wieder in die entgegen gesetzte Richtung getrieben, ohne dass es mir bewusst war. Er ließ mich eine Art Wohlgefühl empfinden, was man schier unmöglich definieren und in Worte fassen konnte.
Seine Finger waren der Höhepunkt gewesen. Wie er jeden Zentimeter meiner Haut liebkost und mich dabei angesehen hatte… Einfach überwältigend. Roberts Finger waren wie eine neue Haut für mich, die mich die Narben und die grässliche Wahrheit dahinter vergessen ließen. Seine reine weiche Haut hatte mit meiner harmoniert und ich hatte die Narben nicht mehr hässlich und abstoßend gefunden.
Überhaupt fühlte es sich so an, als wäre Roberts Empfindung in meine Gedanken geströmt und hätte mich gereinigt. Gereinigt von dem Unwohlsein, von der Vergangenheit und von der Angst…
Ich blickte ihn an, stolz auf mich selbst. „Hallo“, begrüßte ich ihn. „Geht es dir genauso gut wie mir?“
Er sah mich mit seinem durchdringenden Blick an, der meine Seele zu streicheln schien. „Ja, mir geht es gut“, sagte er, nahm meine Hand und gab mir einen Kuss in die Handinnenfläche. Seine Haltung war offen und ich lehnte mich an ihn. „Du bist ein ganz besonderer Mensch, Sina. Aber ich kenne dich noch nicht sehr lange. Erzähl mir was von dir. Was sind deine Hobbies?“
Ich blickte ihn lächelnd an. „Du interessierst dich für meine Hobbies?“, fragte ich.
„Ja“, erwiderte er. „Wie ein Mensch ist, erkennst du am besten daran, was er tut.“ Ich konnte nicht umhin ihm einen Kuss auf die Lippen zu drücken. Diese weichen sinnlichen Lippen, die so gekonnt Worte formulieren konnten, dass ich mir Sorgen um meine eigene Poesie machte.
„Ich lese und schreibe gerne“, antwortete ich. „Nichts macht mir mehr Spaß als über Emotionen und Gefühlen zu schreiben und Leute zu beobachten, die glücklich sind. Ich liebe Tiere, besonders Hunde und könnte ihnen Stunden lang beim rennen und spielen zuschauen. Menschen glücklich zu machen ist meine persönliche Stärke.“
„Wahrscheinlich, weil du selbst selten glücklich gemacht wurdest?“ Ich starrte ihn an. Geschockt und fasziniert. Es war unglaublich, wie schnell er mich zu durchschauen schien.
Ich nickte verlegen und senkte den Kopf. „Ja, ich lebe durch das Glück anderer Leute. Wenn ich ein Lachen sehe, ist das für mich wie ein Energieball, der in mein Herz dringt und mich wärmt.“
Robert zog mich an sich und ich legte meine Hand auf sein Herz. Es schlug regelmäßig und kraftvoll und hatte eine merkwürdig beruhigende Wirkung auf mich. Wie dieser ganze Mann. Rohe Kraft, die mich umwarf und gleichzeitig auffing.
„Schenk mir dein Lächeln“, sagte er sanft und strich über meine Unterlippe. Unwillkürlich musste ich lächeln. „Genau so. Und jetzt bleib so.“ Seine linke Hand griff hinter sich und zog ein Handy vom Nachttisch. „Schenk mir dein schönstes Lächeln, Sina.“
Und ich lächelte wie nie zuvor. Seine offene und herrliche Art schlug mit einem Schlag in meine Empfindung ein und nahm mich mit in eine unglaubliche Traumwelt. So konnte die reale Welt einfach nicht sein. Da war kein Schmerz und keine Angst, kein Flehen um Besserung, keine Hoffnungslosigkeit oder Leere. In dieser Welt strahlte alles klar, so rein wie die Sonne und strahlend wie ein Diamant. Und es war warm und endlos froh. Hier konnte ich es definitiv aushalten.
Robert betrachtete das Foto. „Du bist wunderschön“, sagte er und wandte seinen Blick wieder zu mir. „So habe ich noch nie zuvor empfunden.“
„Ich auch nicht“, erwiderte ich. Dieses Geständnis ließ mich selbst erstarren. Es war die pure Wahrheit, eine bittere Wahrheit, wenn man bedachte, dass ich mir die letzten vier Jahre nur etwas vorgemacht hatte. Damals hatte ich schon einmal gedacht einen Menschen zu lieben, dem ich bedingungslos vertrauen konnte. Er hatte mich aus meiner Starre befreit, mich aus meiner Einsamkeit gerissen, ohne etwas getan zu haben – es war einfach nur ein Blick in seine Augen, der mir das Tor zur Welt geöffnet hatte. Eine neue, alte Welt. Fremd und gleichzeitig so vertraut, dass es nicht lange gedauert hatte einen richtigen Weg zu finden. Doch eine Tür war immer verschlossen geblieben. Die Tür, hinter der man all seine Vergangenheit abstreifen konnte, als wäre es nur eine zweite schuppige Haut, die abgetragen und verlebt aussah.
Jetzt konnte ich den Wind um mich endlich wieder spüren, obwohl kein Lufthauch im Raum war.
Gestern Nacht hatte ich endlich den Schlüssel zur Tür der Zufriedenheit gefunden und was dahinter auf mich gewartet hatte, hatte mich nicht enttäuscht. Ich hatte eine neue Haut bekommen, hatte das Gefühl der Reinheit und Selbstzufriedenheit zurück bekommen und es fühlte sich so unbeschreiblich mächtig an, dass ich für immer in nur diesem einen Raum bleiben wollte. Mehr brauchte ich nicht zum Glück. Nur die Akzeptanz meiner Selbst…
Roberts Miene wurde ernster und nachdenklicher. „Ich würde diesen Moment am liebsten nie kaputt machen wollen, aber zu deinem eigenen Schutz muss ich es tun.“
Ich sah ihn immer noch glücklich an, ohne Sorgen und Angst. Sein Ton sollte mir Angst machen, aber ich war nicht im Stande dazu etwas anderes empfinden zu wollen, als das, was ich gerade empfand. Diesen Moment wollte ich einfach nur noch festhalten und genießen.
„Das, was ich in deinen Augen sehe tut mir gut“, begann er. „Denn das zeigt mir, dass ich dein Herz berühren konnte. Dass es allerdings so schnell ging, war nicht geplant. Ich bereue nichts mit dir und alles, was ich zu dir gesagt habe war mein absoluter ernst, aber lass es uns langsam angehen.“ Sein Blick wurde eindringlicher. „Lass uns gemeinsam erst nach deinem Weg suchen, bevor wir uns um unseren gemeinsamen kümmern, einverstanden?“
Angestrengt versuchte ich seine Worte zu begreifen, doch so ganz ging es nicht. Ich wollte Ja sagen, aber etwas in mir sträubte sich dagegen. Ich wollte sagen, dass ich mit ihm meinen gemeinsamen Weg gehen wollte, aber es steckte kein Sinn dahinter, der diesem Gedanken Logik verlieh.
Ich nickte jedoch und presste mein Ohr an sein Herz. Wenn dieses Herz für mich schlug, dann war alles richtig.
Ein gefährlicher Gedanke, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf. Aber warum?
„Ich sollte besser gehen“, sagte Robert schließlich und befreite sich aus meinem Griff. Als er aufstand und mich auf dem Bett zurückließ, spürte ich, wie die Leere wieder nach mir Griff. Und mit der Leere kam auch die Panik zurück. Ich durfte Robert jetzt nicht gehen lassen, sagte mein Verstand und meine Beine gehorchten sofort und standen auf um ihm hinterher zu gehen.
An der Tür nahm er mich noch ein letztes Mal in den Arm und gab mir einen bedächtigen Kuss auf die Lippen.
Minuten… Stunden… Tage… Wochen… Jahre…
Die Zeit hätte so schnell vergehen können – ich hätte es nicht bemerkt, nicht mit Robert so nah, aber ich sollte doch langsam aus meiner Naivität erwacht sein, dass alles nur Gut war.
Die Realität holte mich so abrupt ein, dass ich meinen Vater, der plötzlich neben mir stand, erst nur mit glasigen Augen anstarren konnte, ehe ich blinzelte und mein Gehirn die Nachricht, dass mein Vater gerade Zeuge eines Kusses zwischen Robert und mir geworden war, verarbeitet hatte…

© 2010 by Blutmädchen

zum 12. Kapitel

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