Der Schmerz des Verlusts

Der Schmerz des Verlusts

Titel: Der Schmerz des Verlusts
Genre: Frei erfunden
Hauptperson/en: Juliana
Geschrieben am: 07. August 2007
Fertig gestellt am: 07. August 2007
Letztes Update: 07. August 2007

Story Copyright by Blutmädchen


Die Frau des Abends war in einem langen, schwarzen Kleid gekleidet. Ihr Haar hatte sie zu einer Hochsteckfrisur werden lassen. Ihr Blick glitt über die Menschen, die ihr immer wieder mitleidige Blicke zuwarfen, sie fühlte sich sichtlich unwohl in ihrer Haut. Als ein schwaches zartes Stimmchen aus einer Tür drang, an der sie gerade vorbeigehen wollte, zuckte sie leicht zusammen. Sie sah die grünen Augen ihrer Tochter, die der ihres Vaters so verdammt ähnlich waren – sie waren voller Tränen. Sofort beugte sich Juliana zu ihrer Tochter hinunter und wollte sie in den Arm nehmen, aber das kleine Mädchen von sechs Jahren zeigte nur auf eine Stelle hinter ihrer Mutter. Dort stand ein weiteres Mädchen, zehn Jahre alt, Tränen strömten über ihr Gesicht.
„Och Mäuschen“, flüsterte Juliana und nahm sie in den Arm, das Mädchen schmiegte sich dicht an sie. „Lilly, du musst dich nicht verstecken“, flüsterte sie weiter. „Keiner wird dir hier etwas tun. Komm raus aus der Dunkelheit, hier ist kein guter Ort.“ Juliana nahm Lilly an die Hand. „Celina, komm“, sagte sie zu ihrer Tochter und streckte ihr ihre Hand entgegen, die Celina dankend ergriff. Juliana führte die zwei Mädchen aus der Dunkelheit raus und weg von den Menschen, die an ihnen vorbeiliefen, hinein in ein anderes Zimmer, was viel freundlicher wirkte. Es standen zwei Prinzessinnenzelte darin, in die die zwei Kinder direkt verschwanden. Juliana schaute ihnen traurig hinterher und auch ihr lief ein Träne die Wangen hinunter.
„Da bist du ja“, hörte sie eine männliche Stimme hinter sich. „Die Leute warten schon auf dich.“ Juliana sah sich um und schaute in die grünen Augen ihres Mannes. Als er sah, dass sie weinte zog er sie direkt zu sich heran und beruhigte sie. „Ist ja schon gut“, sagte er zu ihr: „Wir schaffen das schon, gemeinsam! Wir haben es deiner Schwester versprochen.“
Juliana sah ihren Mann an: „Ich weiß, aber warum wird daraus so ein Wirbel gemacht? Die Kinder werden nie wieder in Ruhe leben können.“
„Das könnten sie auch nicht, wenn sie in ein aller Welts Kinderheim gekommen wären.“ Zu ihrer Verwunderung sah sie, dass er lächelte. „Für die Kinder ist es nun wichtig, dass sie einander haben und wir sollten sie darin unterstützen, dass ihr Band noch stärker werden kann. Lilly und Ben müssen spüren, dass sie vertrauen können und sie fühlen sich in der Nähe ihrer Cousinen und Cousins wohl.“
Juliana sah auf den Boden, als sie sprach zitterte ihre Stimme: „OK, lass uns gehen.“ Sie winkte Soma, ihrer Freundin zu, die sich während ihrer Abwesenheit um die Kinder kümmern sollte. Nicht, dass dies nötig wäre – die Kinder, Celina und Lilly kümmerten sich selbst sehr gut umeinander. Soma ging in das Zimmer und als die Tür von außen vor Julianas Nase zugestoßen wurde packte sie ein Verlangen, sie wollte ihre Tochter und ihre Nichte nicht alleine lassen, zu groß war ihre Angst, nach all diesen schrecklichen Geschehnissen...

Als Juliana auf das Podest stieg kam sie sich vor, als ginge es zu einem Galgen und bei dem, was ihr bevorstand, war es ihr sogar lieber zu sterben, als all diesen neugierigen Leuten, deren Gier ihnen in den Augen stand, sagen zu müssen, was sie belastete.
Sie schnäuzte sich ein letztes Mal ihre Nase, nahm eine aufrechte Haltung an und wappnete sich für das Bevorstehende. „Guten Tag liebe Familie, Freunde, Bekannte und Trauernde“, sagte sie mit bebender Stimme. Sie holte tief Luft und begann ihre Qualen in Wörter zu formulieren, deren Klang niemals das wiedergeben konnte was sie fühlte. „Wir haben uns alle hier eingefunden um unserer geliebten Schwester“, sie machte eine kurze Pause, „Tochter“, wieder eine Pause, „Freundin und natürlich Mutter die letzte Ehre zu erweisen. Johanna war eine eindrucksvolle Persönlichkeit, deren Sinn des Lebens es war anderen stets mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Sie war nicht nur meine Schwester, sondern auch meine andere Hälfte und es fühlt sich an, als wäre in mir ein Teil gestorben.“ Ihre Hände zitterten während sie in die Gesichter der Menschen blickte. Bei manchen sah sie Trauer, Schmerz und Verzweiflung, aber auch unergründliche Wut. Andere wiederum wirkten einfach nur Begierig das zu hören, was bisher so beharrlich verschwiegen wurde. Diese offene Gefühlslosigkeit schockte Juliana so sehr, dass sich ihre Zunge löste. Sie wollte nicht alles preisgeben, sie wollte aber auch, dass diese Menschen das Leid ihrer Schwester begriffen. Sie begann erneut und ihre Stimme klang kräftiger: „Johanna war ein lebenslustiges und offenes Mädchen, von dem, wie viele Leute sagen, ein magischer Glanz ausging, der jeden in ihren Bann ziehen konnte. Sie war stets fair und loyal, setzte sich für Schwächere ein und erzeugte bei Stärkeren Schuldgefühle. Ihr Arrangement war beeindruckend, sie arbeitete in dem Kindergarten St. Michael und die Kinder liebten sie.“ Juliana unterbrach ihre Rede und wischte sich die Tränen mit dem Taschentuch weg, sie musste stark sein, stark für zwei. Ihr Blick hing am Fußboden fest. „Johannas Leben war wie ein Schmetterling, wunderschön, aber doch viel zu kurz. Ihr Leben ging in dem Moment unter, als sie diesen Mann traf. Ich bringe es nicht über mich seinen Namen auszusprechen, wobei ich denke, dass es unnötig ist, denn Sie alle werden den Namen bereits aus der Zeitung erfahren haben.“ Ihre Stimme brach unweigerlich ab und für einen kurzen Moment wollte sie nicht weiterreden, ihre Zunge schien an ihrem Gaumen festzukleben. Ihr Mann trat hinter sie und legte einen Arm auf ihre Schulter, stärkte sie, wie so oft wenn Juliana vergaß was das Leben wert war. Sie schien frischen Mut zu schöpfen und flüsterte ihrem Mann ein leises Dankeschön ins Ohr. „In der Zeit, in der sie nur Augen für ihn bekam war ich wie Luft für sie, für alle, selbst unsere Eltern bekamen sie nicht mehr zu Gesicht. Das er einen negativen Einfluss auf sie hatte wurde uns allen schnell klar, wir sprachen sie darauf an und sie reagierte mit etwas, was noch nie einer jemals zuvor bei ihr sah – Wut! Sie war wütend, dass wir ihr den Mann auszureden versuchten, den sie abgöttisch liebte. Für uns alle, Familie, Freunde und Bekannte, die die wahre Johanna kannten, war es ein Schlag ins Gesicht. Wir zerstritten uns und sie ging mit ihm nach Russland, sein Heimatland. sieben lange Jahre hörten wir nichts mehr von ihr. Keine Karte, kein Brief, kein Anruf, einfach gar nichts.“ Ein Murmeln hob an und die Anwesenden warfen sich traurige Blicke zu. Grummelnd nahm Juliana wahr, dass nun die Gier der Leute in Bestürzung umgeschlagen war. Leicht zufrieden nahm sie dies zur Kenntnis, nun war der Bann gebrochen. Ihre Schwester und deren Tochter waren keine sensationellen Menschen mehr, denen man zujubeln konnte, sondern arme Seelen, die bedauert werden mussten. Das wollte Juliana – die Sensationsgier der Menschen hatte aufgehört und sie hatte ihr kleines Ziel erreicht. Sie hatte den Kopf gehoben als sie weitersprach: „Am 25. August 2005 bekam ich schließlich einen Anruf und als ich die Stimme meiner Schwester hörte weinte ich los. Ich hatte all meinen Kummer vergessen, der Schmerz über ihr Fortgehen war verschwunden, nun war nur noch der Wunsch sie in den Arm zu nehmen – nur sie war das einzig Wahre. Als ich sie traf war es, als hätte man meine eigene Seele nie entzweigerissen. Ihr Anblick holte mich aber direkt wieder aus meiner Hochstimmung zurück. Sie sah furchtbar verletzt aus, hatte ein Mädchen auf dem Arm und einen Jungen an ihrer Hand. Wir fuhren zu mir und ich verarzte sie, die Kinder schienen keine äußerlichen Verletzungen zu haben. Ich sprach sie auf die Kinder an und so lernte ich das erste Mal meine Nichte Lilly und meinen Neffen Ben kennen. Beide Kinder hatten einen gehetzten Ausdruck in ihrem Gesicht, mir war sofort klar, dass etwas nicht stimmte und das ich diesen Ausdruck nie wieder bei einem Kind sehen wollte und bestimmt auch nicht ertragen könnte. Meine Schwester weinte und erzählte mir von ihrem Mann, der gewalttätig geworden war, mehr brachte sie nicht raus. Ich wusste, als pflichtbewusste Assistenzärztin, dass sie ins Krankenhaus zur Untersuchung gehörte. Als sie sich sträubte fing mein Grauen des Lebens an, der nun, da sie sich mir offenbarte, von ihr auf mich über ging.“ Sie brach entsetzt ab und grub ihr Gesicht in die Arme ihres Mannes. Sie weinte bitterlich. Der Zorn stieg in ihr hoch und sie fasste einen Entschluss: Die Welt sollte ihre Qualen erfahren. Mit blutunterlaufenden Augen wendete sie sich abrupt den Menschen vor sich zu, eher sie ihr Mut verließ. „Alles, was in den Zeitungen stand ist wahr.“ Die Stille war nun deutlich spürbar und versetzte ihr eine ekelhafte Gänsehaut. Um den Moment des Übelkeit erregenden Gefühls in sich abzuschmettern, was hoch kochte, sprach sie schnell weiter. Sie wollte es hinter sich bringen. „Lilly wurde von ihrem Vater missbraucht, jahrelang. Johanna hatte nie etwas mitbekommen, spürte aber, das mit ihrer Tochter was nicht stimmte. Sie sprach ihren Mann an ob er wüsste was Lilly hätte und er verprügelte sie. Bevor sie verstand was da in ihrer Familie passierte vergingen 2 lange Jahre, in denen Lilly großen Qualen ausgesetzt war. Johanna wollte weg und nutzte ihre erste Gelegenheit zu flüchten, kam nach Deutschland zurück und erfuhr durch meine Hartnäckigkeit die schlimme Wahrheit. Ich unterstütze sie und nur der engste Familienkreis war eingeweiht, doch nach der Anzeige gegen diesen Mann kam alles ans Tageslicht. Johanna war oft drauf und dran aufzugeben, begann aber eine Therapie, Lilly auch. Ben wurde nicht missbraucht, aber auch er wurde durch eine Therapie unterstützt.“ Juliana legte wieder eine kurze Pause ein. „Meine geliebte Schwester gab auf, als keine Hoffnung mehr in ihr war. Das Leid ihrer Tochter und ihre Schuldgefühlen brachten sie dazu sich das Leben zu nehmen.“ Nun war alles raus, was gesagt werden musste und Juliana brach zusammen. Das laute bestürzte Reden der Leute nahm sie nur noch von sehr weit weg her wahr.

Juliana wachte auf, weich und warm. Sie lag in ihrem Bett und war zugedeckt, ihr Sohn stand neben dem Bett. Als er merkte, dass sie wach war rief er: „Papa, Papa, komm, Mama ist wach.“ Noch ehe ihr Mann ins Zimmer kam hatte Juliana ihren Sohn umarmt.
„Felix, geht es dir gut?“
„Ja“, antworte er: „Aber ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“ Dieser glühende Blick, voller Angst, hatte sich so sehr in Julianas Auge eingebrannt, dass es ihr in dem Gesicht des eigenen Sohnes nicht mehr fremd vorkam.
„Liebling“, ihr Mann setzte sich auf die Bettkante, sein Blick war besorgt: „Soma kümmert sich um Lilly und Ben und Celina und Nicklas schlafen bereits, genauso wie Zoe. Jetzt muss nur noch Felix ins Bett, aber er wollte sich selbst überzeugen, dass es seiner Mama gut geht.“ Stefan nahm seinen Sohn in den Arm und küsste seine Frau. So eine vermeintlich glückliche Familie, dachte Juliana, und doch ist alles anders.
Sie blickte zu ihrem Sohn: „Jetzt geh aber bitte ins Bett, Felix.“ Er wollte bei ihr bleiben, das merkte sie, aber das wollte sie nicht zulassen, denn er zeigte, dass er sich Sorgen machte. Im Alter von fünfzehn Jahren, so dachte Juliana, war es auch kein Wunder. Felix verstand mehr, als sonst irgendwer und bevor es darin endete, dass der Junge in Sorge sein altes Leben komplett vergaß, wollte Juliana ihm keinen weiteren Grund zur Sorge geben. Ihr Sohn hatte schlimme Dinge erfahren, die auch seine Seele nicht unberührt ließen, doch er sprach nicht darüber. Er hatte sich schon lange nicht mehr mit Freunden getroffen und war in der Schule immer schlechter geworden, dennoch weigerte er sich mit irgendwem zu reden und blieb in seinem Alleinsein hart. Juliana nahm sich jedoch vor am nächsten Tag das Gespräch mit ihm zu suchen und schwor sich nicht aufzugeben, bis er zugab, dass ihn das genauso wie alle anderen belastete.
„OK, ich geh dann zu Bett, Morgen mach ich dir Frühstück, versprochen.“ Er nahm seine Mutter in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Mit einem gezwungenen Lächeln verschwand er aus dem Zimmer, Stefan schloss hinter ihm die Tür. Nun waren er und seine Frau alleine. Juliana legte sich zurück und Stefan legte sich neben sie. Während sie so dalagen schossen ihr viele Gedanken durch den Kopf. Sie sah noch einmal ihre Schwester, verweint und verletzt mit Lilly auf dem Arm und Ben an ihrer Hand. Dann tauchte Felix’ Gesicht vor ihrem inneren Auge auf, ehe es in das von Lilly überging, die bitterlich neben ihrer toten Mutter weinte. Kein Augenlid später erschien wieder Felix’ Gesicht.
Sie schaute ob ihr Mann schon schlief und sprach ihn an: „Stefan?“.
„Ja?“. Sie atmete tief ein und aus und hob ihren Kopf um ihn anzusehen. Ihre braunen Augen sahen in seine Grünen und ihr weiches braunes Haar fiel über ihre Schulter auf seine Brust. Er griff danach und streichelte ihr durchs Haar. Sie schloss für einen Moment die Augen und wieder brachen die Tränen aus ihr raus. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und weinte um ihre tote Schwester, deren Tod nun in jede Faser ihres Körpers drang und sich mit schrecklicher Gewissheit festsetze und ihre Gedanken verstopfte. Für diesen einen Moment vergaß sie, dass sie mit ihrem Mann über Felix reden wollte und trauerte einfach nur als Schwester um eine geliebte Person.

© 2007 by Blutmädchen

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