Einmal im Leben Liebe statt Schmerz - 1. Kapitel

Einmal im Leben Liebe statt Schmerz
1. Kapitel: Wenn eine Welt zerbricht

Sinas POV

Was für ein Mist, dachte ich, als ich langsam wach wurde und mit müden Augen auf den Wecker schaute. Es war erst fünf Uhr dreißig am morgen. Ich verfluchte mich. War es mir etwa immer noch nicht vergönnt so lange schlafen zu können, bis der Wecker mich wach klingelte? Wütend versuchte ich den letzten Rest von Müdigkeit aus meinen Augen zu bekommen, dann stand ich langsam auf. Mir war total schwindelig. Woher kam nur immer dieses Übelkeitsgefühl? Ich verdrehte die Augen und seufzte. Darüber wollte ich mir nicht auch noch Gedanken machen müssen. Mein Kopf war sowieso schon mehr als sonst mit Schrott überfüllt.
Langsam trottete ich ins Badezimmer. Den obligatorischen ersten Blick in den Spiegel tat ich mir gar nicht erst an. Ich wusste genau wie ich aussah: grässlich, übermüdet, geschlaucht. Warum sollte ich mir das Elend also antun?
Erst beim Zähneputzen regten sich meine Lebensgeister, aber die Augen bekam ich trotzdem nicht weit genug auf.
Für den heutigen Tag hatte ich noch nichts besonderes geplant. Meine beste Freundin Lena hatte mich zu einer Shoppingtour überreden wollen, aber dazu fehlten mir die notwendigen Nerven. Ich war auf so starkem Liebesentzug, dass meine Griesgrämigkeit am heutigen Tag einen neuen Höhepunkt erlebte. Zum Glück musste Lena das nicht ertragen. Sie war glücklich mit ihrem Mark und diese Aura von Glück, Liebe und Lebensfreude umgab sie so stark, dass wir beide momentan einfach zu gegensätzlich waren. Ihre gute Laune war sonst immer ansteckend und auch in meinen schwierigsten Phasen war sie meine zuverlässigste Begleiterin, die mich vor mir selbst beschützen konnte, aber seit dem Abschied von meinem Freund hatte sich meine Gefühlsbahn so sehr geändert, dass selbst Lena mich nicht auf andere Gedanken bringen konnte. Auch wenn wir schon schlimmeres gemeistert hatten...
Plötzlich hörte ich den Ton meines Handys... „Sie haben Post... Jaa... Sie haben Post... Jaaaa, Mensch. Sie haben Post... Jaaaaaa, Mann. Sie haben Post... JA, VERDAMMT NOCHMAL...“ Ich hasste SMS. Wenn man was von mir wollte, sollte man mich gefälligst anrufen. Jeder wusste, dass von mir keine Antwort zu erwarten war. Mit grimmigem Blick ging ich ins Wohnzimmer. Das konnte nur wieder Lena sein, dessen war ich mir sicher. Sie wollte mich bestimmt wieder zum Shoppen überreden. Wenn sie sich einmal was in den Kopf gesetzt hatte, war sie nicht mehr davon abzubringen. Aber ich auch nicht. Es war also ein sehr müßiges Thema. Ich nahm mein Handy und sofort setzte mein Herz aus. Die SMS war nicht von Lena. Sie war von meinem Freund. Ich musste den Text dreimal lesen, bis ich den Sinn der Worte begreifen konnte.
Ich bin wieder in Deutschland. Schreib mir, wenn Du wach bist zurück, wir müssen reden. Jannik.
Ich war so überglücklich. Ich wollte direkt zu ihm. Nein, ich musste zu ihm! Ich musste ihn sehen. Es war ein dringendes Bedürfnis. Hastig zog ich mich an, ohne darauf zu achten was es war. Dann stürmte ich die Haustür raus, wobei ich vor Aufregung fast den Schlüssel vergessen hätte.
Ich ging raus und trat in den strömenden Regen. Normalerweise passte sich meine Laune immer dem Wetter an. Heute war es anders. In meinem Herzen strahlte die Sonne und ein dickes Vorfreudelächeln breitete sich auf meinen Lippen aus. Eigentlich war ich noch sehr müde, aber ich musste Jannik einfach sehen und bei der Vorstellung die Liebe meines Lebens gleich in den Arm nehmen zu können, verschwand auch meine Müdigkeit. Vier lange Wochen war er weg gewesen, auf Rucksacktour durch Amerika. Er hätte sich gerne länger Zeit genommen, aber da ich, dank Abiturstress, keine Möglichkeit hatte ihn zu begleiten, verkürzte er den Trip. Das muss wahre Liebe sein, dachte ich grinsend und stieg in meinen Wagen.
Die fröhlich vergnügte Stimme im Radio verkündete gerade die Uhrzeit. Sechs Uhr. Jannik hatte gesagt ich sollte mich bei ihm melden, aber das dauerte mir einfach zu lange. Ich hoffte er war nicht allzu müde für meinen Besuch.
Nach einer langen, schlaflosen und albtraumgeplagten gestrigen Nacht hatte ich kein Auge zubekommen. Dementsprechend sah ich auch aus. Meine Augenlider waren schwer, meine braunen Augen getrübt von der Müdigkeit. Auch mit meinen Haaren hatte ich heute nicht gekämpft – diesen Kampf hätte ich eh eindeutig verloren. Zottelig und verknotet hingen sie mir ins Gesicht. Jannik würde Augen machen, wenn er mich so sah, aber das war mir egal. Meine Sehnsucht war einfach zu groß, so dass ich ihn einfach jetzt gleich sehen musste. Ich wollte keine Zeit vergeuden. Als mein Fuß aufs Gaspedal trat, merkte ich, dass ich meine Hausschuhe trug. Na super. Statt nackter Füße oder Stiefel hatte ich jetzt zwei Tigerpfoten. Zum Glück hatte mich keiner gesehen, als ich die Straße überquerte.
Ohne weiter nachzudenken fuhr ich aus meiner Parklücke. Jannik musste mich mindestens genauso vermisst haben. Er würde mir meinen Aufzug hoffentlich verzeihen. Ich hatte mir ja wenigstens die Zähne geputzt, über schlechten Atem konnte er sich also nicht beschweren.
Als ich endlich bei ihm vor der Tür stand musste ich mich zwingen vorher noch mein Auto abzuschließen, bevor ich meinen Sehnsüchten nachgeben konnte. Nun gab es nichts mehr was mich von der Liebe meines Lebens abhalten konnte. Mit meinem Gerede und der Niedergeschlagenheit während Janniks Abwesenheit, hatte ich meine Mitmenschen nicht gerade für mich eingenommen. Ich nahm mir vor mich noch mal bei ihnen zu bedanken, dass sie mich ertragen und über Wasser gehalten hatten.
Schnell rannte ich in den dritten Stock, der Aufzug hätte mich nur aufgehalten. Da sah ich ihn. Er stand in der Tür und schaute mich überrascht an. Sofort, und ohne zu überlegen, stürmte ich in seine Arme.
„Jannik, ich hab dich so sehr vermisst“, platzte es aus mir heraus. „Ich wollte nicht noch Stunden warten, also bin ich direkt losgedüst.“
Einen Moment war es ruhig, dann sagte er lächelnd „Das sieht man dir an, Sina. Du siehst ja furchtbar aus. Bist du direkt aus dem Bett in dein Auto, oder wie?“
Ich überging die Stichelei und schaute ihm in die Augen. Ich sah alles, was ich in den letzten vier Wochen vermisst hatte. Blaue Augen, die schönsten Augen der Welt, umrahmt von schwarzen langen Wimpern und dichten Augenbrauen. Er trug Jeans und ein weißes T-Shirt. Dieses Outfit liebte ich an ihm. Dann jedoch löste er sich schnell und abrupt aus meiner Umarmung und drehte mir den Rücken zu. Ich versuchte ihm die Arme um den Bauch zu legen, aber er löste meine Hände und entfernte sich ein paar Schritte. Ein komisches Gefühl machte sich in mir breit. Hatte er mich etwa gar nicht vermisst? Ich lief zu ihm, aber er wehrte mich ab. Ich spürte einen leichten Stich im Herzen.
„Sina, wir müssen reden“, sagte er in nun ernstem Ton. „Ich befürchte dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, aber den wird es wohl nie geben.“ Ich versuchte ihm in die Augen zu schauen, aber Jannik wich weiterhin stur meinem Blick aus.
„Was ist los?“, fragte ich in ängstlichem Ton. Etwas stimmte nicht mit ihm und er machte mir Angst. Ihm musste die Trennung doch genauso körperliche Schmerzen bereitet haben wir mir, oder? Meine Sehnsucht war so groß, ich brauchte ihn, wollte seine Nähe spüren, hatte das dringende Verlangen ihn zu berühren.
Während der letzten Wochen, der schlimmsten vier Wochen meines Lebens, hatte mir die Trennung körperliche Schmerzen bereitet. Unser Abschied am Flughafen tat mir eine Woche später immer noch weh. Ich fühlte mich nicht ganz. Meine andere Hälfte war weit weg. Jetzt war er endlich wieder zum Greifen nah, doch da war eine tiefe Schlucht, die ich nicht überqueren konnte. Ich hätte jeglichen Versuch unternommen um dieses Hindernis zu überwinden, doch seine Ablehnung ließ mich zu Eis gefrieren.
Jannik ging wortlos in die Wohnung. Ich versuchte klar zu denken, den schweren Betonklotz an meinen Füßen zu ignorieren, und einen Schritt nach dem nächsten zu machen. Jeder Schritt tat weh. Meine Angst ließ mich erstarren. Ich versuchte mich über mich selbst lustig zu machen. Jannik hatte mir schließlich noch nichts erzählt, was mir das Recht gab so zu erstarren. Es war lächerlich, dass ich zitterte. Aber es war dennoch berechtigt. Er hatte mich schließlich noch nie abgewiesen und sein ernster Ton und sein gesenkter Blick ließen erahnen, dass, wenn er noch einmal den Mund öffnete, die Macht hatte mich zu zerstören. Dass spürte ich ganz deutlich. Der Sarkasmus, der mich wegen meiner Reaktion verhöhnt hatte war verschwunden und wurde durch Panik ersetzt. Ich musste mich zusammenreißen.
Jannik schaute mich immer noch nicht an. Jetzt ließ die Panik langsam etwas nach und Verärgerung machte sich breit. Vier lange Wochen waren wir getrennt gewesen, eine gefühlte Ewigkeit. Es war wie ein anderes Leben und nun verweigerte er mir seine Nähe? Auch wenn ich spürte, dass es etwas schreckliches war, was er mir erzählen wollte, so war ich nun doch eine Gefangene meiner Wut. Wieso musste er mir diesen glücklichen Moment kaputt machen? Was war passiert, dass ihn so verändert hatte? Hatte er mir nicht versprochen mir niemals weh zu tun? Ich sah ihn wütend an, aber er zögerte. Am liebsten hätte ich ihn angeschrieen. Seine Haltung förderte meine Wut. Mit gesenktem Blick, schlaffen Schultern und geballten Fäusten stand er da. Abwehrend und verletzend. Schließlich drehte er sich um und sagte:
„Ich weiß nicht wo ich genau anfangen soll, aber es wird nicht angenehm...“ Er holte tief Luft. „Ich wollte dir nie wehtun, dass habe ich dir versprochen, aber wenn ich dich belüge helfe ich dir auch nicht. Du hast etwas besseres verdient als Lügen, auch wenn ich denke, dass ich dich viel mehr verletze, wenn ich dir alles beichte.“
Da war sie wieder. Die Panik. Heiß und Kalt fraß sie sich durch meinen Körper. Was wollte er mir beichten? Ich konnte nicht sprechen. Ich hatte einen Kloß im Hals.
„Ich dachte immer du hättest mein Leben erst lebenswert gemacht. Wir haben viel erlebt und durchgestanden und es wäre mir nie im Traum eingefallen, dass es noch eine Steigerung davon geben könnte, aber die gibt es. Durch dich hatte ich ein Leben, durch sie empfinde ich zum ersten Mal so eine riesige Lust auf das Leben. Es ist schwer den Unterschied zu erklären. Noch nie habe ich so einen Menschen getroffen...“ Er stockte und sah mich an. Seine Worte stachen wie Messer in mein Herz. Wie betäubt starrte ich ihn an. Ich wollte ihm den Mund zuhalten, so dass er mich nicht noch mehr verletzen konnte, aber sollte ich etwa davor weglaufen und so tun, als hätte er nichts gesagt? Nein, dass ging auch nicht. Tränen traten in meine Augen und nach meinem Körper realisierte nun auch mein Verstand was er mir sagen wollte. Es gab eine Andere. Wieso? Was hatte ich ihm nicht gegeben? Wo habe ich versagt? Ich spürte die salzigen Tränen auf meinen Lippen. Meine Beine wollten schon unter mir zusammenbrechen, doch ich zwang mich durchzuhalten. Er wusste genau wie weh er mir getan hatte, aber trotz des Schmerzes erwachte mein Stolz. Er sollte nicht sehen wie sehr er mich verletzt hatte. Ich reckte unwillkürlich mein Kinn.
„Wann?“ war das einzige, was ich rausbrachte. Ich hatte Angst meine Stimme könnte versagen. Endlich schaute er auf, aber nach einem Blick in seine Augen wusste ich, dass es ihm egal war, dass er mich verletzt hatte.
„Wir haben uns in San Fransisco kennen gelernt, uns unterhalten, Gemeinsamkeiten entdeckt und Spaß gehabt. Es scheint als hätte ich meinen Seelenverwandten gefunden... Es tut mir Leid.“
Ich konnte ihm nicht antworten. Seine Worte stachen wieder wie Messer in mein Herz. Am liebsten hätte ich ihn angeschrieen und geohrfeigt, doch diesmal schaltete mein Körper schneller, als mein Verstand. Ich war wie erstarrt, unfähig die Lippen zu bewegen. Ich merkte wie ein Verlangen nach dem einzigen Mittel, was mir wieder Selbstkontrolle geben konnte, sich in mir ausbreitete und spürte gleichzeitig die Abneigung, die mich endlich aus dieser Starre ausbrechen ließ.
„Warum?“, fragte ich. Er schaute zu Boden. Sein Anblick schoss mir Magensäure in die Kehle. Da stand er, erzählte mir was von einer Anderen und schaute dabei, als hätte ich ihm einen Seitensprung gebeichtet. Dieses Selbstmitleid war abstoßend. Ich traute es mir zu einen ganzen Satz zu formulieren, ohne mich übergeben zu müssen.
„Warum hast du das getan? Wie konntest du mir das antun? Nach allem was... was wir uns geschworen haben...“ Meine Stimme war ein flüstern, doch die Wut schoss wie Gift in meinen Mund und der Satz endete in einem Schrei.
Er schaute mich nicht mehr an. Ich wusste nicht mehr was ich sagen sollte und nun wusste ich auch, dass ich nicht bereit war antworten zu bekommen. Er machte zwar den Eindruck eines getretenen Hundes, aber als er von dieser Anderen redete, spürte ich deutlich ein leichtes Lächeln in seinem Ton. Diesen Ton kannte ich nur zu gut. So hatte er mich immer getadelt, wenn ich von seinen Küssen nicht genug bekommen konnte, ihm selbst die Gier aber überdeutlich ins Gesicht geschrieben stand.
Ich drehte mich um und stürmte aus der Wohnung. Auto fahren konnte ich nicht, ich rannte einfach los. Etwas drosselte meine Geschwindigkeit: Die Tigerpantoffeln! Ich streifte sie ab und rannte barfuss weiter. In welche Richtung ich rannte war völlig unbedeutend. Nichts bedeute in dem Moment noch was. Die Messer bohrten sich immer noch in mein Herz, tiefer. Ich keuchte. Das Verlangen nach Selbstkontrolle war groß. Ich musste mich dringend in den Griff bekommen, bevor ich ganz den Verstand verlor. Immer, wenn ich so einem Gefühlssturm ausgesetzt war, es mir schwer fiel mich zu beherrschen, ich mein Herz rausgerissen hätte, nur um den Schmerz nicht spüren zu müssen, wollte ich nur eines: Mir selbst Schmerzen zufügen, Selbstkontrolle zurückgewinnen, mich leichter fühlen. Ich wusste genau wie ich dieses Gefühl bekommen konnte. Durch eine Klinge. Ich wollte den Schmerz ausbluten. Schnell schüttelte ich den Kopf und stolperte. Meine Knie rutschen über den Asphalt. Ich spürte einen Schmerz, der meinen Wunsch nach einer Klinge sofort auslöschte. Das war gut. Sofort konzentrierte ich mich auf die Schürfwunde an meinem Knie und merkte, dass mein Kopf aufklarte und meine Gedanken wieder einen anderen Rhythmus bekamen. Ich wusste was ich nun zu tun hatte. Jetzt gab es nur eine Person, die mir helfen konnte...

© 2010 by Blutmädchen

zum 2. Kapitel

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Huhu Ihr Lieben Mitschwimmer :)

Wenn Ihr möchtet, dürft Ihr gerne ein paar Wellen ~ äh, Kommentare hinterlassen. Oder auch ein paar Fische *~*
Ich freue mich über alles, was Ihr da lasst ♥
Als Dank habe ich immer ne Packung Celebrations und ne fette Keksdose für Euch bereit stehen. Bedient Euch und kommt ruhig öfter zum rumkrümmeln vorbei ♥

Klickernde Grüße,
Tascha